• Interview | Amtsärztin Kristina Böhm: "Das 2-G-Modell ist nicht sicher genug"

Interview | Amtsärztin Kristina Böhm : "Das 2-G-Modell ist nicht sicher genug"

Potsdams Amtsärztin Kristina Böhm spricht im Interview über ihre Einschätzung der Corona-Lage, plädiert für eine Wiedereinführung der Maskenpflicht an Grundschulen und für mehr Schutz bei Veranstaltungen.

Kristina Böhm leitet das Potsdamer Gesundheitsamt seit 2016. 
Kristina Böhm leitet das Potsdamer Gesundheitsamt seit 2016. Foto: Andreas Klaer

Frau Böhm, wie beurteilen Sie die aktuelle Corona-Lage in Potsdam?
Es mag ruhig aussehen, ist es aber nicht. Wir haben ein kontinuierliches Infektionsgeschehen. Im Schnitt kommen pro Tag 20 bis 25 neue Fälle rein. Wichtig ist auch: Die Neuinfektionen, die ausgewiesen sind, geben nur den Stand für Potsdam wieder. Wir sind aber einer der größten Schulstandorte im Land, was sich angesichts der Infektionszahlen bei uns im Gesundheitsamt in hohem Maße bemerkbar macht. Im Bereich der Kitas, Schulen und Horte ist die Lage angespannt.

Sie sind weiterhin im Krisenmodus?
Ja, das sind wir. Unsere Hoffnung, dass wir eine Sommerpause erleben dürfen wie im letzten Jahr, hat sich in keiner Weise bestätigt.

Woran liegt das?
Das Geschehen hat sich zum Teil verlagert. Die Infektionen betreffen eher jüngere Erwachsene und in Ketten Kita, Schule und Hort. Außerdem ist fast immer die ganze Familie betroffen, sobald sich einer infiziert. Das war im letzten Jahr anders. Und je nachdem, zu welchem Zeitpunkt wir diese Meldung bekommen, hat sich das Virus im Hintergrund schon über die Kontakte der Kinder weiterverbreitet. Wenn wir das dann unterbrochen haben, kehrt zwar relativ schnell Ruhe in dem Cluster ein. Aber es ist nicht so einfach, alles zu entdecken.

Das Virus breitet sich also vorwiegend in Kitas und Grundschulen aus, wo sich Kinder aufhalten, die nicht geimpft werden können und keine Masken mehr tragen?
Das Geschehen spielt sich dort ab, aber es kommt nicht von dort. Das Virus wird in die Kitas, Schulen und Horte hineingetragen und kann dann Kreise ziehen. Es kommt zumeist über Erwachsene zwischen 18 und 59 Jahren, die im Arbeitsleben stehen, ihre sozialen Kontakte haben. Sie infizieren sich, geben das Virus an ihre Kinder weiter, und die bringen es in die Gemeinschaftseinrichtungen. Dort trifft es auf eine Gruppe, die nicht geimpft ist. Dazu kommt, und das ist auch völlig nachvollziehbar: Kinder sind Kinder, sie spielen miteinander, pflegen ihre sozialen Kontakte, kommen einander in den Pausenzeiten und auf dem Hof nahe. So tragen sie das Virus weiter, auch wenn wir die positiven Kinder durch die regelmäßigen Tests relativ schnell finden.

Eine Viertklässlerin mit Maske im Unterricht. In Brandenburg ist die Pflicht derzeit aufgehoben. 
Eine Viertklässlerin mit Maske im Unterricht. In Brandenburg ist die Pflicht derzeit aufgehoben. Foto: picture alliance/dpa

Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Politik im Prinzip die Durchseuchung der jüngeren Kinder in Kauf nimmt. Dabei waren die mit geschlossenen Schulen zuvor quasi ein Jahr eingesperrt, um die Älteren zu schützen. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das tatsächlich ziemlich kritisch.  Anfang des Jahres war klar, dass für die Altersgruppe der bis Zwölfjährigen nicht so schnell Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Wir haben bereits im Mai auf diese Lücke hingewiesen: Hier müssen wir unbedingt etwas tun! Denn das Virus sucht sich seinen Weg, es macht Ping-Pong. Wenn die Gruppe der Ungeimpften kleiner wird, bleibt das Virus eben in diesem Kontext. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich Corona auf die jüngeren Kinder ohne Impfschutz fokussiert.

