• Historischer Potsdam-Kalender : Notlandung im Luftschiffhafen

Historischer Potsdam-Kalender : Notlandung im Luftschiffhafen

Peter Rogge widmet seinen neuen Kalender dem Potsdamer Verkehr um 1900. In einigem waren die Potsdamer damals fortschrittlich – so bei der Nutzung des Fahrrads.

Das Zeppelin-Luftschiff „Schwaben“ 1911 nach seiner Notlandung im Potsdamer Luftschiffhafen.  
Das Zeppelin-Luftschiff „Schwaben“ 1911 nach seiner Notlandung im Potsdamer Luftschiffhafen.  Foto: SZ Photo/Scherl, Hans von Gösseln/Potsdam Museum

Potsdam - Jede Zeit hat ihr Verkehrsproblem. Während Potsdams Autofahrer heute über Stau, die Radfahrer über unsichere Radwege und Anwohner über Lärm und dreckige Luft klagen, standen nach der vorigen Jahrhundertwende ganz andere Dinge im Vordergrund. Als die Straßen in der Residenzstadt damals asphaltiert wurden, freute das zwar die vielen Radfahrer – das Fahrrad war gerade zum massentauglichen Verkehrsmittel geworden. Die Militärkommandantur allerdings war wenig glücklich und forderte die „Erhaltung brauchbarer Reitwege auf den Hauptstraßen der Stadt“, um das „wertvolle Pferdematerial“ vor Unfällen auf glattem Asphalt oder Pflaster zu schützen. Die Kommandantur bekam ihren Willen. Und so erklärt sich, dass in der Berliner Straße bis heute diese seltsame Nebenstraße existiert, die mittlerweile als Fahrradstraße ausgewiesen ist und zum Parken genutzt wird. Es war schlicht der alte Reitweg neben der Straße.

Feierlich geschmückt war die einstige Nauener Straße, heute Friedrich-Ebert-Straße, im Juni 1905 für den Einzug des Kronprinzenpaares Wilhelm und Cecilie.
Feierlich geschmückt war die einstige Nauener Straße, heute Friedrich-Ebert-Straße, im Juni 1905 für den Einzug des...Foto: SZ Photo/Scherl, Hans von Gösseln/Potsdam Museum

Es sind Aha-Effekte wie dieser, die der Potsdamer Grafiker und Kalendermacher Peter Rogge bei der Arbeit an seinem neuen Kalender mit historischen Potsdam-Fotos hatte – und an denen er die Betrachter teilhaben lässt. Zum sechsten Mal schon hat der 56-Jährige in Archiven, Museen, Bibliotheken oder im Internet bei Ebay nach Potsdam-Fotos geforscht, hat mit Fachleuten und Experten gesprochen. Und in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung „Internationales Buch“ einen Kalender vorgelegt, der nicht nur mit seltenen historischen Bildern punktet, sondern auch mit den großen und kleinen Geschichten dahinter.

Als Thema hat Rogge diesmal mit dem Motto „Unterwegs in Potsdam“ den Verkehr gewählt. Wie vielfältig sich das vor gut 100 Jahren darstellte, zeigt sich beim Blättern durch den Kalender: Pferdekutschen, Automobile, Fahrräder, Ausflugsschiffe, Postbusse, Eisenbahn oder Luftschiffe spielen da eine Rolle – und Potsdams elektrische Straßenbahn, die in diesem Jahr ihr 111. Jubiläum feiert. Jedes Foto hat für Rogge Fragen aufgeworfen, denen er nachgegangen ist. „Erst kommen die Fotos, dann die Fragen“, sagt er.

Da sind zum Beispiel die fehlenden Verkehrsschilder, die 1905 beim Blick in die heutige Friedrich-Ebert-Straße in Richtung Nauener Tor – das Juni-Foto – auffallen. Fußgänger mit Schubkarren sind auf der Straße neben Kutschen und einer Pferdetram auf Schienen zu sehen, die Häuser sind mit Fahnen und Girlanden geschmückt, denn es ist der Tag des Einzugs des frisch vermählten Kronprinzenpaares Wilhelm und Cecilie. In der Tat ging vieles zunächst noch durcheinander auf Potsdams Straßen. Um 1900 waren sie keineswegs nur Autos vorbehalten waren, sondern glichen eher dem, was man heute „shared space“ nennt – der Straßenraum wurde von vielen Verkehrsteilnehmern gemeinsam genutzt. Auch auf dem September-Bild, einem Blick auf die Lange Brücke, ist das zu sehen.

