• Heimatdebatte Potsdam: Die Revolution ist kein Dorfteich

Heimatdebatte Potsdam : Die Revolution ist kein Dorfteich

Kaum ein Gastbeitrag rief je so viele Leser-Reaktionen hervor wie Peter Effenbergs Essay „Der Migrant“ zur Potsdamer Stadtentwicklung. Jetzt schreibt er ihnen zurück.

Peter Effenberg
Hüben und drüben. Peter Effenberg möchte „wieder reden“ – über Erfahrungen und Lebensleistungen der Ostdeutschen.
Hüben und drüben. Peter Effenberg möchte „wieder reden“ – über Erfahrungen und Lebensleistungen der Ostdeutschen.Foto: Patrick. Pleul/dpa

Es gibt kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Wenn ich eines in der DDR gelernt habe, dann das. Die Welt ist voller Farben und Ansichten. Und ich bin beeindruckt über die vielen Reaktionen auf meinen Essay „Der Migrant“, für dessen Veröffentlichung ich den Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN) sehr danke: Egal ob Zuspruch oder Widerspruch – die Reaktionen waren in aller Regel sehr lang, rissen ganze Lebensgeschichten an (siehe hier, hier und hier). Keine Hasskommentare. Manche Kritik etwas wild. Aber es ist eine Diskussion im Gang. Dafür möchte ich mich bedanken.

„Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ Dieses Zitat auf einem Plakat auf einer offiziellen Demonstration in Berlin, heruntergerissen von Menschen in Lederjacken, war für mich das erste Zeichen einer Revolution, die alles veränderte. Wenn dieses Zitat unsere heutige Debatte bestimmt, gerade in digitalen Zeiten, dann haben die Mutigen jener Zeit für uns alles richtiggemacht.

„Heimat verändert sich nun mal. In meiner südwestdeutschen Heimatgemeinde ist der Dorfteich verschwunden. Dort sind jetzt ein Parkplatz und eine Bushaltestelle“, schrieb ein Leser.

Dieses Bild bringt es auf den Punkt.

Denn genau darum geht es eben nicht.


Ich habe in meinem Essay beschrieben, wie es schmerzt, die eigene Lebensidentität in meiner Heimatstadt immer weniger wiederzufinden. Das hat nichts mit der Sehnsucht nach bellenden Hunden am Grenzstreifen zu tun. Und es ist auch nur bedingt eine architektonische Debatte. Es ist mehr. Ich muss genauer werden.

Die Jahre nach 1989 waren für uns ein Abenteuer

1990 begann ich mein Abitur in der Erweiterten Oberschule und schloss es zwei Jahre später im Gymnasium ab – ohne die Schule zu wechseln. Diese Jahre und auch noch die folgenden bis Mitte der 1990er waren für einen jungen Menschen wie mich ein Abenteuer. Die Welt stand offen. Wir gründeten erst eine Schülerzeitung, dann einen Jugendpresseverband. Wir organisierten Seminare für Jugendredakteure, wir planten Medienreisen. Die erste Schreibmaschine kam aus Duisburg, die ersten 100 Mark für die Schülerzeitung von einem Hamburger NDR-Fernsehteam, das über die Geschichtslehrer an meiner Schule einen (sehr klugen) Film drehte. 

Im Haus der Jugend schlugen wir uns die Nächte mit Diskussionen um die Ohren, wir schrieben und veröffentlichten. Gegen den Irakkrieg sind wir auf die Straßen gegangen und haben Mahnwachen am Denkmal des unbekannten Deserteurs am Platz der Einheit geschoben.

Denn das konnten wir nun. Und meine Freundin Beate, mit der ich schon die letzten zehn Jahre die Schulbank gedrückt hatte, durfte nun auch Abitur machen, obwohl sie in der Kirche war und ihr dies trotz Einser-Abschluss die DDR wohl verwehrt hätte.