Lässt sich nichts gegen die Durchseuchung tun?
Doch. Es gibt ja Schutzmechanismen, vor allem den Mund-Nasen-Schutz. Da hilft sogar schon der einfache, es muss gar nicht eine medizinische Maske oder gar FFP2 sein. Deswegen ist es äußerst bedenklich und auch nicht wirklich nachvollziehbar, dass die Maskenpflicht an Grundschulen in Brandenburg bereits 14 Tage nach den Sommerferien aufgehoben worden ist. Wir haben ganz schnell gesehen, was geschieht: Das Virus breitet sich aus, vor allem an den Grundschulen.

Sie appellieren, die Maskenpflicht an Grundschulen wieder einzuführen?
Ja, unbedingt. Ich halte es für sinnvoll, die Maskenpflicht an den Grundschulen wieder einzuführen. Die Kinder haben verstanden, dass das nutzt. Das Tragen sorgt dafür, dass sie weiter zur Schule gehen dürfen, weiter miteinander spielen können. Und das ist viel, viel höher zu bewerten als die Nachteile. Wie gesagt, der Mund-Nasen-Schutz könnte auch schon ein einfaches Stofftuch sein. Es hätte den Effekt, dass wir weniger durchlaufende Infektionen hätten, weniger Kinder in Quarantäne, weniger infizierte Familien.

Könnte Potsdam die Maskenpflicht im Alleingang wieder einführen?Nein. Eine solche Allgemeinverfügung ist uns momentan mit der Umgangsverordnung des Landes nicht möglich. Um jetzt zeitweise eine Maskenpflicht anzuordnen, müssen wir eine konkrete durchlaufende Infektion nachweisen – was an zwei Grundschulen, Weidenhof und Eisenhart, auch schon geschehen ist.

Was erwarten Sie für Herbst und Winter?
Die infektiologischen Maßnahmen hatten Erfolge. So ist die Grippewelle im vergangenen Jahr de facto ausgeblieben. Das hat allerdings einen enormen Nachteil, von dem uns die Kinderärzte und Kliniken schon berichten: Besonders die Kinder haben durch die Corona-Maßnahmen ihr Immunsystem in den letzten Monaten nicht trainiert. Wir müssen daher befürchten, dass mit der neuen Influenzasaison ein Problem auf uns zukommt, in Form von Grippe- und Atemwegserkrankungen. Das betrifft auch Erwachsene, denn auch hier hat das Immunsystem nach den letzten Monaten Defizite.

Es drohen mehr Erkrankungen und schwere Erkrankungen?
Ja, wir werden diesen Winter mehr sehen als Corona. Hinzu kommt ja, dass vielerorts weitere Schutzmaßnahmen fallen gelassen werden. Aus meiner Sicht sollte die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr unbedingt über die Schlechtwetter-Monate bestehen bleiben, um auch vor den anderen Infektionen zu schützen.

Gerade haben die Kultusminister der Länder dazu aufgerufen, möglichst wenige Schüler:innen in Quarantäne zu schicken, also maximal die Sitznachbarn von Infizierten und das möglichst kurz. Letztlich entscheidet aber das örtliche Gesundheitsamt. Positionieren Sie sich strikter?
Jein! Wir gehen gestaffelt vor. Wir halten uns dabei an die Vorgaben des Robert Koch-Instituts, des RKI. Im ersten Aufschlag ordnen wir nur für die engen Kontaktpersonen Quarantäne an. Dabei sind wir auf die Zuarbeit aus den Schulleitungen angewiesen. Eine wichtige Frage ist: Gibt es einen festen Sitzplan? Falls nicht, wird es komplizierter. Wenn mehr als zwei, drei Corona-Fälle innerhalb des Klassenverbands oder der Jahrgangsstufe auftauchen, switchen wir um. Dann müssen wir den Kreis der Kontaktpersonen größer fassen. Somit ist fast jeder Index, also jeder Corona-Infizierte, in einer Schule als Einzelfall zu betrachten.

