• Holocaust-Gedenktag in Potsdam: Bericht aus dem Holocaust

Holocaust-Gedenktag in Potsdam : Bericht aus dem Holocaust

Johanna Rosenthal überlebte den Holocaust - als eine der wenigen der Potsdamer Jüdischen Gemeinde. Nach dem Krieg schrieb sie auf, was geschehen war. Wie ihr bewegender Brief nach Potsdam gelangte - und warum er besonders wichtig ist.

In Potsdam wurde der Opfer des Holocaust gedacht.
In Potsdam wurde der Opfer des Holocaust gedacht.Foto: Andreas Klaer

Die Potsdamerin Johanna Rosenthal überlebte den Holocaust, Opfer war sie dennoch. Was sie und viele andere durchlitten, schrieb sie in einem bewegenden Brief, der über Umwege nach Potsdam kam. Anlässlich des  Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust drucken die PNN den Brief erstmals in seiner ganzen Länge ab und erzählen seine Geschichte.

Johanna Rosenthal, geboren 1904, lebte in Bornstedt, Schulplatz 6, als die Aufforderung zur Deportation kam. Ihr Mann war bereits 1938 verhaftet und anschließend nach England ausgebürgert worden. Dort lebten auch ihre beiden Kinder. Johanna Rosenthal war in Deutschland gefangen. Am 13. Januar 1942 war sie eine von 49 Potsdamern jüdischer Herkunft, die ab Berlin mit dem VIII. Transport nach Riga deportiert wurden. Sie überlebte das Ghetto und weitere Lager, zuletzt das Arbeitslager Kiel. 1946 lebt sie in Schweden, wo sie medizinisch behandelt wird. Von dort sucht sie nach ihren Angehörigen in London und auch nach dem Potsdamer Rabbiner Hermann Schreiber, der ebenfalls in London lebt.

Der Rabbiner lässt den handgeschriebenen Brief abtippen und gibt ihn weiter.

1946 oder 1947 schickt sie Rabbiner Schreiber einen ausführlichen Bericht über die Zeit von 1942 bis Kriegsende. Der Brief enthält viele Namen und Daten. Das macht ihn in der Nachkriegszeit, als überall Verfolgte nach Familienangehörigen suchen, zu einem wichtigen Dokument. Schreiber lässt den handgeschriebenen Brief abtippen und gibt ihn weiter an die aus Potsdam stammende jüdische Familie Gersman, von der einige Angehörige ins Ausland hatten fliehen können.

So landet der Brief bei John Gersman (1911–2003). Er wuchs in Potsdam auf und konnte 1938 in die USA emigrieren. Nach dem Krieg kehrte er zurück und lebte zuletzt in Gießen. Dort forschte er zur Potsdamer Gemeinde und betrieb intensive Erinnerungsarbeit. Auf seine Initiative hin wurde 2001 auf dem jüdischen Friedhof ein Gedenkstein mit den Namen der 136 „entehrten, deportierten, ermordeten sowie ihrer Heimat beraubten Juden in der Stadt Potsdam und Umgebung“ aufgestellt. Namen, von denen viele erst mithilfe des Briefs von Rosenthal recherchiert worden waren. In Potsdam ist zu der Zeit der Jurist Wolfgang Weißleder seit Jahren für die Jewish Claims Conference tätig. Er forscht zudem zur Geschichte der Potsdamer Gemeinde und erhält schließlich von Gersman den Brief von Rosenthal. „Der Brief ist so wertvoll, weil er sehr zeitnah nach Kriegsende verfasst wurde“, sagt Weißleder. Es gebe außerordentlich wenig detaillierte Zeugnisse von Überlebenden. Außer Rosenthal überlebte nur eine weitere Frau aus der Potsdamer Gemeinde den Holocaust. Rosenthal liefert sogar eine Namensliste der Deportierten mit Potsdamer Adressen.

Der Brief holt die Opfer aus ihrer Anonymität, sie bekommen Namen und Adressen.

Zudem ist es ein sehr persönlicher Brief. Rosenthal schreibt an einen ihr vertrauten Menschen. Sie kann ihm ihr Herz ausschütten. An manchen Stellen bittet sie um Nachsicht für ihre Wortwahl. An anderen Stellen bleibt sie schmerzhaft sachlich, strafft die Vorgänge, vielleicht auch aus Selbstschutz. Man merkt dem Brief an, dass es ihr schwerfiel. Aber auch, dass sie etwas loswerden musste: Der Brief ist lang, manchmal fehlen Buchstaben oder Wörter, Fehler wurden durchgestrichen, anderes abgekürzt. Beginn und Ende, Begrüßung und Abschied, sind allerdings von einer besonderen, berührenden Herzlichkeit geprägt und spiegeln, neben aller Trauer, ihre Erleichterung, ihre Freude über die Rückkehr ins Leben wider.

Am wichtigsten ist, dass der Brief die Opfer aus ihrer Anonymität holt. Sie bekommen Namen und Adressen, die man als Potsdamer wiedererkennen kann. Wodurch die Menschen ein Stück weit zurück ins Gedächtnis der Stadt gelangen.

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