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Hilfe für Ukrainer in Potsdam : „In einem Schockzustand“

Die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine sind in Potsdam aufgenommen worden. Zugleich gibt es immer neue Initiativen - wo in der Region weiterhin geholfen und gespendet werden kann.

An der russisch-orthodoxen Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurden Kerzen für den Frieden entzündet.
An der russisch-orthodoxen Alexander-Newski-Gedächtniskirche wurden Kerzen für den Frieden entzündet.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Ein großer Ansturm auf Flüchtlingsunterkünfte in Potsdam ist am Wochenende noch ausgeblieben, das schafft mehr Zeit für Vorbereitungen. Die Hilfs- und Spendenbereitschaft für die Menschen aus der Ukraine ist dabei unvermindert hoch. Die PNN geben einen Überblick.

Wie viele Flüchtlinge sind angekommen?

13 Ukrainer:innen sind am Wochenende in Potsdam aufgenommen worden, sagte eine Stadtsprecherin. Zuvor waren bis Freitag 70 Geflüchtete aus der Ukraine in Potsdam angekommen. Die 13 Flüchtlinge seien über private Initiativen nach Potsdam gekommen – nach PNN-Informationen zum Beispiel über Privatpersonen, die am Wochenende mit Autos und Transportern voll gespendeter Hilfsgüter an die ukrainische Grenze fuhren und auf dem Rückweg die Geflüchteten mitbrachten. Vom Land Brandenburg habe es am Wochenende keine Zuweisungen gegeben, sagte die Stadtsprecherin.

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Potsdam hatte zum Ökumenischen Friedensgebet für die Ukraine eingeladen.
Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Potsdam hatte zum Ökumenischen Friedensgebet für die Ukraine eingeladen.Foto: Andreas Klaer

Viele geflüchtete Menschen kommen in Potsdam offensichtlich weiter abseits der staatlichen Hilfsstrukturen unter, etwa bei Freunden und Verwandten oder über andere Wege. So teilten Mitglieder der Evangelischen Pfingstgemeinde in der Nauener Vorstadt in sozialen Netzwerken diverse Bilder, die zeigen, wie das Gemeindezentrum zur Herberge für Flüchtlinge umfunktioniert wird.

Wie geht es den Geflüchteten?

Nicht gut, viele stehen nach Angaben von Fachleuten unter Schock und sorgen sich um zurückgebliebene Familienmitglieder und Verwandte. „Es sind Menschen, die nicht nach einer langen Odyssee, sondern unmittelbar aus dem Kriegsgebiet zu uns kommen. Sie haben noch nichts verarbeitet, sie funktionieren irgendwie, aber sie befinden sich in einem krassen Schockzustand“, beschreibt es Christiane Guse, stellvertretende Leiterin des Beratungsfachdienstes für Migrant:innen des Diakonischen Werks.

Guse und ihre sechs Kolleginnen kümmern sich unter anderem um die 70 Menschen, die am Mittwochabend in Bussen in Potsdam eintrafen, nachdem sie ihre Flucht aus der Ukraine via Zug nach Berlin geführt hatte. Viele hatten sich Hals über Kopf auf den Weg gemacht, um sich vor den Fliegerangriffen, dem Panzer- und Raketenbeschuss der russischen Armee in Sicherheit zu bringen. Sie hätten, so Guse, „oft nicht viel mitnehmen können, manche besaßen nichts außer der Kleidung, die sie trugen. Sie müssen sich erst einmal sortieren.“ Untergebracht sind sie zunächst in drei Hotels und Pensionen.

Dort standen die Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werks am Donnerstagabend bereit, um zu helfen. Schwierig sei die Lage vor allem für Geflüchtete, die keine ukrainische Staatsbürgerschaft haben, sagt Guse. Unter den 70 Ankömmlingen waren mehrere Familien aus Afghanistan, die erst im August 2021 vor den Taliban in die Ukraine geflüchtet waren und nun, sieben Monate später, vor dem Krieg der Russen nach Potsdam flohen. „Sie waren sehr besorgt um ihre Verwandten, die noch unterwegs sind “, so Guse.

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Geklärt werden muss auch das Aufenthaltsrecht für weitere, etwa zehn internationale Studierende aus der Ukraine, die in Potsdam ankamen. Darunter ist auch eine Palästinenserin aus dem Gaza-Streifen, der Teil der palästinensischen Autonomiegebiete ist. „Wir wissen nicht, ob sie in Deutschland studieren könnte, wenn sie es wollte“, sagt Guse.

Die Sozialarbeiterinnen des Diakonischen Werks beraten auch telefonisch. Mindestens 30 Anrufe und E-Mail-Anfragen seien zuletzt täglich bei der Beratungsstelle in der Babelsberger Rudolf-Breitscheid-Straße 64 eingegangen. Rat suchten laut Sabine Hafener, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Steglitz und Teltow-Zehlendorf, vor allem Menschen, die Geflüchtete aus der Ukraine bei sich aufgenommen haben. Der Ansturm bringe das Team an seine Grenzen. „Mindestens zwei zusätzliche Planstellen“ seien nötig, um Fälle mit laufenden Fristen „auch fristgerecht bearbeiten zu können“, erklärte Hafener.