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Erklären Sie das bitte etwas genauer!
Wir hatten einen Fall, da stellte sich heraus, dass die Indexperson nicht nur Unterricht gegeben, sondern auch Chor und Orchester betreut hat – und dort ist kein Mund-Nasen-Schutz getragen worden. Schon hatten wir zahlreiche Kontaktpersonen. An den Grundschulen wird zudem oft klassenübergreifend Sportunterricht gemacht. Jeder kennt die schlecht belüfteten Sporthallen, und spätestens im engen Umkleideraum hat sich die Sache ohnehin erledigt.

Das alles müssen Sie bei jedem infizierten Schüler oder Lehrer herausfinden?
Ja. Wir generieren die Informationen sowohl von den positiv Getesteten, als auch von der Schule und den Lehrkräften, die direkt dabei waren. Bei den Kindern kommt es natürlich darauf an, wie alt sie sind, wie gut sie sich ausdrücken können. Manchmal mischen sich Eltern ein, die gar nicht vor Ort waren, aber angeblich ganz genau wissen, mit wem ihr Kind Kontakt gehabt hat ... sehr spannend. Und dann kommt in der nächsten Stufe der Hort dazu. So wird oftmals aus wenigen Unterrichtskontakten unweigerlich eine größere Gruppe. Spätestens, wenn wir mehrere Fälle auch Jahrgangsstufen übergreifend haben, greifen wir zu weiterreichenden Mitteln.

Dann müssen an der betroffenen Schule viele Schülerinnen und Schüler in Quarantäne?
Ja, diese wird für zehn Tage ausgesprochen. Aber auch da greifen wir zu einem gestuften Verfahren. Nach fünf Tagen kann das Kind freigetestet werden. Das offerieren wir allen Eltern, allerdings muss dafür ein PCR-Test gemacht werden, so wie es das RKI vorschreibt. Konkret heißt das, dass am fünften Tag der Test gemacht wird, das Ergebnis an Tag 6 vorliegt. Am Tag 7 nach Kontakt mit positiv Getesteten kann per qualifiziertem Schnelltest freigetestet werden. Alle Eltern können frei entscheiden, wie sie es handhaben, allerdings erst, wenn unsere Ermittlungen abgeschlossen sind. Das kann nach ein, zwei Tagen der Fall sein, es kann aber auch mal länger dauern.

Sie schicken die Eltern dann in die städtische Teststelle?
Ja, dort, aber auch in allen anderen Testcentern können sie testen lassen. Was uns zunehmend Sorgen macht: Bei Kindern, die am Tag 5 mit PCR freigetestet sind, haben wir immer mehr Fälle, die am Tag 6, 7 oder 8 symptomatisch und dann auch Corona-positiv werden. Dann haben wir ein Infektionsgeschehen, das nicht zur Ruhe kommt, aber uns sind vorher die Hände gebunden.

Was ist der Grund für spät erkennbare Infektionen?
Die durchschnittliche Inkubationszeit hat sich nicht verändert – sie liegt bei fünf bis sieben Tagen. Der mögliche Freitest am Tag 5 ist einfach verdammt früh.

Was geschieht, wenn sich das Virus über diesen Weg in Schulen ausbreitet?
Der nächste Schritt ist, dass eine Quarantäne verfügt wird, bei der eine Freisetzung nach fünf oder sieben Tagen nicht möglich ist. Aber auch das passiert im stufenweisen Verfahren – für jede Klasse extra, für jede Schule. Wir müssen alles stets neu bewerten. Das kann am Ende auch dazu führen, dass nicht immer alle Aussagen in sich schlüssig sind, nicht jeder Mitarbeiter auf dem gleichen Stand ist...

