• Interview | Christian Kieser, Ärztlicher Direktor am Bergmann-Klinikum: "Die Akzeptanz gewinnen, dass ein Shutdown notwendig ist"

Interview | Christian Kieser, Ärztlicher Direktor am Bergmann-Klinikum : "Die Akzeptanz gewinnen, dass ein Shutdown notwendig ist"

Christian Kieser, Ärztlicher Direktor am Klinikum „Ernst von Bergmann“, über die Notwendigkeit weitergehender Maßnahmen, die Lage im Klinikum und die Belastung des Pflegepersonals. 

Christian Kieser, Ärztlicher Direktor am Bergmann-Klinikum.
Christian Kieser, Ärztlicher Direktor am Bergmann-Klinikum.Foto: Andreas Klaer

Herr Kieser, der Geschäftsführer des Bergmann-Klinikums, Hans-Ulrich Schmidt sagte am Mittwochabend im Hauptausschuss, das Klinikum komme an die Kapazitätsgrenze. Was heißt das konkret?

Das bedeutet, dass wir jeden Tag sehr genau auf die Belegung, die Aufnahmen und die Auslastung achten. Wir vergegenwärtigen uns tagesgenau die Kapazitäten und überlegen kritisch, wie wir diese so anpassen müssen, dass wir unserem Versorgungsauftrag gerecht werden. Wir passen auch die Bettenkapazitäten an, wenn das erforderlich ist. 

Wenn die Infektionszahlen so dynamisch bleiben, wie jetzt, wann müssten Sie dann Patienten abweisen?

Das ist eine schwierige Frage. Das Infektionsgeschehen zeigt, dass die Situation sehr ernst ist. Die Rede der Bundeskanzlerin im Bundestag hat gezeigt, dass sie den Schweregrad der Lage begriffen hat. Es bedarf einer gemeinsamen Kraftanstrengung. Es gibt einen breiten gesellschaftlichen Konsens, die einschränkenden Maßnahmen zu akzeptieren, die aus meiner Sicht notwendig sind, um das dramatische Pandemiegeschehen einzugrenzen. Unser Ziel ist es, die nächsten kritischen Wochen zu überstehen. Dann sollten wir so bald wie möglich mit der Impfung beginnen. So wollen wir mittelfristig das Pandemiegeschehen in den Griff bekommen.

In Potsdam wurden die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie diese Woche noch einmal verstärkt. Reicht das, oder braucht es einen harten Lockdown?

Aus einer medizinischen Perspektive sind alle Maßnahmen erforderlich, die die dramatischen Infektionszahlen begrenzen können. Wir müssen heute zu der Erkenntnis kommen, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen. Es sind weitere Maßnahmen erforderlich. Andererseits ist auch zu berücksichtigen, dass ein Shutdown die Menschen aber auf seelischer Ebene belasten kann.

Wie kann das berücksichtigt werden?

Es gilt, die gesellschaftliche Debatte offen und ehrlich zu führen. Wir müssen um die Akzeptanz für die Maßnahmen werben. Gerade Menschen in sozial oder beruflich prekären Situationen, alleinerziehende Mütter, die unter diesen einschneidenden Maßnahmen leiden, müssen wir mitnehmen und von diesen notwendigen Maßnahmen überzeugen. Üblicherweise ist die Zeit um Weihnachten und Neujahr eine Zeit der Begegnung, der Familie. Wir müssen gerade in dieser kritischen Zeit die Akzeptanz dafür gewinnen, dass ein Shutdown notwendig ist.

Zur Person

Christian Kieser, 61,
ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Neurologie. Im Juni war er zunächst interimsmäßig zum Ärztlichen Direktor des kommunalen Bergmann-Klinikums berufen worden. Sein Vorgänger Thomas Weinke hatte den Posten nach dem krankenhausinternen Corona-Ausbruch mit zahlreichen Erkrankten und Todesfällen räumen müssen. Zum 1. Januar 2021 wird Kieser nun für fünf Jahre zum Ärztlichen Direktor berufen. Er stammt aus Bozen in Südtirol, studierte in Wien Medizin und ist seit 2007 Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum. 

Rechnen Sie im Bergmann-Klinikum mit einem weiteren Anstieg der Covid-Patienten nach Weihnachten und Silvester?

Das kann ich nicht ausschließen. Es hängt in hohem Maße davon ab, wie schnell jetzt weiterführende einschränkende Maßnahmen beschlossen werden, wofür ich nur werben kann. Gesundheit ist gesamtgesellschaftlich zu betrachten, wir alle tragen Verantwortung. 

Müssen die Klinikmitarbeiter um Weihnachten und Neujahr Sonderschichten fahren?

Nach unserer derzeitigen Planung sieht es so aus, als ob keine Sonderschichten notwendig sein werden. Wir gehen davon aus, dass wir mit den Regelarbeitszeiten die Gesamtversorgung über die Feiertage bewältigen können.

Allerorten klagen Krankenhäuser, dass sie nicht ausreichend Personal haben, um die Zahl der Covid-Betten zu erhöhen. Ist das auch im Klinikum ein Knackpunkt?

