• HFF-Absolvent Finkenwirth im Brandenburger Polizeiruf: Grenzgänger

HFF-Absolvent Finkenwirth im Brandenburger Polizeiruf : Grenzgänger

Alexander Finkenwirth spielt „Hamlet“ und „Peer Gynt“ am Hans Otto Theater – und ist am Sonntag im „Polizeiruf 110“ als Mordverdächtiger zu sehen

Oliver Dietrich
Auf der Flucht. Alexander Finkenwirth flüchtet im Oderbruch vor der Polizei. Ob er den Film mit Freunden schaut, weiß er noch nicht – er sei sehr schüchtern.
Auf der Flucht. Alexander Finkenwirth flüchtet im Oderbruch vor der Polizei. Ob er den Film mit Freunden schaut, weiß er noch...Foto: rbb / Oliver Feist

Verletzlicher kann man kaum aussehen: Es ist ein Frühlingsabend, an dem Alexander Finkenwirth draußen vor der Theaterkantine am Hans Otto Theater sitzt, in Winterjacke, mit dickem Schal, er hat sogar Handschuhe dabei. „Ich war gerade etwas krank gewesen“, entschuldigt er sich – seine ganze Haltung hat etwas Entschuldigendes, fast Zerbrechliches an sich, seine leise Stimme, sein unsicheres Lächeln. Er hat wenig Zeit, gleich geht es in die Abendprobe, Henrik Ibsens „Peer Gynt“ – Finkenwirth spielt die Titelrolle.

Am morgigen Sonntag ist HFF-Absolvent Finkenwirth erstmals im Brandenburger Polizeiruf 110 als Anton Shevshenko zu sehen, die Schlüsselfigur des Filmes. Es ist nicht sein erster Ausflug in den Sonntagabendkrimi: Im Januar 2015 war Alexander Finkenwirth im Kieler Tatort „Borowski und der Himmel über Kiel“ zu sehen, als nervöses, heruntergekommenes Crystal-Meth-Opfer, das in einen Mord an einem Drogensüchtigen verwickelt wird. Im Polizeiruf übernimmt Finkenwirth wieder die Rolle des lichtscheuen Protagonisten.

Der Film beginnt mit einer Verfolgungsjagd, der junge Russe Anton Shevshenko sitzt am Steuer eines geklauten SUV, der nachts auf die deutsch-polnische Grenze zurast – hinter ihm ein Streifenwagen, der von der jungen polnischen Polizistin Katarzyna Ludwinek (Anna Ewelina) gelenkt wird. Mitten auf der Straße bremst der SUV, der Streifenwagen kracht hintendrauf. Polizeikommissar Udo Lehde (Oliver Böcker) und der mehr oder weniger zufällig anwesende Bürgerwehr-Anführer Lutz Piatkowski (Thomas Loibl) können nur noch hilflos zusehen, wie die Polizistin im Wagen stirbt. Vom Fahrer des gestohlenen Autos fehlt jede Spur: Der schlägt sich atemlos durchs Oderbruch.

Drehbuchautor Michael Vershinin und Regisseur Stephan Rick zeigen einen Kriminalfilm, der auf das bewährte Schwarz-Weiß-Schema verzichtet, das die Welt in Gut und Böse einteilt. Der polnische Kommissar Adam Raczek (Lukas Gregorowicz) und die deutsche Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) müssen ein Puzzle zusammensetzen, in dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Zu schnell wird der Fokus auf den flüchtigen Autodieb gelenkt, der ausgerechnet Unterschlupf bei der Oderfischerin Annemarie Piatkowski (Marie Anne Fliegel), der Mutter des Bürgerwehrlers, findet. Der Film gibt viel preis über die Stimmung an der Oder, die Befindlichkeiten an der deutsch-polnischen Grenze, die auch ein Schmelzpunkt für so viele andere, auch menschliche Grenzen ist.

„Ich musste unglaublich viel rennen“, erinnert sich Alexander Finkenwirth an die Dreharbeiten im vergangenen Oktober. Sein Charakter leidet nicht nur emotional, sondern auch körperlich durch die Flucht, schließlich bricht er mit dem Körper halb im Wasser am Ufer der Oder zusammen. Und er spricht kein Wort Deutsch: Er habe das erste Mal einen Russen gespielt, sagt Finkenwirth. Woher er so gut Russisch kann? Seine Mutter habe russische Vorfahren gehabt, als Kind sei er in Frankfurt am Main in einer russischen Community aufgewachsen. Die Russisch-Kenntnisse haben ihm letztlich auch zu der Rolle verholfen: Schon beim Casting habe er überzeugend den Russen gespielt. Ein kleiner Traum sei das schon gewesen, seit er den Krimi-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf gesehen habe, der in einer russischen Parallelgesellschaft spielt: „Ich dachte nur: Mist! Da hätte ich zu gern mitgespielt, ich war aber noch zu jung.“

Dass Finkenwirth jetzt mit Lukas Gregorowicz gedreht hat, macht ihn stolz – der Kultfilm „Lammbock“ mit Gregorowicz und Moritz Bleibtreu sei einer der Lieblingsfilme seiner Jugend gewesen. „Ein wahnsinnig toller Typ“, sagt er, in den Drehpausen hätten beide über ihre gemeinsame Leidenschaft Theater geredet. Dem Film bleibt Finkenwirth, der für „Totale Stille“ 2014 mit dem Max-Ophüls- Preis als bester Nachwuchsdarsteller gekrönt wurde, dennoch verbunden, nach der Tatort-Ausstrahlung haben sich auch die Anfragen für Drehtermine gehäuft.

Ob er sich am Sonntag den Polizeiruf ansehen wird? Normalerweise sei er schon der Krimi-Gucker, zumindest in letzter Zeit geworden. Er habe auch ein Angebot von ein paar Freunden, die den Film am Sonntagabend mit ihm gemeinsam sehen wollen. So richtig sicher sei er sich jedoch nicht: „Ich bin etwas schüchtern“, sagt Finkenwirth. „Vielleicht schaue ich mir den Polizeiruf lieber allein im stillen Kämmerlein an.“ Es klingt fast, als wolle sich einer der besten Schauspieler dieser Zeit für etwas entschuldigen.