...und die Eltern Quarantäne-Chaos beklagen und sich fragen, ob in Ihrem Gesundheitsamt die linke Hand weiß, was die rechte tut...
Wir haben für Kita, Schule und Hort bereits ein extra Team, „Corona Gemeinschaftseinrichtungen“. Die machen nichts anderes als diese Koordination.

Wie groß ist das Team?
Es sind sieben bis zehn Leute. Und das ist momentan zu wenig, weil das Geschehen an den Schulen immer wieder hochgeht. Das sieht man an den Kontaktpersonen. Zuletzt hatten wir 294 Kontaktpersonen bei Kindern, es waren aber auch schon 700, 800.

Sollten die Schulen die Hygienepläne verschärfen, sich doch wieder mehr einschränken?
Nein. Die Schulen versuchen nach bestem Wissen und Gewissen, alles so gut wie möglich zu machen – mit den Mitteln, die sie zur Verfügung haben. Das eine oder andere könnte in der Umsetzung vielleicht manchmal ein bisschen konsequenter sein, wie zum Beispiel das regelmäßige Lüften.

Können Luftfilter helfen?
Alle Klassenräume technisch so auszustatten, dass die Luftfilter wirklich effizient arbeiten können, halte ich für unmöglich. Wo werden sie aufgestellt, was ist mit der Raumluftanlage? Und Lehrer monieren ja durchaus berechtigt, dass die Luftfilter Lärm machen, den Unterricht stören. Schwierig.

Luftfilter werden nicht die von vielen Eltern erhoffte Rettung für Herbst und Winter sein? 
Nein. Zu bedenken ist auch, dass zum Herbst und Winter sowieso Husten, Schnupfen, Heiserkeit gehört. Es wird ausgesprochen schwierig sein, das alles von Corona zu unterscheiden. Dafür müssen wir beim intensiven Testen bleiben.

Was erwarten Sie nach den Herbstferien angesichts der Reiserückkehrer?
Man wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn man nicht befürchten würde, dass es weiter hochgeht. Wir sind ja bereits auf einem relativ hohen Niveau. Wenn man überlegt, über welche Zahlen wir im letzten Jahr nachgedacht haben – da war die Inzidenz 50 bereits eine Katastrophe. Und jetzt sind wir bei einer Inzidenz von über 60, in Potsdam und auch in der Bundesrepublik. Das heißt, von dieser Inzidenz kommen wir erst einmal gar nicht mehr runter.

Ist das ein Grund zur Sorge?
Meine Sorge ist vor allem, dass wir mit dem Ende der kostenfreien Bürgertests nicht mehr gut genug detektieren. Das ist schwierig und stellt uns vor enorm große Herausforderungen. Denn die Hausärzte allein werden die nötigen Tests kaum abfangen können. Im medizinischen Kontext werden sie es natürlich machen, aber darüber hinaus können und dürfen sie es nicht. Die Gefahr besteht, dass sich im Hintergrund ein Infektionsgeschehen entwickelt, was wir erst einmal gar nicht sehen. Und das sich dann erst offenbart, wenn die Zahlen wieder richtig hoch sind. Das macht schon ein bisschen bange, das muss ich ganz ehrlich sagen.