Es war keine Wende, es war eine Revolution

Doch diese Freiheit, sie war kein Geschenk. Diese Freiheit war erkämpft. In Berlin, in Dresden, in Leipzig, auch in Potsdam. In fast jeder Stadt der DDR gingen Menschen auf die Straße, sie befreiten sich aus einem System. Sie begannen, miteinander zu diskutieren. Wie es weitergehen solle. Was wir verändern müssten in unserem Land. Wie wir die kaputten Städte, wie wir die Umwelt retten könnten. Wie wir gestalten könnten. Es war eine Revolution. Keine „Wende“ (das Wort stammt von Egon Krenz).

Diese Ereignisse gehören zu meiner Identität. Genauso wie die Zeit davor. Die DDR. Das Leben darin. Dann diese Selbstbefreiung, dieser Mut zur Veränderung. Die Fähigkeit zur Diskussion. Die Kenntnis von zwei Systemen. Sie gehören zu meinem Leben dazu.

Die Erfahrungen werden verkürzt auf Stasi und "So war die DDR"

Und genau das ist es, was ich vermisse: Wenn die historischen Brüche in meiner Stadt nicht mehr sichtbar sind sondern in Disneyland untergehen. Wenn es den Mut nicht mehr gibt, Architektur auch aus der DDR neben andere aus Preußen und die gewagten modernen Versuche stehen zu lassen. Wenn die Erfahrung der DDR, des Lebens in ihr, der Veränderung durch die Revolution 1989 verkürzt werden auf Stasi und MDR-Folklore „So war die DDR“.

Im Januar dieses Jahres saß ich beim Empfang des brandenburgischen Wirtschaftsministers für Medien. Grußworte. Reden. Irgendjemand hatte auch den Regisseur Andreas Dresen gebeten, mal was zu seinem neuen Film zu sagen. Der war gerade im Schnitt und so begann Dresen von Gundermann zu erzählen. Seinem zerrissenen, uneindeutigen Leben. 

Bis auf wenige Ausnahmen zückten alle Gäste ihre Handys und begannen Google zu fragen, wer denn dieser Gundermann sei. Ich saß neben Wolfgang Kohlhaase, den auch niemand kannte, war ganz aufgeregt und hörte dem Dresen zu, wie er dem Saal plötzlich von uns erzählte. Von unserem Leben. In der DDR. Danach. In den 90ern. Und dann holte er die Gitarre raus und sang den Gästen ein Lied vom Gundermann vor. Ich hab’ geheult.

Nach dem Film diskutierten wir - es war wunderbar

Dresen erzählte der Märkischen Allgemeinen Wochen später, wie lange er gebraucht habe, für den Film Geld zu bekommen. Weil keiner den Gundermann kannte. Nun wundert sich die FAZ über den „Heimatfilm“ und der westdeutsche Blätterwald fragt nach der ostdeutschen Identität. Und in den Kinos ist der Film ein Kassenschlager. Im Osten.

Als ich aus dem Kino kam, diskutierte hinter mir ein älteres Paar über den Film. Ich drehte mich um und wir brachen mitten in der Nacht eine Diskussion vom Zaun, woran dieses Land, die Revolution scheiterten. Wie wir auf die Fragen der heutigen Zeit mit unserer Erfahrung aus dem Osten reagieren können. Es war ein wunderbarer Moment.

Ich möchte den Mut erleben, ein "Minsk" stehen zu lassen

Und das ist das, was ich sagen möchte. Ich möchte kein Migrant im eigenen Land sein. Ich möchte wieder reden über unsere Erfahrungen, über unsere Lebensleistungen. Vor, während und nach 1989, insbesondere auch über die Jahre der Transformation und was da eigentlich passiert ist. Und ich möchte in meiner Stadt den Mut erleben, mal ein Rechenzentrum und ein „Minsk“ stehen zu lassen.

Denn wir haben eine Geschichte. Sie ist ein bisschen anders als die am südwestdeutschen Dorfteich. Aber so ist das nun mal. Wir können darauf auch ein bisschen stolz sein. Und ich möchte darüber sehr gern weiter diskutieren. Respektvoll. Auf Augenhöhe.


Peter Effenberg ist Geschäftsführer der transfermedia production services GmbH in Babelsberg und Herstellungs- und Produktionsleiter für Film und TV.

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