HEYES Woche : Schule und Elternwille

Uwe-Karsten Heye

Da könnte man ja richtig durchatmen. Auch in Potsdam würden immer mehr Eltern ihre Kinder am liebsten auf die Gesamtschule schicken. Nein, nicht das Gymnasium, die Gesamtschule wäre der bevorzugte Lernort. Aber dieser Elternwille ist in Potsdam nicht durchzusetzen. Das Gesamtschulangebot wird gerade rapide abgebaut. In Nordrhein-Westfalen, Partnerland Brandenburgs in Nachwendezeiten, ist die Gesamtschule ebenfalls trotz schwarz-gelber Landesregierung weiterhin die beliebteste Schulform. Wie es scheint, gibt es dort dafür auch ausreichend Plätze. In Potsdam hingegen werden wohl – so die Befürchtung – einige hundert Schüler abgewiesen werden und auf Schulformen angewiesen sein, die sie gern vermeiden wollten.

Nun kenne ich alle Vorurteile, die gegen die Gesamtschule ins Feld geführt werden. Das einzig wirklich Stichhaltige ist die Skepsis gegenüber Schulfabriken, so groß, dass der Einzelne darin verloren geht. Diesen Unsinn muss man nicht mitmachen. Massenbetrieb hilft keiner Schule, auch nicht der Gesamtschule. Allerdings, gut geführt und mit überschaubarer Schülerzahl zeigen uns aufgeklärte Nachbarn in Europa: Gesamtschule tut gut. Stattdessen werden bei uns die Kinder durch den Schulbetrieb gejagt. Wer das Pech hat, Eltern zu haben, die auch noch das Bundesland wechseln, der gehört dann bestenfalls zu den Kindern, die nach der Schule Nachhilfe brauchen, um das Pensum zu schaffen. Davon kann jeder zweite Gymnasiast ein Lied singen. Acht bis zehn Stunden täglich büffeln ist für viele die Regel – und trotzdem ist das Abitur am Ende für viele nicht zu schaffen. Der Fahrstuhl nach unten ist für ein Drittel der Gymnasiasten im Dauerbetrieb, dafür ist die Durchlässigkeit nach oben im deutschen Schulsystem reine Theorie. Glücklicher diejenigen, die dann in der Gesamtschule landen, wo auch ohne Turbo-Abi die Hochschulreife erreicht werden kann. Stellvertretend für viele Eltern in Potsdam darum mein Weihnachtswunsch an die Stadtverwaltung: Bitte die Schulpläne kräftig überarbeiten.

Uwe-Karsten Heye schreibt an dieser Stelle regelmäßig für die PNN.