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Drohen mit stärkerem Infektionsgeschehen wieder Schulschließungen?
Wir müssen die Schulen offenhalten! Das ist alternativlos. Wir können den Kindern nicht nach fast zwei Jahren Pandemie wieder die Last aufbürden, die wir letztendlich dadurch verursachen, dass wir uns als Gesellschaft gerade nicht einig sind bei den Impfungen. Wir wissen schon jetzt, dass die Pandemie bei Kindern und Jugendlichen Folgen hat. Die ersten Auswirkungen sehen wir, die sehen unsere Zahnärzte, die sehen wir bei den Schuleingangsuntersuchungen. Das sind noch keine standardisierten Erhebungen. Aber es wächst der Eindruck, dass da tatsächlich eine Menge auf uns zukommt. Die Kinder nun erneut vom System Schule, Kita, Hort auszuschließen, weil wir keine anderen Ideen haben, das ist nach meinem Dafürhalten kein probates Mittel. Das dürfen wir nicht tun.

Sie haben vor Monaten ein Pilotprojekt mit den so genannten Lolli-Tests angekündigt, um die Schulen möglicherweise ein Stück sicherer zu machen. Doch das läuft immer noch nicht, oder?
Also, dazu habe ich etwas mitgebracht (deutet auf einen dicken Stapel Papier). Wir halten die Lolli-Tests, oder auch die Gurgel-Tests, weiterhin für eine gute Idee. Ein Grund: Mit den Proben machen wir PCR-Tests, nicht Antigen-Schnelltests. Und wenn ein PCR-Test anspringt, also positiv ist, haben wir oft noch den Zeitpunkt erwischt, zu dem noch keine große Ansteckungsgefahr herrscht. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn ich ein positives Kind per PCR herausfische, ist die Gruppe der gefährdeten Kontaktpersonen noch kleiner, als sie jetzt schon ist.

Aber warum gibt es das nicht längst?
Weil das Land noch nicht so weit ist. Wir haben unser Pilotprojekt in Potsdam Ende Mai projektiert, mit Blick auf die PCR-Lolli-Test-Studie in Köln und Umgebung. Spätestens seit einem Telefonat mit Dr. Pregler und Prof. Dr. Kabesch aus Regensburg bin ich vollumfänglich überzeugt, dass wir genau das an den Grundschulen tun müssen. Immerhin haben wir jetzt, das ist bislang noch inoffiziell, für acht Wochen eine Pilotschule in Potsdam, die Goethe-Grundschule.

Warum nur eine?
Das Land möchte das Pilotprojekt landesweit ausrollen, also kommt nur eine Potsdamer Schule dran. Unser Anspruch war, den ganzen Grundschulbereich Potsdams zu beteiligen. Und wir hätten, so glaube ich, schneller sein können.

Sie sind verärgert darüber?
Brandenburg hat da den Nachteil des Flächenlandes. Denn zum Lolli-Test-Konzept gehört eine gute Infrastruktur mit Laboren. Wie das klappt, will das Land erst einmal ausprobieren, das ist verständlich.

Charité-Virologe Christian Drosten hat jüngst vorgeschlagen, nur noch symptomatische Kinder zu testen: Es sei angesichts des Impfortschritts nicht mehr so entscheidend jede Infektion zu entdecken, und die Gesundheitsämter würden in der kalten Jahreszeit überfordert.
Solange mein Team es kann, werden wir versuchen, jeden Einzelfall zu ermitteln. Denn wir haben mit jedem Fall und jeder Infektionskette, die daran hängt, die Chance, weitere Kreise des Virus zu verhindern. Doch ganz ehrlich: Ich weiß derzeit nicht, wie lange wir das durchhalten können, wenn die Zahlen weiter steigen.

Wie sind die Potsdamer Impfquoten?
Der Anteil der geimpften Zwölf- bis 17-Jährigen liegt bei etwa 23 Prozent. Das ist viel, das finde ich grandios. Mehr passieren muss vor allem im Mittelbau, bei den Erwachsenen, die leicht dafür sorgen könnten, dass das Virus sich vor allem in Innenräumen nicht verteilt. Vor sechs Wochen lag die Quote der vollständig geimpften Potsdamerinnen und Potsdamer zwischen 18 und 59 Jahren bei nur 61 Prozent.  Das ist zwar über dem Landessdurchschnitt, ist aber vom Ziel noch weit entfernt.

