• Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“

Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz : „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“

Die Autorin Karin Joachim schreibt Potsdam-Romane – und bangt nach der Flutkatastrophe im Ahrtal um ihre Existenz.

Karin Joachims Heimatort Bad Neuenahr-Ahrweiler ist schwer von der Hochwasserkatastrophe getroffen.
Karin Joachims Heimatort Bad Neuenahr-Ahrweiler ist schwer von der Hochwasserkatastrophe getroffen.Foto: REUTERS

Bad Neuenahr-Ahrweiler - Die Hilferufe bei Facebook waren dramatisch. „Ahrweiler! Straße am Schwimmbad: Regenwasserkanal läuft über. Wendehammer füllt sich mit Wasser. Schneller Anstieg!!!!“. Und kurz darauf: „Ahrweiler Am Schwimmbad. Hilfe. Überschwemmung. Droht ins Haus zu laufen über den Garten.“ Die verzweifelten Nachrichten setzte Karin Joachim am 14. Juli aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, mitten im Hochwassergebiet in Rheinland-Pfalz ab. 

Danach, über mehrere Tage: nichts. Keine Nachricht im sozialen Netzwerk. Bekannte, Freunde, Follower bangten, ob es der Autorin gut geht, ob sie und ihre Familie rechtzeitig aus dem Haus kamen, gerettet wurden. Erst am Donnerstag dann die Nachricht bei Facebook: Karin Joachim ist in Sicherheit: „Wir haben alles verloren, sind aber noch in letzter Minute aus dem Haus rausgekommen“, schreibt sie.

2019 veröffentlichte Karin Joachim unter Pseudonym den historischen Krimi „Potsdamer Ganoven“.
2019 veröffentlichte Karin Joachim unter Pseudonym den historischen Krimi „Potsdamer Ganoven“.Foto: privat

In der Landeshauptstadt keine Unbekannte

Auch in Potsdam nehmen viele Anteil an ihrem Schicksal, denn Karin Joachim ist in der Landeshauptstadt keine Unbekannte: Mit „Potsdamer Ganoven“ veröffentlichte sie vor zwei Jahren unter dem Pseudonym Hanna C. Bergmann einen Kriminalroman, der im Potsdam der 1920er-Jahre spielt, in den PNN von der Carlotta & Company Krimibuchhandlung zur Lektüre empfohlen. Ihr zeitgeschichtlicher Roman „Großstadtflüstern“, 2020 unter ihrem Klarnamen publiziert, spielt zudem zu großen Teilen in den Filmstudios in Babelsberg.

Auf die vielfach gestellte Frage, wie man sie in der Notlage unterstützen könne, schrieb sie bei Facebook: Ihre Bücher kaufen, denn als freie Autorin ist das die Existenz der studierten Germanistin und Anglistin. „Nicht unbedingt die, die im Ahrtal spielen, das wäre irgendwie komisch, finde ich...“, schreibt sie, denn ihre Ahr-Krimis spielen ausgerechnet in der Region, in der sich nun eine echte Katastrophe abspielte. Der Erscheinungstermin ihres nächsten Ahr-Romans wurde wegen der aktuellen Ereignisse um einen Monat auf Oktober verschoben.

Ereignisse, die vor Ort keiner vorhersah, wie Karin Joachim gegenüber den PNN beschreibt. „Als vor einigen Tagen die Wetterkarten ankündigten, dass im Ahrtal sehr viel Niederschlag zu erwarten sei, ahnte niemand, was sich wirklich daraus entwickeln würde. Hochwasser sind äußerst selten im Ahrtal“, sagt sie. Das letzte verheerende Hochwasser habe sich 1910 ereignet. Dass es am 14. Juli zu einer meterhohen Flutwelle kommen würde, damit habe niemand gerechnet. 

Mit Hund Gustav recherchierte Karin Joachim auch in Sanssouci.
Mit Hund Gustav recherchierte Karin Joachim auch in Sanssouci.Foto: privat

Keller lief in wenigen Minuten voll

Doch mit dem Einbruch der Dunkelheit habe sich die Flut auch über ihr Haus ergossen. „Der Keller lief in wenigen Minuten voll, das Wasser bahnte sich seinen Weg ins Erdgeschoss. Mit bereits nassen Füßen gelang es uns, uns und Gustav, den Border Terrier, in Sicherheit bei Nachbarn zu bringen, die oberhalb von uns wohnen“, beschreibt sie die Situation. Von dort hätten sie und ihr Mann zugesehen, wie die Ahr alles mitriss, was nicht fest verankert war. 

