• High-Tech für die Landwirtschaft: Potsdamer Unternehmer machen den Acker zum Labor

High-Tech für die Landwirtschaft : Potsdamer Unternehmer machen den Acker zum Labor

Das Potsdamer Start-up Stenon hat ein Analysegerät für Bodenproben entwickelt. Die Coronakrise hat die Nachfrage nicht beeinträchtigt.

Gründer Niels Grabbert (l.) und Dominic Roth leiten das Potsdamer Start-Up Stenon
Gründer Niels Grabbert (l.) und Dominic Roth leiten das Potsdamer Start-Up StenonFoto: Promo/Stenon

Potsdam - Um ihre Felder optimal bewirtschaften zu können, müssen Landwirte ihren Boden kennen. Dazu werden Bodenproben von Laboren analysiert. Doch das Potsdamer Start-up Stenon hat ein Gerät entwickelt, mit dem Bauern selbst Proben nehmen und auswerten können, und zwar direkt auf dem Feld. 

Das “FarmLab” ist ein Stab mit zahlreichen Sensoren. Die sollen zum Beispiel ermitteln, wie viel Nitrat, Phosphor oder Kalium sich in der Erde befinden - und zwar binnen weniger Sekunden.  

Ermöglicht werde das durch die digitale Vernetzung des Geräts, erläutert der Stenon-Mitgründer und Geschäftsführer Dominic Roth. “Ein Landwirt muss Entscheidungen treffen”, sagt Roth. Wer Pflanzen anbaue, müsse zum Beispiel die Menge der Düngemittel festlegen, die ausgebracht werden sollen. 

Dafür werde eine “Grundlageninformation” benötigt über die chemische Zusammensetzung des Bodens. Ohne diese Daten sei es gar nicht möglich, die strengen Regulierungen der Düngeverordnung einzuhalten. 

Schneller als das Labor

Bodenproben sind in der Landwirtschaft gang und gäbe. Die herkömmliche Methode: Die Proben werden auf dem Feld entnommen, dann verpackt und in ein Labor geschickt. Das übernimmt die Auswertung und teilt dem landwirtschaftlichen Betrieb am Ende die Ergebnisse mit. 

“Das Ganze dauert sehr lange, ist sehr teuer und sehr aufwändig”, kritisiert Dominic Roth. Und letztlich sei das Ergebnis nicht einmal sehr genau. Es würden nur wenige Proben entnommen, die am Ende einen Durchschnittswert für eine relativ große Fläche ergäben.  

“Die Natur ist aber viel diverser”, sagt Roth. Die tatsächlichen Werte könnten an verschiedenen Stellen sehr unterschiedlich sein. Für eine sparsame und zugleich effektive Düngung seien daher viel mehr Daten notwendig. Das “FarmLab” ermögliche es, systematisch eine große Zahl von Proben zu entnehmen. 

Dabei könnten, neben den chemischen Werten, auch Daten zur Feuchtigkeit, Temperatur und Textur des Bodens erhoben werden oder zum Luftdruck. Diese Daten liefert das mobile Testgerät Stenon zufolge “sofort auf dem Feld”. 

Daten am Smartphone oder Tablet lesen

Sie werden in eine Cloud hochgeladen und dort von einer speziellen Software ausgewertet. Sollte keine mobile Internetverbindung bestehen, können die Rohdaten auch zwischengespeichert und später hochgeladen werden. 

Die Benutzer:innen könnten die Ergebnisse am Tablet oder Smartphone auslesen, sagt Roth. Außerdem sei es möglich, Düngemittelempfehlungen in einem speziellen Datenformat auszugeben, das von Landmaschinen eingelesen werden könne. Moderne Düngestreuer seien mithilfe dieser Daten in der Lage, die Düngemittel sehr genau zu verteilen, so Roth.

Seit Ende letzten Jahres ist das “FarmLab” am Markt. Stenon zufolge ist bereits eine dreistellige Anzahl von Geräten im Einsatz. Die Kunden mieten das Gerät für den Zeitraum, in dem sie es benötigen. 

Ein Landwirt bringt Gülle auf einem Feld aus. Dabei muss die strenge Düngeverordnung beachtet werden.
Ein Landwirt bringt Gülle auf einem Feld aus. Dabei muss die strenge Düngeverordnung beachtet werden.Foto: Philipp Schulze/dpa

Die Mindestdauer beträgt ein Monat. Je nach Laufzeit liegen die Preise zwischen etwa 600 und 800 Euro pro Monat. Das ist zwar ein stolzer Preis. Doch Roth rechnet vor: Im Durchschnitt würden die Kunden 140 Analysen in nur einem Monat durchführen. In einem herkömmlichen Labor koste jede einzelne Probe etwa 60 Euro. Unter dem Strich biete sein Produkt daher nicht nur eine genauere Messung, sondern bei starker Nutzung sogar eine Kostenersparnis. 

Stenon zog von Berlin nach Potsdam

Dominic Roth hat Stenon zusammen mit seinem Geschäftspartner Niels Grabbert 2018 in Berlin gegründet. Auslöser sei damals die Debatte um Nitratbelastung des Grundwassers durch Düngemittel gewesen. "Da haben wir das große Potenzial erkannt, denn das Problem besteht im Grunde weltweit.” Die Unternehmer bauten den Prototypen mit eigenem Geld. Dann überzeugten sie private Investoren von ihrem Konzept. 

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Kurz darauf zog das junge Unternehmen nach Potsdam. Ausschlaggebend sei die “sehr attraktive Förderlandschaft” in Brandenburg gewesen, sagt Roth. Weitere Standortvorteile der Landeshauptstadt seien die räumliche Nähe einerseits zu Forschungsinstituten und andererseits zur Landwirtschaft. In der Entwicklung habe man zum Beispiel mit einem Bauernhof in Werder (Havel) zusammengearbeitet. 

Ein weltweit agierendes Unternehmen

Heute arbeitet ein Team von 37 Menschen bei Stenon, darunter Expert:innen für Softwareentwicklung, Machine Learning, Bodenkunde und Agrarwirtschaft, Lieferketten, Vermarktung, Vertrieb und Finanzwesen. Das Ziel sei, alle Abläufe im eigenen Haus zu haben, erläutert der Geschäftsführer. Das Unternehmen beliefert Kunden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich, aber auch der Ukraine, einem wichtigen europäischen Agrarland. Ende 2020 wurde außerdem eine Tochtergesellschaft in den USA gegründet. 

Die Coronakrise habe die Markteinführung des bisher einzigen Produkts um einige Monate verzögert, räumt Roth ein. Die habe eigentlich schon Anfang 2020 erfolgen sollen. Aber unterbrochene Lieferketten im Technologiesektor sowie Reisebeschränkungen hätten zu Verzögerungen geführt. Die Nachfrage sei aber nicht beeinträchtigt.

 “Jetzt hoffen wir, dass bald auch wieder Messen und Termine vor Ort möglich sind”, sagt Roth. Die Analysetechnik aus Brandenburg könne dazu beitragen, die Landwirtschaft weltweit sparsamer und umweltfreundlicher zu machen. 

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