Wir bekommen immer wieder Anfragen von Eltern, die sagen, sie würden ihr über zwölfjähriges Kind gerne impfen lassen, aber der Kinderarzt mache es nicht oder sei völlig überlastet. Beteiligen sich die niedergelassenen Ärzte genug an der Impfkampagne?
Wir stehen mit den Praxen in Verbindung. Die Kinderärzte in Potsdam haben ein sehr umfangreiches Geschäft. Schon vor Covid hatten Eltern Schwierigkeiten, Vorsorgeuntersuchungen oder andere Termine zu bekommen. Zudem muss eine Impfsprechstunde immer von anderen entkoppelt sein, da sich ein gesundes Impf-Kind nicht anstecken soll. So gibt es administrative Schwierigkeiten, verstärkt durch die umfangreiche Dokumentation der Covid-Impfungen.

Beim mobilen Impfen jüngst vor einem Potsdamer Supermarkt war der Andrang sehr groß. Wurden die Impfzentren zu früh geschlossen?
Unsere mobilen Angebote werden extrem gut angenommen; je barrierefreier es ist, desto besser. Das gilt auch für die Impfaktion im Freiland, bei der wir Leute ohne Wohnsitz und solche, die nicht im Krankenversicherungssystem angebunden sind, ansprechen wollten. Dort kamen viele, weil sie nicht in irgendeiner Sprechstunde anrufen und einen Termin machen mussten. Deswegen forcieren wir das mobile Impfen, wo wir nur können. Ziel ist es, die Unschlüssigen zu erreichen. Die Barriere muss niedrig sein. Im Freiland haben wir Johnson & Johnson-Impfstoff angeboten, von dem nur eine Dosis nötig ist. Das hat viele angezogen. Die Corona-Leugner und -Zweifler werden wir nicht überzeugen können. Aber wir müssen die Gruppe der Ungeimpften so klein wie möglich halten.

Wie nah sind wir an der Herdenimmunität in Potsdam?
Da würde ich mich sehr weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich mich auf eine Zahl festlegen würde. Doch von Herdenimmunität sind wir in Potsdam noch entfernt, das ist ein Stück hin.

Neuerdings ist neben der Sieben-Tage-Inzidenz die Hospitalisierungs-Inzidenz, also die Belegung der Krankenhausbetten, ein wichtiger Gradmesser für die Pandemielage. Wie sieht es da in Potsdam aus?
Sie ist hier im ganz, ganz niedrigen Bereich. Was weniger erfreulich ist: Die Covid-Patientinnen und -Patienten in den Kliniken sind deutlich jünger. Das heißt, die allermeisten sind unter 60 Jahre. Ein sehr hoher Prozentsatz von ihnen gehört zu den nicht Geimpften.

Zur Person

Kristina Böhm leitet das Potsdamer Gesundheitsamt seit 2016. Die 44-jährige promovierte Ärztin diente zuvor in der Bundeswehr, auch im Auslandseinsatz. Sie hat drei Töchter und lebt in Werder (Havel).

Ist das 2-G-Modell, also etwa eine Party nur mit Geimpften und Genesenen, sicher genug?
Eher weniger sicher. Auch Geimpfte können das Virus haben und übertragen. Zudem ist das Genesen-Sein ja nur ein temporärer Zustand für sechs Monate nach einem positiven PCR-Test. Und man kann darüber streiten, was in diesem Falle durchgemachte Infektion heißt. Für mich gehört dazu, dass der Betreffende nicht nur positiv war, sondern auch symptomatisch, weil das ja das Zeichen ist, dass das Immunsystem reagiert hat. Alle, die im letzten Jahr positiv waren, zählen nicht mehr zu den Genesenen. Und diejenigen, die Anfang dieses Jahres positiv waren, hatten mit der Delta-Variante noch nicht so viel zu tun. Insofern bleibt es für mich dabei: Wir brauchen eine Trias: geimpft oder genesen und zusätzlich tagesaktuell getestet.

