Potsdam : Gold für die Fälscher

Jubel in Babelsberg: Das KZ-Drama des Regisseurs Stefan Ruzowitzky gewinnt den Auslands-Oscar. Gedreht wurde der Film vor knapp zwei Jahren zwischen den Lokhallen an der Wetzlarer Straße

Wie er sich anfühlt, der Oscar? „Schwer“, sagt Christoph Fisser. „Wie ein Bleigewicht.“ Fisser hat sie nicht gewonnen, die goldene Statue. Aber der Vize-Chef von Studio Babelsberg durfte sie einmal halten, Sonntagnacht in der Villa des österreichischen Konsuls Martin Weiss in Los Angeles. Gewonnen hat den Oscar Stefan Ruzowitzky für sein Drama „Die Fälscher“: Es wurde als bester nicht-englischsprachiger Film ausgezeichnet. Ruzowitzky ist gebürtiger Wiener, aus Österreich kommen auch die Produzenten von Aichholzer Film, deshalb wurde „Die Fälscher“ als österreichischer Beitrag ins Oscar-Rennen geschickt. Doch über die Trophäe – das sagt auch der Regisseur – darf sich ohne Not auch Deutschland freuen: Magnolia Film aus Hamburg war genauso beteiligt an „Die Fälscher“ wie die Studio Babelsberg AG. Allerdings ist das Potsdamer Traditionsunternehmen nicht nur Koproduzent des Oscar-Gewinners. Der größte Teil der Dreharbeiten fand im Frühjahr 2006 in Babelsberg statt – zwischen den alten Hallen des Orenstein & Kopell-Werks an der Wetzlarer Straße.

So überschlagen sich an diesem Montagmorgen die Gratulationen zum Babelsberger Oscar-Erfolg. Der „Oscar strahlt auf Babelsberg“, lobte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Die Auszeichnung sei „eine Bestätigung für die Professionalität des Medienstandorts“. Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns sieht darin einen „riesigen Sprung“ für Babelsberg, der Standort gehöre zu den stärksten in Europa. Der Oscar werde dazu beitragen, dass noch mehr internationale Produktionen ins Studio kommen. Dies müsse man abwarten, sagte Studio-Chef Fisser – nach Auszeichnungen für den in Babelsberg gedrehten Film „Der Pianist“ 2002 und die Koproduktion „The Constant Gardener“ 2006 sei dieser Oscar „zwar nicht der erste für Babelsberg, aber der wichtigste“, sagte Fisser.

Besonders nahe gehen dürften Regisseur Ruzowitzky und den Darstellern allerdings die Glückwünsche, die der Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Günter Morsch, nach Hollywood sandte: Der Oscar sei auch eine Auszeichnung für das Lebenswerk von Adolf Burger. Es freue ihn besonders, dass der tschechische Überlebende des Fälscherkommandos die Oscar-Verleihung in Los Angeles persönlich miterleben konnte. Auf den Erinnerungen des heute 90-Jährigen basiert die Geschichte des Films „Die Fälscher“. Burger und rund 140 weitere jüdische Häftlinge mussten während des Zweiten Weltkrieges für die Nazis im Konzentrationslager Sachsenhausen über 130 Millionen falsche englische Pfund-Noten, Briefmarken, Reisepässe und einige Dollarnoten herstellen. Mit den „Blüten“ sollte die Wirtschaft des deutschen Kriegsgegners geschwächt werden. Im Film sei die „Situation in den beiden abgeschirmten Baracken mit großer Authentizität dargestellt worden“, betonte Horst Seferens, Sprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, auch wenn die Handlung selbst dramaturgisch zugespitzt sei. Am 9. März ist in der Gedenkstätte eine Veranstaltung zur Oscar-Verleihung geplant. Dann soll der Film, der bereits vor einem Jahr auf der Berlinale präsentiert wurde, erneut gezeigt und der Originalschauplatz besichtigt werden.