„Autos schwammen vor unseren Augen vorbei, in Höhe der Baumkronen. In der Nacht machten wir kein Auge zu“, so Joachim. „ Dass es Tote und Vermisste gab, erfuhren wir zu unserer Bestürzung im Laufe des Vormittags.“ Strom, Gas und Wasser seien noch in der Nacht abgestellt worden. Wegen des Strom- und Internetausfalls konnten sie Angehörige erst spät über ihr Schicksal informieren, erklärt die Autorin. Die gesamte Infrastruktur sei zerstört, Straßen unpassierbar, Wohn- und Geschäftshäuser seien zum Teil so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie nicht mehr zu retten sind. 

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„Wir leben in einem Katastrophengebiet. Und es ist nicht annähernd absehbar, wann die schlimmsten Schäden beseitigt sein werden. Am traurigsten aber ist das menschliche Leid, denn viele haben alles verloren, auch Angehörige“, sagt die Anfang 50-Jährige. „Auch wir wissen nicht, wie es weitergeht. Unser Haus ist unbewohnbar. Aber die Unterstützung von so vielen Seiten macht uns zumindest Mut“, so Joachim und fügt hinzu: „Und wir leben.“

Förderverein des Potsdam Museums teilte ihren Aufruf

Die Schriftstellerin hofft nun, dass wenigstens der Verkauf ihrer Bücher nicht einbricht, sie ein Stück weit trägt in der Katastrophe. Der Förderverein des Potsdam Museums etwa hat ihren Aufruf geteilt. „Bitte kauft ihr Buch, wenn Ihr helfen wollt. Sie hat einen tollen Potsdam-Krimi geschrieben“, heißt es bei Twitter.

Teile von Joachims Familie lebten bis zur Wende in Potsdam. Als Kleinkind habe sie bereits den Park Sanssouci besucht. Als sie vor einigen Jahren nach langer Zeit wieder nach Potsdam gekommen sei, um ihre Kindheitserinnerungen aufzufrischen, habe sie noch nicht geahnt, dass sie dort beim Gang durch die Straßen und Parks Stoff für einen zeitgeschichtlichen Krimi finden würde. „Doch die Idee hatte sich unbemerkt in mein Bewusstsein geschlichen“, beschreibt sie die Entstehung von „Potsdamer Ganoven“. 

Potsdam als Sehnsuchtsort

Wieder im Rheinland habe sie begonnen, gezielt nach Informationen zum Leben in Potsdam in den 1920er-Jahren zu suchen. Die 1920er-Jahren seien zu diesem Zeitpunkt ihr bevorzugtes Recherchethema gewesen, sagt die Germanistin. „Ich las viel, besonders aufschlussreich stellten sich alte Potsdamer Adressbücher und Reiseführer dar.“

Besonders fasziniert habe sie der alte Stadtkanal, wo wichtige Szenen des Krimis spielen. Dort findet der junge Postbote Theodor Berwalt bei einer Zustellung die Leiche von Alfred Pagel. Kaum hat die Polizei ihre Ermittlungen aufgenommen, gerät Theodor in Verdacht, Pagel ermordet zu haben. Dem Postboten eilt seine Freundin Gisela zu Hilfe, die als Stenotypistin im Polizeipräsidium arbeitet.

„Potsdam blieb immer ein Sehnsuchtsort für mich. Und ich hoffe, nachdem ich nun so oft meine Urlaube dort verbracht habe, bald wieder dorthin zurückzukehren“, schreibt Joachim aus einer Ferienwohnung in der Eifel per Mail, wo sie vorübergehend untergekommen ist – im Ungewissen darüber, wann sie wieder in ihr Haus in Ahrweiler zurückkehren kann.

Hanna C. Bergmann: Potsdamer Ganoven. Gmeiner-Verlag, 13 Euro.

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