Klare Verkehrsregeln, wie etwa auch der heute selbstverständliche Rechtsverkehr, gab es in den Anfangsjahren der Motorisierung nicht. Auch das wurde Peter Rogge erst bei der Arbeit mit den Fotos klar. „Den ersten Vorläufer der Straßenverkehrsordnung gab es erst um 1910“, sagt Rogge. Autos wurden anfangs misstrauisch beäugt – oder waren sogar tätlichen Angriffen von Autogegnern ausgesetzt, zum Beispiel mit Steinwürfen oder über die Straße gespannten Stahlseilen, wie der Technikhistoriker Uwe Fraunholz in seinem Buch „Motorphobia“ berichtet. Belege für solche militanten Autogegner in Potsdam hat Rogge bei der bei Arbeit für den Kalender indes nicht gefunden.

Bei der Frage nach dem Aufkommen von Taxis kam Rogge nach einigen Anläufen weiter: Das August-Foto, das er im Archiv der Süddeutschen Zeitung gefunden hat, zeigt die neu aufgestellte Taxiruf-Säule in der Schopenhauerstraße, Ecke Brandenburger Straße. „Auto-Anruf 2435“ ist darauf zu lesen. Ein Mann mit Stiefeln und Schiebermütze hat den Hörer an die Wange gepresst, neben der Säule warten zwei Automobile mit Chauffeur, eins überdacht, das andere nicht. Wieder wollte Rogge es genauer wissen, wälzte im Stadtarchiv alte Adressbücher. Eine reversible Suche nach Telefonnummern ist darin aber nicht möglich. Weder unter A wie Auto noch unter T wie Taxi oder F wie Fuhrunternehmen wurde Rogge fündig.

Durch einen Zufall stieß er im Adressbuch 1926 auf eine Anzeige des „Vereins der vereinigten Potsdamer Kraftdroschkenbesitzer“ mit der besagten Telefonnummer. Der Verein kam damals, auch das war der Anzeige zu entnehmen, für seine Treffen im Restaurant im Hauptbahnhof zusammen. „Die werden da nicht nur Limo getrunken haben“, vermutet Rogge. Damals aber kein Problem: Eine Promillebeschränkung für Autofahrer kennt Deutschland erst seit den 1950er Jahren.

Erste Zeppelin-Landung in Potsdam 1911

Brandneu damals waren auch die Zeppelin-Luftschiffe – zweimal sind sie im Kalender vertreten: Für den Mai hat Rogge ein Foto von der ersten Zeppelin-Landung in Potsdam am 9. September 1911 auftreiben können. Der Luftschiffhafen war seinerzeit noch nicht einmal richtig fertig, das Luftschiff mit der Nummer 10 „Schwaben“ musste aber auf seinem Weg von Gera nach Berlin wegen einer Gewitterfront in Potsdam notlanden. Das muss sich damals in Windeseile herumgesprochen haben: Auf dem Foto scharen sich Neugierige am Eingang zum Luftschiffhafen und am Zaun daneben, um einen Blick auf das fliegende Verkehrsmittel zu werfen. Fast alle scheinen mit dem Fahrrad gekommen zu sein: Einige Räder liegen scheinbar achtlos hingeworfen in der Wiese, andere lehnen an der Wand, manch einer führt seinen Drahtesel auch an der Hand. Potsdam war damals offenbar eine Fahrradstadt.

Historischer Potsdam-Kalender 2019 „Unterwegs in Potsdam“. Erhältlich für 18,90 Euro bei „Internationales Buch“, Brandenburger Straße 41/42, im PNN-Shop in der Wilhelm-Galerie am Platz der Einheit, im Potsdam Museum am Alten Markt sowie in ausgewählten Buchhandlungen.

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