Wie groß ist die Solidarität?

Sie ist an vielen Stellen spürbar – allerdings zeigt sich auch weiter Koordinationsbedarf bei zugleich anhaltend großer Hilfs- und Spendenbereitschaft. Beispiel Golm: Dort sammelte auf dem Universitätsgelände Ortsvorsteherin Kathleen Krause gemeinsam mit vielen jungen Helfern kiloweise Hilfsgüter, von Medizin bis Windeln. Am Ende war es so viel, dass nun ein Großteil der Waren dort vorsortiert lagert – und erst in den nächsten Tagen abgeholt werden kann. Leser berichteten den PNN, in manchen Drogeriemärkten sei zum Beispiel Verbandsmaterial vergriffen gewesen, weil Helfer solche Medizinprodukte für hunderte Euro kauften, um diese in die Ukraine zu senden.

In der vergangenen Woche wurde am Bergmann-Klinikum ein Lastwagen mit medizinischen Hilfsgütern für die Ukraine beladen.
In der vergangenen Woche wurde am Bergmann-Klinikum ein Lastwagen mit medizinischen Hilfsgütern für die Ukraine beladen.Foto: Andreas Klaer

Die Sprecherin des Potsdamer Rathauses wiederum berichtet auf Anfrage, auch für nötige Sprachkurse der geflüchteten Ukrainer:innen hätten sich bereits Übersetzer und Dolmetscher gemeldet. „Dafür bedanken wir uns natürlich sehr.“ Wie berichtet plant etwa die städtische Volkshochschule bereits solche Sprachlernangebote.

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Für eine bessere Vernetzung ihrer Angebote trafen sich am Freitag mehrere Vertreter der russischen und ukrainischen Bevölkerung in Potsdam zusammen mit Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD). Man wolle sich eng abstimmen, hieß es danach – und sich gemeinsam gegen jedwede Form von Ausgrenzung und Stigmatisierung stellen. Schließlich sei mit dem Krieg auch eine Gefahr für das friedliche Miteinander hierzulande verbunden.

Welche neuen Spendenaktionen laufen?

Erste Spendenkonzerte sind angekündigt. Initiiert von Landeskulturministerin Manja Schüle (SPD) findet am Mittwoch eine für Besucher kostenfreie Solidaritätsgala im Nikolaisaal statt, Beginn ist 19 Uhr. Unter anderem treten die Band Keimzeit, das Landespolizeiorchester, das Filmorchester Babelsberg sowie der Sänger Michael Heller, und die Pianistin Olga Shkrygunova auf. Tickets gibt es auf der Homepage des Nikolaisaals – Sonntagnachmittag waren noch Restkarten verfügbar. Zugleich verkündete Schüle am Samstag via Twitter, die ersten 10 000 Euro Spenden für Medikamente seien bereits eingenommen.

Auch weitere, privat organisierte Spendenfeste und ähnliche Veranstaltungen sind in Vorbereitung – zum Beispiel am kommenden Sonntag ab 14 Uhr auf dem Johan-Boumann-Platz im Bornstedter Feld. Dort sind unter anderem ein Kuchenbasar, eine Bühne für Musiker aus der Nachbarschaft sowie ein Flohmarkt geplant.

Kurzfristig fand am Montag ein weiteres Benefizkonzert im Palais Lichtenau in der Behlertstraße statt. Es spielten aus der Ukraine geflüchtete Künstler:innen. Auch an den nächsten Montagen sollen solche Abende für die Ukraine für weitere Spenden sorgen - mit Unterstützung der Pianistin Kateryna Titova.

Auch im Rechenzentrum in der Breiten Straße fand ein Konzert statt: Es spielten Polina Borissova aus Potsdam und CouCou aus Berlin/Leipzig. "Das Konzert verbinden wir mit einer Spendensammlung für Menschen in der Ukraine", hieß es von den Organisatoren. Die russischstämmige Musikerin, Performerin und Clownin Polina Borissova stehe in direkten Kontakt mit Menschen und Orten im Kriegsgebiet, hieß es.

Ökumenische Friedensgebete und Kennenlern-Treffen

In der evangelischen Nikolaikirche und der katholischen St. Peter-und-Paul-Kirche am Bassinplatz finden in den kommenden Wochen jeweils mittwochs um 19 Uhr im Wechsel ökumenische Friedensgebete statt. Der Auftakt wird an diesem Mittwoch (9.3.) in der Nikolaikirche gemacht.

Ebenfalls am Mittwoch lädt das BegegnungsCafé Potsdam von 14 bis 16 Uhr zu einem ersten Treffen von Ukrainern und Potsdamern ins Begegnungszentrum Oskar in Drewitz (Oskar-Meßter-Straße 4-6, 14480 Potsdam) ein. Ehrenamtliche Unterstützer sind herzlich willkommen.