Sie haben von einer 2G-After-Work-Party in Potsdam berichtet, die eine ganze Kette von Infektionen zur Folge hatte.
Ja, diese Veranstaltung hat uns die Grenzen des Möglichen eindrücklich gezeigt. Dort waren rund 140 Personen, größtenteils aus Potsdam. Sechs von ihnen waren Corona-positiv, einer kam aus Berlin, jeder hatte Kontaktpersonen. Einer 20, einer drei, zwei jeweils zwei, zwei jeweils fünf. Aus den fünf wurde jeweils ein Infizierter, aus den 20 wurden drei. Ein Elternteil steckte sein Kind an, das hatte 56 Kontakte in der Schule – die Folge waren sieben weitere Infizierte, und im nächsten Schritt mindestens drei weitere. So hatten wir dann eine durchlaufende Infektion an einer Grundschule mit allen Konsequenzen. In der Summe sind es über 300 Kontaktpersonen geworden, allein in Potsdam. So etwas findet jeden Tag statt, an verschiedenen Orten. So werden Infektionen in die Gemeinschaftseinrichtungen getragen. Wenn es uns gelingt, hier eine Barriere einzuziehen, wäre das sehr sinnvoll.

Kristina Böhm hält eine Wiedereinführung der Maskenpflicht an Grundschulen für sinnvoll.
Kristina Böhm hält eine Wiedereinführung der Maskenpflicht an Grundschulen für sinnvoll.Foto: Andreas Klaer

2G also nur, wenn alle auch getestet sind?
Ja. Bei 2G ist sonst die Sicherheit nicht in dem Maße gegeben, wie es nötig wäre. Wir laufen auch Gefahr, unachtsam zu werden:  Nicht Hände schütteln, Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz benutzen, wenn es eng wird. Wenn das alles auf einer Party nicht gemacht wird, weil ich tanzen möchte, einen Cocktail trinken, ohne Maske, dann wäre 2G plus tagesaktueller Test auf jeden Fall ein probates Mittel. Es würde unser sicheres soziales Miteinander deutlich verbessern.

Wie schätzen Sie den Umgang, das Verhalten der Potsdamer:innen mit der Pandemie insgesamt ein?
Wir als Potsdamer Gesellschaft gehen sehr, sehr bewusst mit der Pandemie um. Die Leute sind um Abstand bemüht, das sieht man in jeder Warteschlange. Auch beim Benutzen des Mund-Nasen-Schutzes kann man nichts beanstanden, da gibt es höchstens problematische Einzelfälle. Wenn das Wetter besonders schön ist, sind wir ein bisschen enger miteinander. Da müssen wir aufpassen. Ansonsten machen wir das ziemlich gut.

Was wünschen Sie sich?
Wir sind alle an einer ziemlich kurzen Leine. Wir sind sehr dünnhäutig geworden über die Zeit, wir haben keine Geduld mehr miteinander. Und wir haben oftmals auch kein Verständnis für den jeweils anderen mit seinen Bedürfnissen. Manche Leute haben ein höheres Schutzbedürfnis, andere hadern mit den Maßnahmen. Die Art und Weise und der Ton, wie wir dann miteinander umgehen, ist nicht gut. Da wünsche ich mir, dass wir uns allesamt wieder ein bisschen erden. Wir werden noch das eine oder andere miteinander durchmachen müssen, bevor wir zu dem Punkt kommen, an dem nur das allgemeine Infektionsgeschehen den Alltag prägt.

Wann ist es endlich vorbei?
Wir müssen mit den jetzt kommenden Wellen umgehen, auch wenn sie flacher sind. Ich glaube, dass das, was Virologen jetzt vorsichtig andeuten, zutreffen könnte: Dass wir im Sommer nächsten Jahres wieder einigermaßen in einem Normalmodus sind.

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Die Fragen stellte Sabine Schicketanz.

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