HEYES Woche : Eiszeit überall

Uwe-Karsten Heye

Nun muss ich meinem Sohn, gerade sieben Jahre jung, doch nicht wortreich erklären, was ein richtiger Winter ist. Diese Befürchtung war rund um die wachsenden Klimasorgen und der gefühlten Dauerabwesenheit von schneereichen Winterzeiten ja nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Nun weiß er, wie klamme Finger schmerzen, was Eis und Schnee bedeuten, wie es sich anfühlt, wenn man ausrutscht und glücklich mit blauen Flecken davon kommt. Der eisige Griff des Winters wird noch eine Weile anhalten. Die Auguren richten dabei den Blick auf den April.

Hinter der winterlichen Kälte steht derzeit auch die soziale Kälte nicht zurück. Schon der Blick auf die schwarz-gelbe Koalition im Bund zeigt, wie schnell heiße Liebe erkalten und sogar gefrieren kann. Im echten Leben ist dann der Scheidungsrichter oft nicht weit. Kälte ist auch in machen internationalen Beziehungskisten eingekehrt. Eiszeit zwischen Bern und Berlin. Der Schweizer mag es gar nicht, wenn über die nummercodierten Konten auf seinen Banken die winterlich verschnupfte deutsche Nase gerümpft wird. Nur eine vorübergehende Krise oder nahendes Ende der Freundschaft? Auch in der Schweiz gibt es Zeitungen mit großen Buchstaben, und da kann man zum Beispiel lesen: „Deutschland unser größter Feind“. Solche Worte lassen das Blut der deutschen Touristen gefrieren, die auf den Hängen der Dreitausender zwischen Wengen und Saas Fee hinab wedeln und über ihre Steuervorteile nachdenken. Da schaffen es auch Eiger, Mönch und Jungfrau nicht, Demut walten zu lassen.

Eiszeit überall. Auch Potsdams Seitenstraßen sind eisgepanzert; glücklich wer über Spikes verfügt (ausverkauft…). Die Straßenreinigung hat es schwer, weil der am Straßenrand wachsende Wall aus Schnee und Eis die parkenden Autos einmauert und spiegelglatte Spurrillen die Straßen noch enger werden lassen. Kein Durchkommen für die Müllgiganten der Stadtreinigung. Die Wertstoffcontainer warten schon lange vergebens auf Leerung. Und erneut zeigt sich auch die Obrigkeit von ihrer kühlen Seite; mal wieder in Gestalt der Verwalter der Stiftung Schlösser und Gärten. Die mögen keine Parkbesucher, die über die Schlosspark-Hügel rodeln wollen. Da könnte ja jeder kommen. Immerhin, die Medien lassen mittlerweile den Winter Winter sein. Die Vokabel „Schneechaos“ ist verbraucht und der Einsicht gewichen, selbst in der Postmoderne ist die Natur nicht klein zu kriegen.

Uwe-Karsten Heye schreibt an dieser Stelle regelmäßig für die PNN. Unser Autor war Redenschreiber bei Willy Brandt und Regierungssprecher von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder. Heute lebt Heye mit seiner Familie in Babelsberg und arbeitet dort als Autor und Publizist.