• Holocaust-Gedenktag: „Also sollte ich leben“

Holocaust-Gedenktag : „Also sollte ich leben“

Johanna Rosenthal ist eine der wenigen Überlebenden der Potsdamer Jüdischen Gemeinde. Kurz nach dem Krieg schreibt sie an den ehemaligen Potsdamer Rabbiner Hermann Schreiber. 70 Jahre später veröffentlichen die PNN den Brief erstmals und in voller Länge.

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Foto: A. Klaer
26.01.2018 19:05

Johanna Rosenthal

Hässleholm, 26. Juni

Hässleholm/ Schweden 

Lieber Herr Dr. Schreiber

Riesig erfreut war ich über die so schnelle Erfüllung meiner Bitte. Am Samstag (Sonntag?) mittags 12 Uhr erhielt ich ihr Telegramm. Ich hatte schon gebeten ein Telegramm für mich von hier abgeben zu lassen. Aber schon 4 Std. später traf ein T. von meinem Mann ein. Nun war meine Freude noch größer, da ich gleich die Adresse der Kinder bekam. Gottlob, dass alles gesund ist. Hoffentlich erreichen diese Zeilen auch Sie bei bester Gesundheit. Mein Zustand bessert sich G.s.D täglich. Man wendet jetzt ein neues Mittel an, um die Bazillen zu bekämpfen, & hofft man, dass es schneller geht. Bisher musste man 6 x hintereinander negative Abstriche haben. Noch niemand hat es aber in den Wochen hier geschafft. Aber bis jetzt versäume ich ja noch nichts. Die Ärzte sowie Schwester u. überhaupt die Bevölkerung Schwedens ist wirklich aufopfernd. Jetzt l. Herr Dr. will ich Ihnen einen kurzen Bericht geben von der vergangenen Zeit. Als wir 2 Tage vor unserer Evakuierung von der Gestapo P(otsdam ?) Listen bekamen um jeglichen Besitz aufzuführen, wurde extra betont; es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor. Im Laufe des Donnerstags bekamen wir unten Aufgeführten die Aufforderung, am Freitag früh 8 Uhr uns bei der Gestapo einzufinden. Dort wurden uns 2 Beamte angehängt, um mit denen in unsere Wohnung zu gehen. Hier angelangt, offenbarte man uns, wir mussten sofort unsere Wohnung aufgeben, da wir einen neuen Wohnsitz im Osten bekommen. Das notwendigste durften wir unter Aufsicht packen zum Mitnehmen. Aber niemals haben (wir) davon einen Gegenstand gesehen.

Um 11 Uhr waren (wir) schon wieder auf der Gestapo, wo man uns sämtliches Geld & Papiere abnahm. Alsdann sperrte man uns ein auf 2 Tg. Sonntag den 11.1. ging mit verdeckten Autos nach Berlin, um hier einem Transport angeschlossen zu werden. Hier gabs nochmals ganz gründliche Kontrolle sogar Lebensmittel nahm man uns ab. Hier fanden wir das gesamte Altersheim Große Hamburgerstr., auch aus Krankenhäusern Patienten, vor, welche von der Gestapo aus den Betten geholt wurden. Am Dienstag den 13.1. transportierte man uns dann 1200 P(ersonen) im ungeheizten Zug nach Riga. Essen u. Trinken war das erste was man uns abgewöhnte, also gings 3 Tg. & 3 Nächte ohne einen Schluck Warmes oder sonst irgendwas ab. Bei 40° Kälte kamen (wir) am Freitag den 16.1. nachmittags in R. an. Mit Stockhieben und Geschrei wurden wir am Bahnhof von der deutschen & lettischen S.S. empfangen. Was wir noch an Gepäck hatten, z.B. Rucksack oder Taschen, mussten (wir) liegen lassen. Wer imstande war zu laufen, musste 4 Std. laufen, um in unsere neue Heimat zu gelangen. Die Kranken usw. wurden in Auto(s) verfrachtet, sind aber nie im Ghetto angekommen.

