• Hubschraubereinsatz über Potsdam: Betreten verboten

Hubschraubereinsatz über Potsdam : Betreten verboten

Wegen des Insektengifteinsatzes per Hubschrauber mussten der Park Sanssouci und der Neue Garten am Montag gesperrt werden. Zahlreiche Touristen standen ratlos vor den Toren. Auch vom Boden aus wurde erstmals Dipel ES gesprüht

Giftige Ladung. Mit einem Hubschrauber wurde am gestrigen Montag über Potsdam das Insektengift Dipel ES ausgebracht, wie hier über dem Park Sanssouci. Die Raupen des Eichenprozessionsspinners nehmen das Biozid über die Nahrung auf und sterben daran. Der Einsatz von Dipel ES ist in diesem Jahr zum ersten Mal erlaubt, bislang mussten die Insekten aufwändig abgesaugt werden.Alle Bilder anzeigen
Foto: Nestor Bachmann
13.05.2013 23:10Giftige Ladung. Mit einem Hubschrauber wurde am gestrigen Montag über Potsdam das Insektengift Dipel ES ausgebracht, wie hier über...

„Eichenprozessionsspanner?“ Die ältere Dame blickt ratlos auf das Schild am Park Sanssouci. Es hängt an einem der Parktore, einem der geschlossenen Tore. Denn wegen des Hubschraubereinsatzes mit Insektengift gegen den Eichenprozessionsspinner – wie das ungeliebte Tierchen richtig heißt – war der Zutritt am gestrigen Montag tagsüber verboten, ebenso wie abends im Neuen Garten. Zahlreiche ahnungslose Touristen standen vor den Schildern, die die Schlösserstiftung an den Eingängen angebracht hatte.

Um zehn Uhr morgens war der Hubschrauber erstmals von der Henning-von-Tresckow-Kaserne in Geltow gestartet. Zuvor waren die beiden weißen Tanks rechts und links der Kabine mit einem Gemisch aus Wasser und dem Insektengift Dipel ES befüllt und die Route noch einmal besprochen worden. Mit roten Linien hatten Mitarbeiter der Schlösserstiftung den Bereich in eine Karte eingezeichnet, den Pilot Günter Unger von der Firma DHD Heli Service in Sanssouci befliegen sollte: ein etwa 100 Hektar großes Gebiet – ausgenommen das Neue Palais, Schloss Sanssouci und die wenigen Anwohner im Park. Etwa zwölf Hektar kann er pro Flug besprühen, dann muss wieder umgekehrt und neu betankt werden. „Ich mache das schon seit 1974“, sagt Pilot Unger. Die Eichen, das bevorzugte Futter der Larven, erkenne er an der Blattfarbe. Außerdem fliege er teils nur einen Meter über der Baumkrone und könne so gut sehen, ob er das Gift an der richtigen Stelle abwerfe. Per Knopfdruck kann Unger entscheiden, ob die Ladung aus dem rechten oder dem linken Düsenarm abgeworfen werden soll.

Es ist das erste Mal, dass das Mittel in Potsdam eingesetzt werden darf. Bislang mussten die Nester der Larven aufwendig abgesaugt werden, pro Baum enstanden Kosten um die 150 Euro. Per Hubschrauber kann für das Geld etwa ein halber Hektar Eichen behandelt werden. 70 000 Euro lässt sich die Stiftung den Einsatz aus der Luft kosten, wie Mitarbeiter Marius Prostendörfer sagt. Gefürchtet sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners vor allem wegen ihrer sogenannten Brennhaare. Deren Nesselgift kann bei Hautkontakt zu schwersten allergischen Reaktionen führen. Zudem fressen die Schmetterlingsraupen ganze Eichenkronen kahl. Seit Jahren breitet sich der Eichenprozessionsspinner in der Region aus – allein in Potsdam waren im vergangenen Jahr 13 000 Eichen von dem Schädling befallen.

Nun startet Unger seinen Helikopter, Staub wird auf dem Kasernenhof aufgewirbelt. Die Mitarbeiter der Schlösserverwaltung und des Landesbetriebs Forst sehen ihm nach, wie er in Richtung Sanssouci abdreht. Gleich bei einem der ersten Flüge kommt es zu einem Zwischenfall: Eine offenbar verwirrte Frau lief im Park immer wieder auf eine Wiese und wedelte mit einer gelben Plastiktüte, wie einer von Ungers Kollegen berichtet. Ein anderer Zeuge bestätigt, dass die Frau auch etwas von der bräunlichen Giftmischung abgekommen hat. Schäden wird sie aber wohl kaum davontragen: Dipel ES ist für den Menschen Experten zufolge weitgehend unschädlich, höchstens leichte Hautreizungen sind möglich.

Dennoch schreibt der Gesetzgeber vor, das besprühte Gebiet acht Stunden nach dem Einsatz zu sperren. Gestern Abend war dies auch im Neuen Garten der Fall, wo das Gift ebenfalls aus der Luft ausgebracht wurde. Eigentlich sollte auch der Babelsberger Park beflogen werden, doch eine wichtige Genehmigung fehlte: Teile der Grünfläche liegen innerhalb der Flugverbotszone des Wannseer Forschungsreaktors und dürfen deshalb nicht einfach überflogen werden. Eine Sondererlaubnis lag am Montag noch nicht vor, vermutlich soll sie Mittwoch oder Donnerstag erteilt werden. Dass Babelsberg erst später drankommen soll, wird vor allem die Hochzeitsgesellschaft freuen, die wegen des Einsatzes am Montag ihr Fest ins Wasser fallen sah. „Sehr emotional“ habe die Braut sich bei der Stiftung über die geplante Sperrung beschwert, erzählt Porstendörfer.

Weniger Glück hatte eine Reisegruppe aus Israel, die extra nach Potsdam gereist war, um Sanssouci und den Park zu sehen. „Ich wünschte, ich hätte es vorher gewusst, dann wäre ich an einem anderen Tag gekommen“, sagt eine Teilnehmerin und der Reiseleiter schaut ein wenig verzweifelt drein: „Ich wusste davon nichts“, sagt er. Auch eine Touristengruppe aus Schleswig-Holstein hatte von dem Einsatz nichts gehört. Auch das Din-A-4-große Schild, das an der Parkplatzschranke baumelte, hatten sie nicht gelesen und ein teures Parkticket für ihren Camper gezogen. „Wer ersetzt uns das jetzt?“, will eine von ihnen wissen und fügt sarkastisch hinzu: „Dann betrachten wir das mal als Unterstützung für den Aufbau Potsdams.“

Einige Stunden später rückt Christian Kuba mit seiner Gebläsekanone in Marquardt an. Seine Firma DK Dienstleistungs GmbH gehört zu jenen, die für die Stadt die Bäume vom Boden aus behandeln – schließlich soll bewohntes Gebiet nicht überflogen werden. Kuba schlüpft in seinen blauen Schutzanzug, sperrt den Weg am Marquardter Bahnhof mit rot-weißem Flatterband ab und wirft den lauten Motor der Maschine auf seinem Lieferwagen an. Aus einem breiten Rohr steigt eine Fontäne aus kleinen Tropfen in die Höhe – bis zu 35 Meter hoch kommt Kuba. Das Gebläse läuft, bis der ganze Baum eingenebelt ist, dann zieht er zur nächsten Eiche. Bei Passanten treffe sein Einsatz eigentlich immer auf Verständnis, sagt Kuba. „Lieber ertragen die Leute Krach und eine Sperrung für kurze Zeit, als dass der Wald den ganzen Sommer voller giftiger Brennhaare ist“.

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