Das Thema Personal betrifft das gesamte Gesundheitssystem. Es wird oft beschrieben, dass die Coronapandemie wie ein Brennglas wirkt. Auch im Gesundheitssystem werden Stärken und Schwächen deutlich. Zu den Stärken gehört, dass wir die Herausforderungen der Coronapandemie, durch schwer kranke Covid-Patienten, im Vergleich zu anderen Ländern gut bis sehr gut bewältigt haben. Aber das Brennglas richtet sich auch auf das Thema Fachkräftemangel und dabei insbesondere Pflegepersonal. Es sind Lehren aus der Pandemie zu ziehen, auch gesundheitspolitisch auf Bundes- und Landesebene. Krankenhäuser brauchen eine vernünftige Ausstattung mit Pflegepersonal, hier gibt es Nachholbedarf. 

Was meinen Sie damit?

Es wird darum gehen, Pflegepersonal in angemessener Form einzustellen. Die Attraktivität des Pflegeberufs ist in den letzten Jahren gesunken. Die Bedingungen müssen besser werden. 

Liegt das nicht auch an Ihnen als Krankenhaus?

Wir agieren in einem Gesamtzusammenhang mit gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Die Finanzierungsbedingungen geben klare strukturelle Vorgaben. Das Budget des Pflegepersonals wird mittlerweile unabhängig von den Fallpauschalen berechnet. Das ist ein erster sinnvoller Schritt. Aber das reicht nicht. Auch die Wertschätzung muss sich verbessern, sowohl innerhalb der Krankenhauslandschaft als auch in der Gesellschaft.

Christian Kieser ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Facharzt für Neurologie. 
Christian Kieser ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Facharzt für Neurologie. Foto: Andreas Klaer

Das Bergmann-Klinikum stellt ein. Wie viele zusätzliche Ärzte und Pflegekräfte konnten rekrutiert werden?

Die Zahlen habe ich nicht im Kopf. Aber ich kann versichern, dass wir ausreichend und mit hohem Engagement um neue Mitarbeiter werben. Wir brauchen aber eine bundesweite Strategie, um die Bedeutung des Pflegeberufs wieder anzuerkennen. 

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Andere Krankenhäuser in Brandenburg brauchen Hilfe der Bundeswehr. Planen Sie das auch im Bergmann-Klinikum?

Im Moment gibt es dazu keine Überlegungen und ich sehe auch keine Notwendigkeit. Wir im Haus sehen die Pandemie gemeinsam als Herausforderung und wollen mit aller Kraft den Versorgungsauftrag wahrnehmen. 

Bei Ihrer Berufung als Ärztlicher Direktor sagten Sie, Sie wollen einen Fokus auf „einer Kultur des Miteinanders, der Wertschätzung und des gegenseitigen Respekts“ legen. Gab es in diesem Bereich bislang Defizite im Bergmann-Klinikum?

Ich möchte meinen Blick konsequent nach vorne richte. Wir wollen gemeinsam das Klinikum in einer schwierigen Zeit voranbringen. Eine Kultur des Miteinanders, des Zuhörens, der wertschätzenden Kontroverse auf der Suche nach der besten Lösung ist eine wichtige Voraussetzung. Das ist nicht mit einem Leitbild getan, sondern muss im Alltag gelebt werden. 

Es hat auch außerhalb von Potsdam für Aufsehen gesorgt, dass mit Ihnen ausgerechnet der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie den Posten des Ärztlichen Leiters besetzt. Ist das Bergmann „therapiereif“ gewesen, was den Umgang mit Mitarbeitern angeht?

Ich glaube nein. Es ist nicht so selten, dass Chefärzte für Psychiatrie und Psychotherapie in die ärztliche Direktion berufen werden. Dadurch wird deutlich, dass die Psychiatrie als integraler Bestandteil der Medizin und des Allgemeinkrankenhauses gesehen wird. Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden immer noch unter Stigmatisierung, Ausgrenzung und Tabuisierung. Es ist ein Auftrag der Psychiatrie, dass wir uns dagegen stellen und uns für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe einsetzen. 

Brauchen manche Mitarbeiter selbst psychologische Unterstützung, um mit ihrer Arbeit mit den Covid-Patienten klar zu kommen?

Das ist ein außerordentlich wichtiger Punkt. Die Situation stellt eine große Aufgabe dar. Ich war gestern auf den Covid-Einheiten. Ich war tief beeindruckt von dem Engagement und der Haltung der Mitarbeiter. Wir bieten Mitarbeitern Coaching, aber auch psychosoziale Unterstützung an. Mitarbeiter nehmen das wahr. Im Sommer weniger intensiv, in den Wochen und Monaten, die wir jetzt erleben, ist die Nachfrage gestiegen. 

Können Sie beschreiben, was die Betreuung der Corona-Patienten so belastend macht?

Die Hygienemaßnahmen sind sehr umfangreich. Bevor eine Pflegekraft in das Patientenzimmer geht, muss sie die komplette Schutzausrüstung anlegen. Auch innerhalb des Teams, selbst in den Pausen gibt es Schutzmaßnahmen. Und: Die Menschen in den Covid-Einheiten sind schwer krank. Die Patienten sind sehr pflegeintensiv. Die Verläufe sind häufig lang und sehr unterschiedlich, der klinische Zustand der Patienten kann sich akut verschlechtern. Das ist sehr belastend. Was die Mitarbeiter in den Covid-Einheiten aber insgesamt im Krankenhaus leisten ist außergewöhnlich und verdient hohe Anerkennung.

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