• Hebammen in Potsdam und Brandenburg: „Bedarf nicht ausreichend gedeckt“

Hebammen in Potsdam und Brandenburg : „Bedarf nicht ausreichend gedeckt“

Martina Schulze, Vorsitzende des Brandenburger Hebammenverbandes, über fehlende Hebammen, mangelhafte Betreuung und hohe Haftpflichtbeiträge

Martina Schulze, Vorsitzende des Hebammenverbands Brandenburg.
Martina Schulze, Vorsitzende des Hebammenverbands Brandenburg.Foto: Birte Förster

Wo liegen die Hauptprobleme für die Hebammen?

Klinikhebammen haben durch gestiegene Geburtenzahlen einen höheren Arbeitsumfang bei gleichbleibender Personalzahl und Vergütung. Die Vergütung hat sich nicht wesentlich verbessert. Viele Häuser zahlen unter Tarif. Hebammen müssen dazu viele Tätigkeiten verrichten wie Telefonate, Terminvereinbarungen, Schwangerenambulanz, die nicht zu ihrem unmittelbaren Arbeitsfeld gehören.

Freiberufliche Hebammen haben ebenfalls eine größere Anzahl von Frauen länger als vor Jahren, z. B. durch Frühentlassung aus den Kliniken, zu betreuen. Auch hier ist die „Personaldecke“ dünn. Das heißt der Bedarf der Frauen an Hebammenhilfe kann nicht in erforderlichem Maß abgedeckt werden.

Wie hoch sind die Geburtenzahlen?

In Brandenburg gab es im Jahr 2015 insgesamt 19112 Geburten, 2016 waren es 20933. Im Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“ kamen 2016 über 2029 Kinder zur Welt, im Sankt Josefs-Krankenhaus waren es 2017 854 Kinder. Das ist relativ viel. Für 2017 liegen noch keine landesweiten Zahlen vor. So gibt es einen Mehrbedarf an Hebammen bzw. Hebammenleistungen.

Wie reagiert die Politik darauf?

Die Landesregierung hat bereits etwas getan und die Hebammen-Ausbildung verstärkt. In Eberswalde gibt es seit dem letzten Jahr eine zweite Hebammenschule. In jedem Jahrgang sind 15 Schülerinnen. Die ersten Absolventinnen stehen ab 2020 zur Verfügung und nur ein Teil bleibt im Land Brandenburg, um die Reihen der Hebammen im Land zu stärken.

Wie steht es um die freiberuflichen Hebammen?

In Potsdam gibt es 54 Kolleginnen, in Potsdam-Mittelmark 45, die im Hebammenverband Brandenburg organisiert sind. Manche arbeiten komplett freiberuflich oder zum Teil, nicht alle bieten Geburtshilfe an. In Potsdam bieten etwa vier bis sechs Hebammen Hausgeburten an, in Potsdam-Mittelmark gibt es eine. Die Probleme der Hebammen sind auf dem Land genauso wie in der Stadt.

Wie ist das Betreuungsverhältnis in den Kliniken?

Eine Bundesstudie hat ergeben, dass etwa drei bis vier Frauen gleichzeitig von einer Hebamme betreut werden. Das Problem ist: Geburtshilfe lässt sich nicht planen. Ganz genau errechnen lässt sich schließlich nicht, wann ein Kind bereit für die Geburt ist. Das Baby ist letztendlich ein bisschen wie eine Black Box. Das macht es für alle Beteiligten nicht einfacher.

Es ist wichtig, das Personal zu erhöhen, um die Versorgung der Frauen zu verbessern und das nicht nur im Kreißsaal, sondern auch vor und nach der Geburt. Das Problem ist immer das Geld, da die Kliniken Wirtschaftsbetriebe sind. Es wird immer am Personal gespart.

Was macht eine Hebamme, wenn sie zwei Frauen betreut, die gleichzeitig entbinden?

Dann ist sie bei einer Frau und ein Arzt bei der anderen. Die Hebammen müssen aber immer hin und her springen. Dass Kinder zum absolut gleichen Zeitpunkt kommen, ist eher selten. Schwierig wird es vor allem, wenn es bei einer Frau Abweichungen gibt und der Geburtsvorgang in den pathologischen Bereich geht. Oft gibt es nicht genügend Ärzte. Die arbeiten auch oft am Limit.

Wenn alles normal verläuft, brauchen die Frauen trotzdem eine Hebamme, die immer da ist?