Spenden können weiterhin unter anderem im Lindenpark (Stahnsdorfer Str. 76/78), 14482 Potsdam) abgegeben werden. In dieser Woche sei ein weiterer Hilfstransport in Richtung Polen geplant, hieß es in einer Mitteilung. Zudem können an den Kassen für Geflüchtete gespendet werden.

"Babelsberg hilft"

Unter dem Motto "Babelsberg hilft" lädt die Flüchtlingshilfe am Mittwoch (9.3.) potentielle Helfer und Helferinnen zu einem Treffen in Marienschule - um "Unterstützungsmöglichkeiten in unserem Kiez entwickeln", wie es in der Einladung heißt. Das Treffen beginnt um 19 Uhr in der Aula der Schule am Espengrund 10. 

Bei der Potsdamer Arbeiterwohlfahrt (Awo) können an vier Stellen jeweils von 10 bis 16 Uhr Spenden abgegeben werden:

  • Neuendorfer Str. 39 a, 14480 Potsdam
  • AWO Schatztruhe, Erlenhof 34, 14478 Potsdam
  • AWO Kulturhaus Babelsberg, Karl-Liebknecht-Straße 135, 14482 Potsdam
  • AWO Grundschule Golm, In der Feldmark 28, 14476 Potsdam

Für einen am Donnerstag geplanten Hilfstransport nach Polen werden warme Wintersachen - vor allem Winterjacken und Decken - gesucht. Spenden für diese Fahrt sollten bis spätestens Mittwoch bei der Awo eingehen.

Das Potsdamer Familienzentrum und Mehrgenerationenhaus "Treffpunkt Freizeit" (Am Neuen Garten 64) bietet Unterstützungsangebote für ukrainische Familien an und sucht noch Ehrenamtliche, die bei Übersetzungen und in der Kinderbetreuung helfen können. Wer helfen möchte, meldet sich bitte unter der Rufnummer 0157/30 05 05 83 (Jana Kühnel) oder per mail an [email protected]

Ab Mittwoch bietet der Quartierstreff Staudenhof (Am Alten Markt 10) ukrainischen Geflüchteten Unterstützung an. Auch psychologische Hilfe wird angeboten.

Am Samstag (12.3.) können von 9 bis 14 Uhr in der Geschäftsstelle des SC Potsdam im Kirchsteigfeld in der Maimi-von-Mirbach Str. 11/13 (Eingang Jugendclub) Hilfsgüter für einen Transport an die ukrainische Grenze abgegeben werden. Eine Liste der benötigten Dinge gibt es hier.

Spendensammlungen in Stahnsdorf

Das Jugend- und Familienzentrum "ClaB" in Stahnsdorf (Bäkedamm 2) sammelt für ein evakuiertes Kinderheim (Altersgruppe: Zwei bis zehn Jahre). Spenden für einen am Freitag geplanten Transport können dienstags bis freitags jeweils von 10 bis 18 Uhr abgebeben werden. Benötigt werden unter anderem Socken, Unterwäsche und Malsachen. Eine vollständige Liste gibt es hier.

Der RSV Eintracht Stahnsdorf bringt am Donnerstag Hilfsgüter ins polnische Prömsel. Auf dem Rückweg sollen Geflüchtete mitgenommen werden. Spenden können am Dienstag (17.30 bis 19.30 Uhr), Mittwoch (9 bis 14 Uhr) und
Donnerstag (12 bis 16 Uhr) in der Heinrich-Zille-Straße 32 in Stahnsdorf abgegeben werden. Dringend benötigt werden Windeln, Hygieneartikel, Desinfektionsmittel, Medikamente, Decken, Schlafsäcke und haltbare Lebensmittel.

In Teltow findet an der Anne-Frank-Grundschule (Feuerwehrzufahrt Ernst-Schneller-Straße und John-Schehr-Straße) am Mittwoch (9.3.), Freitag (11.3.), Montag (14.3.) und Mittwoch (16.3.) jeweils von 14 bis 16 Uhr ein Kuchenverkauf zugunsten der Ukraine statt. Die Erlöse gehen an die Organisation Ärzte ohne Grenzen.

In Werder (Havel) werden im Ortsteil Plessow in der Feuerwache (Hauptstraße 49d) am Mittwoch (10 bis 18 Uhr), Donnerstag (12 bis 20 Uhr) und Samstag (9 bis 14 Uhr) Spenden gesammelt. Die Liste der benötigten Hilfsgüter gibt es hier.

Die Kreismusikschule Potsdam-Mittelmark richtet am Donnerstag im Bürgersaal des Kleinmachnower Rathauses (Adolf-Grimme-Ring 10) ein Benefizkonzert aus. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Es wird um Spenden und gebeten. Anmeldungen sind per Mail an [email protected] möglich. 

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