Wir fanden das Ghetto in furchtbar verwüsteten Zustande vor. Anfang Dezember hatte man ca. 35- 40.000 lettische Juden dort an Ort und Stelle erschossen. Gefüllte Teller u. Töpfe standen noch auf den Tischen, daraus konnte man ersehen, wie plötzlich dieser Überfall geschah. Es blieben 3800 lettische Männer & 200 Frauen übrig, welche durch Stacheldraht von unserem Ghetto getrennt (waren). Unser Ghetto bestand aus ca. 10.000 Juden. Selbe kommen aus allen Teilen D(eutschlands), z.B. Köln, Düsseldorf, Kassel, Prag, Hannover, Leipzig, Berlin u. Wien. Von Berlin waren wir der erste Transport. Zwei weitere folgten in den nächsten 14 Tg. Diese Transporte waren noch schlimmer, da nur in Viehwagen ganz speziell nur alte Leute dabei waren. Die Leute sind schon z(um) T(eil) unterwegs wahnsinnig geworden & verstorben. Man behielt immer einige kräftige Männer zu Aufräumungsarbeiten an der Bahn. Bei unserem Tr(ansport) blieb Peist Jun. Gormanns Jun. & Gerd Wohl zurück. Vergeblich hatte man sie im Ghetto erwartet. Feist sen., Gersmann A., Maierstein / Fahrland, Selma Mannheim, Ruberts Fridohen & ein Frl. Grosemann aus Geltow blieben bei den Kranken zurück.

Trotz aller Verzweiflung mussten wir uns ein Heim schaffen. In den ersten 4 Monaten wohnte ich mit Apriaskis, Salomons, Frau Urbrach u. Frau L. Gersmann zusammen. Schlafen auf dem Fußboden, 2 Scheiben Brot am Tag, so vergingen Monate. Wir wurden eingeteilt zur Arbeit. Schnee schaufeln bei 40° Kälte, Männer mussten in den Hochwald, um neue Massengräber herzurichten usw. Am 5. Februar .. Uhr früh großes Aufgebot von S.S. Alle Leute aus den Wohnungen! Appell auf der Straße. Kranke & alte Leute, nein aber auch solche, die in den besten Jahren waren, wurden ausgesucht & in geschlossenen Autos weggebracht, ohne jemals etwas von ihnen gehört zu haben. Von 4000 P(ersonen) blieben 2500 übrig. Von dieser Aktion war nur Gruppe Berlin & Wien betroffen. Ende März & Anfang April wieder etwas sehnliches im gesamten Ghetto. Appell vorm Kommandanten. Wieder waren viele Tausend weniger. Bei dieser Aktion waren Frau Urbrach & Fränze Grand dabei. Verwandte Frl. Grands, ein Herr Behrend & Frau aus Berlin ebenfalls. 5-6 Appelle ohne jeden Grund bei 35- 38° Kälte waren des häufigeren. Ungefähr Mitte März verstarb Herr Samter am Hungertod & Erfrierungen. Am 27. März bekam ich ein festes Arbeitskommando bei der Wehrmacht, Armeebekleidungsamt 701 nannte sich dieses (abgekürzt A.B.A. 701).

Trotzdem Hunger & Kälte regierten & schwere Arbeiten verrichtet werden mussten, hielt ich aus. Dies war mein Glück für die ganzen Jahre. Schon nach 2 Wochen bekam ich da den Posten einer Vorarbeiterin. Diesen behielt ich bis zur Auflösung 27. Sept. 44. Ungefähr im August 42 verstarb Herr Grosmanns, im Sept. auch Rose Cohn. Dass Dornbuschs sich schon 8 Tg. Nach unserer Ankunft selbst das Leben nahm, vergaß ich zu berichten. Allmählich lebten wir uns nun im Ghetto ein. Um unser Leben zu erhalten, wurde alles nur Entbehrliche, was wir in unseren Wohnungen vorfanden, eingetauscht gegen Lebensmittel. Hierauf ruhte die Todesstrafe, aber es war nun egal, auf welche Art man sterben musste. Viele mussten bezahlen durch Erschießen oder Erhängen. Als Abschreckungsmittel führte man uns abends, wenn wir todmüde von der Arbeit kamen, am Galgen vorbei, aber getauscht wurde weiter. Im Sommer 43 kam der Befehl, das Ghetto muss aufgelöst werden. Alle Juden müssen im K.Z. untergebracht werden. Ein riesen K.Z. entstand in Riga, „Kaiserwald“ genannt. Hier hatten nicht nur die S.S. das Wort, sondern auch die gefährlichsten Berufsverbrecher verfügten über Leben und Tod der Juden. Es gab aber gottlob noch kleine Kasernierungen in der Stadt und Umgegend. Unser A.B.A. kasernierte uns am 6. Nov. 43. Aber unterstand natürlich dem „Kaiserwald“: Am 2. Nov., wenige Tage vor unser(er) K(asernierung ?) war nochmal eine Riesenaktion im Ghetto. Es wurden 2.360 Menschen Männer, Frauen & Kinder im Viehwagen verladen um ins Ungewisse befördert zu werden. Man erzählte Auschwitz. An diesem Tag wurden unzählige Kinder ihren Eltern entrissen, ebenso umgekehrt. Ungefähr 4 Wochen später gabs nochmal eine Aktion und somit war das Ghetto endgültig aufgelöst. Am 2. Nov. waren Geschw. Rubert, Frau Gormanns Frau Fabian & Frau Weiserstein dabei. Apriskis, Fr. Germann, Salomons, Lotte Henschel, Reg. Hirschburg, Margot Brauer, Stella Löwenberg, Inge Mannheim waren schon im Laufe der Zeit zum Kaiserwald kaserniert.