Wenn es eine kontinuierliche Begleitung gibt, können sie mit dem besonderen Prozess der Geburt besser umgehen. Dann können die Dinge deutlich besser laufen. Man könnte manche Eingriffe und Interventionen vermeiden, wenn genug Zeit da ist. Und auch nach der Geburt werden die Hebammen gebraucht, um die Frauen dabei zu unterstützen, sich in ihre neue Rolle als Mutter einzufinden. Auch das Stillen ist ein Thema.

Sie kritisieren auch die Art und Weise, wie Krankenkassen die Geburt abrechnen.

Die Vergütung entsprechend der DRG’s - Behandlungsfälle, die medizinisch und hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs ähnlich sind, werden zu Fallgruppen, den "Diagnosis related groups" zusammengefasst und jährlich neu ermittelt - sind jedoch für die Geburtshilfe in den Kliniken ungeeignet. Eine Geburt dauert unterschiedlich lange, manchmal drei oder auch 16 Stunden. Der Deutsche Hebammenverband ist um eine Lösung des Problems bemüht, braucht hierfür allerdings dringend die Unterstützung der Politik und der Krankenkassen.

Was bedeutet das für die Kliniken?

Je länger eine Frau in der Klinik unter der Geburt ist, umso mehr Personal wird benötigt, um sie zu betreuen und umso höher sind die Kosten. Und schon stimmt die Rechnung nicht mehr.

Was schlagen Sie vor?

Die Vergütungsregeln müssen geändert werden. Es muss eine Lösung gefunden werden, die berücksichtigt, dass Geburten unterschiedlich lange dauern und dass an einigen Tagen weniger Geburten stattfinden und es an anderen einen großen Ansturm von gebärenden Frauen gibt. Man muss ein gutes Mittelmaß finden und mehr Flexibilität schaffen. Es ist nicht schön für die Frauen, wenn sie das Gefühl haben, dass keiner Zeit für sie hat.

Seit einigen Jahren beklagen freiberufliche Hebammen, dass sie immer höhere Beiträge für die Haftpflichtversicherung zahlen müssen. Wurde dafür inzwischen eine Lösung gefunden?

Seit September 2015 zahlen Krankenkassen Hebammen, die außerklinische Geburten anbieten, auf Antrag den Sicherstellungszuschlag. Das entschärft das Problem. Der Zuschlag greift aber nicht für alle Hebammen. Denkbar wäre es auch, eine Haftungsobergrenze festzulegen oder einen Haftungsfonds zu schaffen, aus dem die Kosten ab einer bestimmten Grenze bezahlt werden.

Was kann noch getan werden?

Ich würde mir wünschen, dass die Frauen mehr für ihre Rechte eintreten. Jede Frau, die sich Hebammenbetreuung wünscht, sollte diese auch bekommen, unabhängig von ihrem Wohnort. Das heißt, Hebammenarbeit muss neu gedacht und organisiert werden. Eine Einbindung der Hebammenversorgung in die Maßnahmen der Sicherstellung der medizinischen Versorgung im Land ist angeraten. Eine Möglichkeit für bestimmte Fälle, in denen Frauen keine Hebamme für die aufsuchende Hebammenbetreuung finden konnten, wäre die Einrichtung von Hebammenambulanzen in den Kommunen. Um valide Zahlen für die derzeitige Situation bezüglich Angebot und Bedarf an Hebammen zu bekommen, ist es nötig, eine entsprechende Datenerhebung vorzunehmen, um den genauen Bedarf an Hebammen zu analysieren. Derzeit gibt es dazu keine konkreten Zahlen.

Wichtig ist es auch, entsprechend der EU-Vorgaben bis 2020 die Hebammenausbildung zu akademisieren. Damit sich Hebammen auf Augenhöhe mit Gynäkologen und Kinderärzten bewegen und ihre Ausbildung auch im Ausland anerkannt wird.

Zu all diesen Themen sind wir als Vertreterinnen des Brandenburger Hebammenverbandes weiterhin mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familien sowie den Vertretern der großen politischen Parteien in unserem Bundesland im Gespräch. Wir müssen immer wieder den Finger in die Wunde legen.

Das Gespräch führte Birte Förster

Martina Schulze ist seit mehr als 25 Jahren als Hebamme tätig und engagiert sich als Vorsitzende des Hebammenverbandes Brandenburg für die Belange ihrer Kolleginnen.

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