• Hausgeburten rechnen sich bald nicht mehr

Potsdam : Hausgeburten rechnen sich bald nicht mehr

Wegen hoher Versicherungsbeiträge müssen Hebammen ihr Leistungsprofil einschränken.

Mindestens dreizügig wäre die Grundschule, die Potsdam locker allein mit den Kindern füllen könnte, die mit Hilfe der Hebammen des Geburtshauses Apfelbaum ins Leben kamen: Über 400 Kinder wurden im Haus in der Tuchmacherstraße in Babelsberg seit dessen Gründung 1998 geboren, 132 kamen bei einer betreuten Hausgeburt zur Welt.

Dass Mütter diese Alternativen zu einer Klinikentbindung haben, findet Claudia Krönke, die das Geburtshaus Apfelbaum gründete und leitet, wichtig. Doch es werde immer schwieriger, das Angebot vorzuhalten – vor allem im ländlichen Bereich. Ein Grund ist der rasante Anstieg der Haftpflichtversicherung für freie Hebammen. Der Betrag habe sich in den letzten drei Jahren fast verdoppelt. Eine Hebamme, die nicht nur Vor- und Nachsorge anbietet, sondern Geburten betreut, zahlt mittlerweile einen Jahresbeitrag von 4300 Euro. 27 freie, hauptberufliche Hebammen gibt es in Potsdam, Hausgeburten bieten nur noch wenige an.

„Für uns sechs Hebammen, die wir in einer Gemeinschaft organisiert sind, ist das kein Problem“, sagt Krönke. „Wir haben gut zu tun und sind voll ausgelastet.“ Auch die Krankenkassen hätten – nach Verhandlungen mit dem Brandenburgischen Hebammenbund – einen Teil der Erhöhungen aufgefangen. Doch bereits im Sommer 2014 wird der Beitrag zur Haftpflicht erneut steigen, wie groß die Erhöhung ausfallen wird, ist noch nicht bekannt.

„An sich ist so eine Versicherung ja nichts Ungewöhnliches, fast jeder Freiberufler ist versichert, jeder Optiker, jeder Anwalt“, sagt Krönke. Das sei auch vernünftig, sie würde niemals ohne Versicherungsschutz arbeiten. Im Schadensfall, ob schuldhaft oder nicht, würde sie sonst persönlich haften. Der Hebammenbund empfiehlt die Versicherungssumme von fünf Millionen Euro. Angemessen, findet Krönke, wenn man bedenke, was eine lebenslange Pflege kosten kann, sollte ein Kind aufgrund einer Geburtskomplikation zum Pflegefall werden. In Anspruch genommen hat sie die Versicherung noch nie – klagen könnten Eltern allerdings theoretisch bis zum Alter des Kindes von 30 Jahren.

Elke Gutzmer aus Borkwalde im Landkreis Potsdam-Mittelmark würde gern Frauen entbinden. Die freie Hebamme kann sich die hohen Versicherungsbeiträge bei den wenigen Geburten auf dem Land aber nicht leisten. Zahlen würde sie nämlich genauso viel wie ihre Kolleginnen in der Stadt: Egal ob zwei oder 20 Entbindungen im Jahr, es wird immer dieselbe Summe für die Haftpflichtversicherung fällig. So bietet Gutzmer wie viele Landhebammen nur Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung und diverse andere Kurse an. Dann kostet die Haftpflicht nur einen Bruchteil, wenige Hundert Euro im Jahr. Im Ausnahmefall meldet sie sich für drei Monate als Geburtshebamme an und die werdenden Eltern übernehmen die Differenz.

Auch die Hebammen in Babelsberg haben so ein System, um Kosten zu sparen, entwickelt. „Jede von uns arbeitet nur neun Monate im Jahr als Geburtshebamme, drei Monate leitet sie lediglich Kurse, macht Fortbildung – und auch mal Urlaub“, sagt Chefin Claudia Krönke. Es sei ein sehr schöner Beruf, aber auch Hebammen seien vor Burnout nicht gefeit, bei den vielen Bereitschaftsdiensten, Arbeit Tag und Nacht, an Feiertagen.

Viele freien Hebammen arbeiten mittlerweile als sogenannte Beleghebammen und entbinden ihre Frauen in der Klinik. Das sei jedoch auch keine optimale Lösung: Bei einer Entbindung im Krankenhaus ist der Versicherungsschutz zwar meist über die Klinik gegeben, die Hebamme verdiene aber auch deutlich weniger, sagt Martina Schulze, Vorsitzende des Hebammenverbands.

Krönke hofft jetzt, dass sich die Situation vor allem für die Frauen auf dem Land nicht noch mehr verschlechtert: „Die kleinen Krankenhäuser werden geschlossen, die Hebammen können sich die Geburten nicht mehr leisten, dann ist die Wahlfreiheit, wie und wo eine Frau entbinden will, nicht mehr gegeben.“

Manche Hebammen aus Potsdam, wie die aus dem Geburtshaus Apfelbaum, fahren im Ausnahmefall auch mal 30 oder 40 Kilometer ins Umland. Doch die kostbare Zeit würden sie statt im Auto lieber mit den Frauen verbringen, sagt Krönke. „Außerdem kann es beim dritten Kind auch mal schnell gehen.“

Im Geburtshaus Apfelbaum wird am heutigen Samstag das Sommerfest gefeiert: von 15 bis 18 Uhr in Hof und Garten in der Tuchmacherstraße 17. Der nächste Infoabend für werdende Eltern ist am 30. September um 19 Uhr.

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