Die letzte 1 ¼ Jahre wohnten wir auch im Ghetto schon zusammen. Aber auch jetzt gabs noch keine Ruhe. Schon bald ging in Transport uns zum Kaiserwald. Im März kam Frau K. mit einem Transport in eine andere A.B.A. nach Crottingen. Die wenigen Kinder, die man bei der Aktion im Ghetto retten konnte, wurden am 22. April von der S.S. abgeholt. Ziel unbekannt. Am 28. Juni abends: Alle antreten ohne Gepäck! Ein S.S. Arzt aus dem Kaiserwald sucht sich Leute aus. Kranke und Gesunde! Ziel unbekannt. Dabei war Frau Sohoets. Am 7. Juli wurden sämtlichen Frauen die Haare abrasiert. 3-4 Wochen später morgens 6 Uhr: Alles antreten Zählappell. 500 Leute wurden ausgesucht. Zum Abtransport nach Stuthof/Danzig. Ganz gleich ob im Nachthemd oder ohne Schuh. Riga wurde allmählich geräumt. Am 26. September ganz plötzlicher Feierabend, da Appell. 60 Leute (50 Männer & 10 junge Mädels bleiben noch hier, alles andere ab nach Stuthof/Danzig. Nun in letzter Minute kam die Genehmigung, es durften 200 Juden bei der A.B.A. bleiben. Ich stand schon am Auto, als der Lagerführer zu mir sagte: Frau Rosenthal, verschwinden sie rechtsum. Also war ich gerettet. An diesem Abend sind wie bei jeder Aktion wieder Familien auseinandergerissen. Es war musterhaft, wie gut sie das verstanden, immer Familien auseinander zu reißen. Frau Poist war bei dem vorletzten Stuthof Trap. dabei. Also blieb ich als einzige P(erson? Potsdamerin?) zurück. Zwei Tage später, gerade am Jomkippur, verlegte unsere Einheit A.B.A. ihren Sitz nach Libau. Mit dem Schiff fuhren (wir) nun nach dort. Die erste Zeit mussten (wir) Tag und Nacht arbeiten, aber dann wurde es auch hier unruhig.

Die Russen kamen immer näher. Ungefähr 1 mtr. Vom Einschlag entfernt stand ich. Am 22. Oktober beim ersten Unglück musste von uns eine Frau ihr Leben lassen. Ich hatte durch die Explosion 14 Tage mein Gehör verloren. Es ist noch nicht ganz in Ordnung, aber man kann hier leider jetzt nichts daran machen, da man fürchtet, die Bazillen werden sich dann im Ohr festsetzen. Genau 2 Monate später war der zweite Einschlag wobei wir 15 Tote zu beklagen hatten, & 4 davon waren verschüttet. Der Zufall wollte es, dass ich nicht neben meiner Freundin stand & so blieb ich am Leben & sie war tot. Also sollte ich leben. Von Libau aus sollten wir nun alle doch nach Stuthof/ Danzig. Es war aber kein Schiff für uns frei, außerdem war unser Hauptscharführer am 22.12. beim Angriff tödlich verletzt. Nun am 19. Februar war es soweit, dass unsere Einheit nach Lübeck mit uns wollte. Unterwegs bekam unser Chef einen Funkspruch wir müssen in Hamburg abgesetzt werden. Hier nahm uns die Gestapo in Empfang & steckte uns ins Gefängnis Fuhlbüttel. Am 11. April kam der Entscheid, wir kommen nach Kiel ins Arbeitslager. Nach dem Marsch von 90 km kamen wir am 15. mehr tot als lebendig in dieser Hölle an. 56 Männer waren inzwischen ins K.Z. Bergen/ Belsen b/Hannover gekommen. Ohne uns zu erholen gings dann täglich zur Arbeit. 2 Std. hin, 2 Std. zurück, tagsüber schwere, schwere Steinarbeiten. Morgens 4 Uhr geweckt 7 dann hieß es stundenlang Appell stehen, bis wir um 7 Uhr zur Arbeit gingen. Ob es regnete oder nicht, das war egal beim Appell oder Arbeit. Um 6 Uhr waren (wir) dann zurück. Es gab Essen in Wasser abgekochte Rote Rüben oder Steckrüben.

