• In Sacrow meldete sich eine fremde Stimme

Potsdam : In Sacrow meldete sich eine fremde Stimme

Dietrich Bonhoeffers Begegnungen mit Potsdam

Erhart Hohenstein

Mit einem Transparent am Kirchturm erinnert die Erlösergemeinde an den 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers, eines führenden Vertreters der Bekennenden Kirche, die sich in Opposition zu den „Deutschen Christen" gegen die Gleichschaltung der Kirche im Nationalsozialismus zur Wehr setzte. Als Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime wurde Bonhoeffer am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. In der Erlösergemeinde hatte die Bekennende Kirche in Potsdam ihren letzten fest angestellten Pfarrer: H. Viebeg, der dann 1940 verstarb.

Wer Bonhoeffers Spuren in Potsdam verfolgt, stößt auf Viktor Hasse, der von 1935 bis 1943 Vorsitzender des Kreisbruderrates für den Kirchenkreis Potsdam I war. Der Pfarrer der Nowaweser Friedrichskirche ließ sich auch durch mehrfache Inhaftierungen, die seine Gesundheit schwer schädigten, und Drohungen der Gestapo, ihn ins Konzentrationslager zu bringen, nicht einschüchtern. Vielmehr stellte er ab 1940 das Babelsberger Pfarrhaus für die Treffen des „Preußischen Bruderrates“ zur Verfügung, dem Dietrich Bonhoeffer angehörte. Teilnehmer der Beratungen haben unter anderem über dessen Stellungnahme zum erfolgreichen Frankreich-Feldzug der deutschen Wehrmacht berichtet. Weitsichtig kündigte Bonhoeffer an, dass dieser Sieg in der Bevölkerung den Glauben in das nationalsozialistische System verstärken und die Arbeit der Bekennenden Kirche weiter erschweren werde.

Der heute in Bernau lebende Sohn des Pfarrers, Ullrich Hasse, berichtete den PNN, wie er als Schuljunge mehrfach erlebte, dass die Mitglieder des Bruderrates nach Warnungen über das Anrücken der Gestapo das Pfarrhaus durch den Hinterausgang verließen und über den angrenzenden Schulhof flüchteten, auf dem er oft spielte. Über den Inhalt der Treffen erfuhren die Hasse-Kinder natürlich nichts, darüber sprach ihre Mutter erst nach dem Kriege.

Dietrich Bonhoeffer war aber auch über den in Sacrow lebenden Hans von Dohnanyi, dem Ehemann seiner Schwester Christine, mit Potsdam verbunden. Dohnanyi hatte seinen mit Lehr- und Predigtverbot belegten Schwager 1940 für das Amt Ausland/Abwehr unter Admiral Canaris dienstverpflichten lassen, einem Zentrum der Vorbereitungen auf einen Staatsstreich gegen Hitler. Bonhoeffer schloss sich dieser Widerstandsgruppe an, unterstützte v. Dohnanyi bei der Dokumentation der Verbrechen der Nationalsozialisten, verhalf verfolgten Juden zur Flucht und knüpfte auf seinen Dienstreisen wichtige Kontakte auch ins Ausland.

Dohnanyis in München lebende Tochter Barbara, damals eine Gymnasiastin, erinnert sich noch heute an die Besuche ihres Onkels in der Villa am Hämphorn. Als Bonhoeffer am 5. April 1943 in Sacrow anruft, meldet sich eine unbekannte Männerstimme. Sein Schwager war bereits verhaftet. Bonhoeffer unternahm keinen Fluchtversuch: In Berlin wartete er das Eintreffen der Schergen ab, die ihn bald darauf festnahmen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!