Potsdam : Gleichheit in bunten Overalls

Friedensorganisation warb mit Straßenaktion am Brandenburger Tor um Toleranz für Flüchtlinge

Weder Klempner noch Häftlinge. Die Teilnehmer der Straßenaktion vor dem Brandenburger Tor trugen verschiedenfarbige Overalls und kennzeichneten so die Gruppen der Flüchtlinge und der Einheimischen. Am Ende halfen sie sich dann gegenseitig.
Weder Klempner noch Häftlinge. Die Teilnehmer der Straßenaktion vor dem Brandenburger Tor trugen verschiedenfarbige Overalls und...Foto: Andreas Klaer

Darsteller in blauen Overalls stehen auf dem Rand des Brunnens auf dem Luisenplatz. Sie halten sich die Hände vor Augen, Ohren und Mund. So können sie nicht mit den anderen Darstellern in roten Overalls kommunizieren, die den Platz scheinbar nicht betreten können. Die etwa zehnminütige Performance wurde am gestrigen Dienstag mehrfach rund um das Brandenburger Tor gezeigt und zog die Aufmerksamkeit vieler Passanten auf sich – auch wenn nicht jeder auf Anhieb etwas damit anfangen konnte.

Die sogenannte Straßenaktion sollte auf die Lage von Flüchtlingen und Asylsuchenden aufmerksam machen. Die Frauen und Männer zwischen 20 und 29 Jahren in den bunten Overalls waren Teilnehmer eines zweiwöchigen Studiencamps der Organisation „Service Civil International“ (SCI), das seit Monatsbeginn im Babelsberger Haus des Vereins „Inwole“ stattfindet. Der SCI wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur deutsch-französischen Aussöhnung gegründet. Freiwillige Helfer bauten damals unter anderem zerstörte französische Dörfer wieder auf. Heute wird die Organisation vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Frieden und dem interkulturellen Austausch.

So kamen die Teilnehmer der Straßenaktion aus einem halben Dutzend europäischer Länder: Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Ungarn und Rumänien. Die Kosten für Unterkunft und einen Teil der Reisespesen trug das Jugendprogramm der Europäischen Kommission „Youth in Action“.

Die 24-jährige Eszter aus Budapest stellte eine der roten Figuren dar: „Wir wollen zeigen, wie es ist, ausgeschlossen zu sein.“ Sie habe bereits in einem Flüchtlingslager Kinder betreut. Seitdem liege ihr das Thema besonders am Herzen.

Die Straßenaktion war nur ein Teil des Programms des Studiencamps: Nachdem sich die 25 Teilnehmer über die Lage von Flüchtlingen in verschiedenen europäischen Ländern informiert hatten, besuchten sie auch das brandenburgische Aufnahmelager für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt. Auch in Potsdam gab es Gespräche mit Asylbewerbern. Die dabei entstandenen Interviews sollen nun bei einer Wanderausstellung des SCI europaweit gezeigt werden.

Mit der Straßenaktion am Brandenburger Tor wollten die Aktivisten ihr Wissen unter die Leute bringen. „Es war uns wichtig, dass es auch im Vorbeigehen leicht zu verstehen ist“, sagte Magz Barrawasser. Die Berliner Regisseurin hat mit den Camp-Teilnehmern das Konzept für die Straßenaktion erarbeitet. „Deshalb arbeiten wir mit einfachen Symbolen wie den einfarbigen Overalls.“ Außerdem klebt auf der Brust jedes Darstellers ein Papierherz. „Das soll zeigen, dass unter der Oberfläche alle gleich sind“, so Barrawasser. Damit die Botschaft nachwirken kann, verteilten die Aktivisten nebenbei noch Flyer, in denen sie für Toleranz und gleiche Rechte für Flüchtlinge warben.

„Geht es ihnen gut?“, fragte eine ältere Dame eine am Boden liegende Darstellerin während der Aktion. Die Sorge war unbegründet: Der Zusammenbruch gehörte zur Show. „So kommt man mit den Leuten ins Gespräch“, sagte Hanna Treu, die für den SCI das Studiencamp mitorganisiert hat. Das sei besser, als nur einen Infostand aufzubauen. Zwei Monate Vorbereitung und wenig Schlaf während des Studiencamps hätten sich gelohnt.

Die 22-jährige Emmi aus Finnland fand vor allem die unterschiedlichen Perspektiven interessant, die Teilnehmer aus ihren Heimatländern mitbrachten. „Bei uns in Finnland gibt es wenige Flüchtlinge“, sagte sie. Der Grund ist die Lage des nordeuropäischen Landes. Flüchtlinge aus Afrika oder dem Nahen Osten erreichen in Europa meist die südlichen Länder und müssen wegen des geltenden Rechts dort bleiben. In Süditalien sind die Flüchtlingslager hingegen überfüllt.