Potsdam : Herren der Ringe

Die Olympischen Spiele 1964 in Tokio waren ihr letzter gemeinsamer Auftritt. Dann trennten sich die Wege der Turner aus Ost und West. Jetzt trafen sie sich in Potsdam wieder

Das Regattahaus diente in der 50er-Jahren als Turnsaal. Jetzt steht es leer.Alle Bilder anzeigen
Foto: A. Klaer
20.08.2013 23:10Das Regattahaus diente in der 50er-Jahren als Turnsaal. Jetzt steht es leer.

Es ist eine Premiere, auf die Wolfgang Gipser gern verzichtet hätte. Er galt 1955 als ein hoffnungsvolles Turnertalent der jungen DDR, als er sich als 20-Jähriger die Achillessehne riss. „Hier ist es passiert“, sagt Gipser und dreht sich im Kreis, um seine ehemalige Trainingsstätte zu zeigen. Mit etlichen Turnerlegenden der 50er- und 60er-Jahre stand Gipser am gestrigen Dienstag im alten Regattahaus am Luftschiffhafen und erzählt sein ganz persönliches Kapitel der deutschen Sportgeschichte. „Soweit ich weiß, war ich der erste DDR-Leistungssportler mit einem Achillessehnenriss“, sagt Gipser.

Die deutsch-deutsche Turnergilde aus vergangenen Tagen tapst im spärlichen Licht einiger Taschenlampen durchs Erdgeschoss des Regattahauses. Das einstige Ausflugslokal wartet seit Jahren auf eine neue Nutzung. Die Fenster sind vernagelt, sodass es im Inneren dunkel ist. Dennoch hat Peter Weber alles deutlich vor Augen: „Links war die Trainingsstätte, geradeaus der Speisesaal und rechts die Küchenausgabe mit der dicken Küchenfrau.“ Das Regattahaus diente in den 50er-Jahren als Trainingsstätte. „Hier stand das Reck, da der Barren, da drüben die Ringe“, navigiert Weber durch den einstigen Turnsaal. Er gehörte zu den erfolgreichsten Turnern seiner Zeit. Den größten Triumph erlebte er mit zwei Turnern aus der damaligen BRD: Mannschaftsbronze bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio.

Seit 1997 treffen sich die Turnveteranen alle zwei Jahre und lassen die alten Zeiten wieder lebendig werden. Zwei Tage sind es diesmal in Potsdam, in denen sie das Besuchprogramm zwischen Luftschiffhafen, Filmpark und Havel mit Ankedoten, Erinnerungen bis hin zu sportpolitischen Diskursen füllen. Erstmals organisiert hatte der Thüringer Fritz Böhm die Runde, als er die Mitglieder der beiden Weltmeisterschaftsteams von 1958 einlud. Anders als bei den Olympischen Spielen gingen bei Weltmeisterschaften Ost und West bereits getrennt an den Start. Tokio ’64 waren die letzten Spiele, bei denen – nach einer Order des Internationalen Olympischen Komitees – eine gesamtdeutsche Mannschaft auftrat.

Für die Turner der DDR und der BRD hieß das, sich in zwei Ausscheidungswettkämpfen für das Team zu qualifizieren. Am Ende bildeten die beiden West-Sportler Philipp Fürst und Günther Lys sowie die Ost-Athleten Siegfried Fülle, Erwin Koppe, Klaus Köste und Peter Weber die gesamtdeutsche Riege. Der Potsdamer Heinz Neumann trainierte in der Vorbereitung die vier DDR-Sportler und fuhr als Hauptverantwortlicher mit nach Tokio. Da das gesamtdeutsche Team bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom nur Siebter wurde, zählten die deutschen Turner in Tokio höchstens zum internationalen Mittelmaß. „Es hat niemand an einen so großen Erfolg von uns in Tokio geglaubt“, sagt Neumann.

Aber es wurde das beste Ergebnis, das eine deutsche Mannschaft seit dem Olympiasieg 1936 erreichte. „Wir waren zwar ein Team, aber bei den DDR-Oberen war es nicht gern gesehen, wenn wir Sportler miteinander redeten“, erinnert sich Philipp Fürst aus Oppau am Rhein. „Gefeiert haben wir trotzdem“, sagt er grinsend.

Bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt 1968 turnten dann zwei deutsche Mannschaften. Die DDR-Riege wurde erneut Dritter, die West-Turner blieben ohne Medaille. „Wir hatten bereits 1966 bessere Bedingungen für uns Sportler und sogar eine Vereinigung der beiden deutschen Turnverbände angemahnt“, erzählt Fürst. „Nach 1964 kamen wir an die DDR-Turner nicht mehr ran. Wir hatten einen Beruf und turnten nach Feierabend, die Profis waren im Osten“, sagt er. Über die offizielle DDR-Staatslinie, dass es Profisport nur im Westen, im Osten indes nur Amateure gebe, muss er noch immer schmunzeln: „Das war wohl eher umgekehrt.“ Als die einstigen Weggefährten gestern vereint in der alten Turnerhalle am Luftschiffhafen saßen, die 1962 gebaut wurde, konnten die Ex-BRD-Turner trotz des morbiden Charmes der Trainingsstätte erkennen, dass es damals in Potsdam deutlich bessere Trainingsbedingungen als bei ihnen gab.

Nach ihrer Laufbahn wurde viele der Turner selbst Übungsleiter und Trainer. Werber arbeitete als Auswahlcoach der DDR, Fürst als Nationaltrainer der westdeutschen Turner. Heinz Neumann wurde für seine Erfolge als Trainer mit dem Titel „Verdienter Meister des Sports“ ausgezeichnet. Anschließend blieb er den internationalen Turnwettbewerben als Kampfrichter treu.

Die Bronzemedaille von Tokio indes ist verschollen. „Damals gab es nur eine Medaille für die gesamte Mannschaft. Die musste ich im im Generalsekretariat des DDR-Turnerbundes abgeben und hab sie seitdem nicht mehr gesehen“, sagt Neumann.

Wolfgang Gipser schaffte es nach seinem Achillessehnenriss und einer Halswirbelfraktur ins DDR-Nationalteam, turnte bei internationalen Wettkämpfen und wurde später ein erfolgreicher Trainer. Seinen Sportsgeist hat er auch mit 77 Jahren nicht verloren. „Klar sind die Turnübungen von heute viel schwieriger als damals“, sagt er. „Aber wenn ich jung wäre, würde ich mir das zutrauen.“

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