• Handel in der Potsdamer Innenstadt: Kein Erlebniseinkauf in der Brandenburger Straße

Handel in der Potsdamer Innenstadt : Kein Erlebniseinkauf in der Brandenburger Straße

Potsdams Innenstadthandel schwächelt seit Jahren. Corona machte das Geschäft nicht einfacher, auch wenn das Tief überwunden scheint. Ikea soll neue Besucher bringen - über weitere Konzepte scheiden sich die Geister. 

Aus den entfernteren Ortsteilen fahren die Potsdamer eher nicht zum Einkaufen in die Brandenburger Straße.
Aus den entfernteren Ortsteilen fahren die Potsdamer eher nicht zum Einkaufen in die Brandenburger Straße.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In einem sind sich die Innenstadthändler einig: Die Eröffnung der Ikea-Filiale ist eine gute Nachricht für die Brandenburger Straße. Der schwedische Möbelriese selbst sieht sich laut Market Managerin Inga Smith als "Frequenzbringer, der Kundschaft und vor allem eine andere Zielgruppe in die Innenstadt zieht". Diese Hoffnung haben auch die Betreiber der umliegenden Geschäfte. "Das ist sehr positiv für die Straße", sagt Meike Fudickar von der Herrenmode-Boutique Elsbach. "Ich hoffe, das lockt als Magnet Kunden in den oberen Teil der Brandenburger, die sonst vielleicht nur bis zur Hermann-Elflein-Straße gegangen wären."

> Kommentar: Gegen die Leere

Gleicher Tenor auch bei der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK). "Wir gehen davon aus, dass Ikea einen Anlass für einen Einkauf in der Brandenburger Straße bieten und dadurch die Besucherfrequenz erhöhen kann", sagt Handelsreferent Malte Gräve. Solche Anziehungspunkte gebe es in der Potsdamer Innenstadt viel zu wenige. "Auch deshalb mangelt es an Kunden aus den weiter entfernten Ortsteilen und dem Umland", so Gräve. Einzig in Karstadt und Intersport sieht er bislang solche Magneten, mit Ikea komme ein weiterer hinzu. "Allein der Name, die Marke wird viele aus Neugier in den Laden locken", glaubt er. 

Konzentration oder flächendeckende Versorgung

Gräve sieht auch die Notwendigkeit einer solchen Belebung. "Der Umsatzanteil der Innenstadt beträgt 15 Prozent am Gesamtumsatz des Handels in Potsdam", sagt er. Das sei in vielen vergleichbaren Städten höher. Derzeit fahre kaum jemand eine weitere Strecke zum Shoppen in die Innenstadt - und aus Gräves Sicht sollte sich das ändern. Er kritisiert, dass die Stadt in ihrem neuen Einzelhandelskonzept - im November soll dieses den Stadtverordneten vorgelegt werden - nicht auf eine stärkere Konzentration setzt. 

"Branchen wie Textil- und Lederwaren sowie Schuhe sollten nur in der Innenstadt erlaubt werden", findet er. Stefan Frerichs, der Chef der Wirtschaftsförderung der Stadt, weist die Kritik von sich. "Wir müssen die flächendeckende Kernversorgung der Potsdamer sicherstellen, auch in den Ortsteilen." Ziel sei gar nicht die größtmögliche Konzentration. "Wir sind keine Einkaufsstadt, sondern auch ein Ort für Kultur, Wohnen, Geschichte", so Frerichs. 

Einige Ladenflächen in der Brandenburger Straße stehen leer.
Einige Ladenflächen in der Brandenburger Straße stehen leer.Foto: Andreas Klaer

Klar ist: Die Corona-Pandemie hat die Lage in der Innenstadt nicht einfacher gemacht. "Der Erlebniseinkauf fällt weg", sagt Gräve. Sprich: Wer eine Jacke braucht, geht gezielt in einen bestimmten Laden. Aber er geht nicht einfach mal bummeln. Allerdings habe sich der durchschnittliche Warenwert pro Einkauf und Kunde erhöht. 

Die Händler selbst beobachten in letzter Zeit eine Erholung von dem starken Einbruch der Umsätze im Frühjahr zur Zeit der ersten Welle und der coronabedingten verordneten Schließungen. "Bei mir läuft es derzeit sogar besser als im Vorjahr", berichtet Susanne Deistler, Storemanagerin bei Wigglesteps, einem Laden für bunte Socken direkt neben Ikea. Vor allem innerdeutsche Touristen bescherten ihr das Umsatzplus.

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Herrenmode-Verkäuferin Meike Fudickar will ebenfalls nicht klagen. "Seit zwei Monaten hat sich das wieder eingependelt und läuft aktuell sogar besser als 2019", sagt sie. Einige Kunden kämen lieber in die Fußgängerzone, in der draußen keine Maskenpflicht gilt, als in ein Einkaufszentrum, berichtet sie. Auch die Kolleginnen vom Schuhladen Wittstock sind recht zufrieden. Die Nachfrage sei mittlerweile wieder etwa wie im Vorjahr, sagen sie. "Wir haben mehr Touristen im Geschäft als Potsdamer, und mehr Ältere als Jüngere", beschreibt eine von ihnen. 

Hohe Mieten und Online-Kauf

Pessimistischer ist der Uhrmacher und Juwelier Ronald Richter, seit 20 Jahren im Geschäft. "Der ganze Handel krankt, die Leute kaufen online und die Mieten hier kann kaum einer erwirtschaften. Da werden in den kommenden Jahren noch viele dicht machen", prophezeit er. Ein Gang durch die Brandenburger Straße zeigt, dass auch derzeit wieder eine ganze Reihe von Ladenflächen leer steht. Immerhin: Einige Kunden, erzählt Richter, kämen ganz gezielt in sein Geschäft, um die kleinen, lokalen Einzelhändler zu unterstützen. 

Diesen Trend lobt auch Stefan Frerichs. "Den Zusammenschluss von Potsdamer Händlern zu einem lokalen Online-Geschäft unterstützen wir ausdrücklich", sagt er. Dass die Mieten der Auslöser der meisten Geschäftsaufgaben ist, ist ihm bewusst. Jedoch: "Wir als Stadt können da aber nicht mehr tun, als das Gespräch zu suchen."

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