In der Gedenkstätte drehen wollte Regisseur Ruzowitzky nie, die Authentizität des Lagers ließ er von Kulissenbauern erschaffen. In acht Wochen zimmerten im Winter vor zwei Jahren bis zu 45 Mitarbeiter des Babelsberger Art Departments unter Leitung von Dierk Grahlow die zwei vierzig Meter langen Fälscherwerkstatt-Baracken. Dort spielte sich ab, was Regisseur Ruzowitzky eine „groteske Ferienlager-Version eines Konzentrationslagers“ nannte: Die Inhaftierten bekommen gut zu essen, werden mit Musik berieselt, können Tischtennis spielen. Gekämpft wird nicht mehr ums Überleben, sondern um die eigene Seele. „Idealismus gegen Pragmatismus“, so beschrieb Ruzowitzky während des Drehs den Angelpunkt seines Films, in dem der Anti-Held Salomon Sorowitsch (Karl Markovics), ein jüdischer Kleinkrimineller, auf den Idealisten Adolf Burger (August Diehl) trifft.

Bedrückend wirkten die Baracken bereits während der Filmarbeiten, ob Fälscherwerkstatt, Toiletten oder der Schlafraum – alles erschien originalgetreu bis ins Detail. Adolf Burger, der Überlebende, der seine Erinnerungen im Buch „Des Teufels Werkstatt“ aufgeschrieben hat, besuchte den Drehort einmal - einer der schwierigsten Momente des Drehs, schilderte später Darsteller Markovics.

Rund vier Millionen Euro hat „Die Fälscher“ gekostet, 500 000 Euro hat dazu das Medienboard Berlin Brandenburg beigetragen, 250 000 Euro Studio Babelsberg. Das Geld, sogenannte Referenzmittel, hatte das Studio zuvor über die erfolgreichen internationalen Produktionen „Der Pianist“, „In 80 Tagen um die Welt“ und „Sahara“ eingenommen und ganz bewusst in die deutsch-österreichische Produktion investiert. Darüber hinaus sei der Oscar ein „wichtiges und positives Signal für die deutsche Filmbranche“, so Studio-Chef Carl Woebcken. Deutschland werde nicht nur als Produktionsstandort interessanter, auch „deutsche Stoffe“ funktionierten nun international – immerhin sei nach „Das Leben der Anderen“ im Vorjahr mit „Die Fälscher“ nun die zweite deutschsprachige Produktion in Folge ausgezeichnet worden. Die Studio-Chefs Woebcken und Fisser hoffen, dass der Oscar dem Film noch einmal viele Kinobesucher beschert. Im vergangenen Jahr waren es in Deutschland nur rund 70 000, so der Verleih Universum – in Großbritannien beispielsweise hätten doppelt so viele Menschen den Film gesehen, obwohl er mit Untertiteln lief. Und in den USA, wo am Samstag Kinostart war, sei „Die Fälscher“ sogar stärker angelaufen als „Das Leben der Anderen“, berichtete Fisser. Wieder in die deutschen Kinos kommt der Oscar-Preisträger am Donnerstag, bundesweit sollen nach Angaben des Verleihs 37 Kopien an den Start gehen.

Doch für Babelsberg brachte die Oscar-Verleihung noch einen weiteren Erfolg: „Das Bourne Ultimatum“ – gedreht teilweise in Berlin mit Studio Babelsberg – gewann die Trophäen in den Kategorien Schnitt, Ton und Tonschnitt. Offenbar Anlass, über einen vierten Teil des Thrillers mit Matt Damon in der Rolle des Agenten Bourne nachzudenken. Gestern gab es erste Meldungen aus Hollywood, Damon und Regisseur Paul Greengrass seien wieder im Boot. Fehlt nur noch Studio Babelsberg. Es bekam schließlich schon beim zweiten „Bourne“-Film den Großauftrag.