Morgens 2 dünne Scheiben Brot. Kaum Zeit zum Essen, so hiess es antreten zum Appell. Gestimmt hat es nie, daher stundenlang stehen. Wasser gabs nicht, also konnten (wir) uns nicht waschen. Hatte jemand ersucht sich etwas Wasser zu verschaffen, gabs Stockhiebe. Strohsäcke existierten auch nicht, na, da mussten (wir) eben so auf den Brettern schlafen. Wäsche & Kleidung zum Wechseln hatten wir ja auch nicht, also sparte man das Ankleiden. Wir Frauen hatten eine Decke, die Männer keine. Erschossen wurden in dieser Hölle täglich ca. 40 Menschen, nachdem (sie) vorher erst gepeinigt wurden. Aber Gottseidank dauerte unser Aufenthalt dort nicht lange, denn am 1. Mai kam unsere Errettung. Eine Frau von 69 Jahren, die alle Strapazen hinter sich hatte, so auch den Marsch Hamburg/Kiel wurde 5 Tage vor unserer Befreiung erschossen. Vergessen hatte (ich) im Anfang zu berichten, dass ca. 2000 Männer in ein Vernichtungslager bei Riga kamen. Dieses Salaspils, so hiess es, kostete auch ungefähr 1000 Tote. Sehr schwere Arbeit, Ungeziefer, keine Waschmöglichkeit und Hunger größten Ausmaßes waren die Todesursachen. Erhängt oder erschossen werden gehörte zum Hauptprogramm. Dieses Lager bestand 8 Monate. Wer von dort zurückkam, war nur eine halbe Leiche. Nun aber genug. 

Jetzt l(ieber) Herr Dr. kommt Potsdam. Leider kann ich ihnen hier keine andere Auskunft geben, als dass ich nicht weiß was mit den zurückgebliebenen Leuten geschehen ist. Bis zum 9. Januar 42. War Frau Sanitätsrat Neumann noch in ihrer Wohnung. Frau Justizrat Josephson, Frau Wilk usw. alle hatten noch keine Aufforderung ihre Wohnung zu verlassen. Der einzige war Herr Bernhard N(aue) K(oeni)gstr. welcher ins Altersheim Babelsberg kam. Das Altersheim wurde wohl mal von Interessenten besichtigt, aber nichts hatte sich für die Tage ereignet. Wir lebten in P(otsdam) trotz unseres Judensternes noch ziemlich unbehelligt. Leider glaube ich aber nicht, dass dieses noch lange andauerte. Erzählt wurde von späteren Transporten, dass alte Leute nach Theresienstadt gebracht wurden. Nun ist die große Frage: haben selbe dieses ausgehalten. Im Dez. 42 waren einzelne junge Leute, die aus Berlin stammten u. in der Umgebung Rigas untergebracht waren, bei uns im Ghetto zur Entlausung. Diese waren im September evakuiert. Ich interessiere mich natürlich dafür, was zu erfahren.

Da kam aber die Auskunft, dass kein Altersheim mehr besteht. Also musste (ich) auch das selbe vermuten, was ich leider täglich vor Augen hatte. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich so mit meinen Äußerungen nicht bezähme, aber leider sind wir wohl alle durch die Erlebnisse der letzten Jahre abgestumpft & man möchte sagen herzlos geworden. Am besten hat es Herr Jame Gormanns getroffen. Am 2. Januar 42 wurde letzterer schwer krank & kam ins St. Joseph-Krankenhaus. Am 11.1 als wir noch in der Lovotzowstr. Waren, verstarb Herr G. Also mit der Auflösung der P(otsdamer) Gemeinde verstarb auch der Vater des Ganzen. Für Frau Simonsohn muss es furchtbar gewesen sein, alle Geschwister verloren zu haben. Nun, l(ieber) Herr Dr. grüßen Sie bitte recht herzlich Frau Dr. & sind Sie herzlich gegrüßt von Ihrer

Hanni Rosenthal.

Wie der Brief von Johanna Rosenthal nach Potsdam und zu den Potsdamer Neuesten Nachrichten gelangte, lesen Sie hier.

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