• Geschützte Tiere in der Stadt: Wildes Potsdam

Geschützte Tiere in der Stadt : Wildes Potsdam

In der Stadt leben viele geschützte Tierarten – vom Heldbock über den Weißstorch bis zur Zauneidechse. Was für den Erhalt getan wird und was jeder einzelne tun kann.

Auf dem Vormarsch. Die Biber-Population in Potsdam hat sich erholt.
Auf dem Vormarsch. Die Biber-Population in Potsdam hat sich erholt.Foto: Patrick Pleul/dpa

Potsdam - Die brandenburgische Landeshauptstadt ist nicht nur wegen ihrer Parks Heimat für viele geschützte Tierarten. Während sich einige Populationen wie die des Bibers erholen konnten, benötigen andere Arten wie die Nachtigall weiterhin besonderen Schutz. Ein Überblick über das wilde Potsdam:

Insekten: Heldbock und Hornisse

Lange hieß es, in Potsdam sei Brandenburgs größtes Heldbock-Revier. Heute weiß man, dass auch im Baruther Urstromtal ein großes Vorkommen gibt, erklärt Susan Fischer, Umweltgutachterin und Mitglied im Potsdamer Naturschutzbeirat. Fakt ist aber: In einigen Teilen Deutschlands ist der Käfer, der mehr als fünf Zentimeter lang werden kann und dessen Fühler seine Körperlänge noch weit übertreffen, ausgestorben. Für Potsdam bedeute das, dass man eine große Verantwortung für den Erhalt der Art habe. Beobachtet wurde der Heldbock bislang nur auf der nördlichen Seite der Havel: Zwischen Remisenpark im Volkspark und Nedlitzer Straße, auf der Ostseite der Nedlitzer Straße zwischen den Roten und den Grauen Kasernen und am Großen Schragen befindet sich auch das Flora-Fauna-Habitat Heldbockeichen, das unter besonderem Schutz steht – für die Heldbockbestände am Schragen wurde auch die Tram-Linie ins Bornstedter Feld in einer Kurve, der „Käferkurve“, um die Eichen herumgeleitet. Die Insekten sind sehr wohnorttreu.

Thomas Kuhlow von der Unteren Naturschutzbehörde Potsdam mit einem Heldbock aus dem Naturkundemuseum.
Thomas Kuhlow von der Unteren Naturschutzbehörde Potsdam mit einem Heldbock aus dem Naturkundemuseum.Foto: Jana Haase

Zwischen drei und fünf Jahre dauert es, bis sich der Heldbock vom Ei zur Larve entwickelt hat – das tut er versteckt im Holz mindestens 80 Jahre alter Eichen, in das sich die bis zu zehn Zentimeter langen Larven hineinfressen. Nach der mehrjährigen Wachstumsphase entpuppen sich die Tiere, überwintern aber ein weiteres Mal im Holz, bevor sie dann voll ausgewachsen nach draußen gehen und schnellstens für Nachwuchs sorgen. „Der Heldbock hat nur wenige Wochen Lebenszeit“, sagt Thomas Kuhlow, Arbeitsgruppenleiter bei der Unteren Naturschutzbehörde im Rathaus. Wichtig für den Heldbock sind nicht nur die Eichen, sondern auch, dass es an ihnen sonnenbeschienene Plätze gibt – Unterholz und kleinere Bäume müssen im Schutzgebiet also immer wieder entnommen werden, erklärt Susan Fischer. Wenn wie an der Nedlitzer Straße ein alter Straßenbaum aus Verkehrssicherheitsgründen gefällt werden muss, bleibt für den Heldbock zumindest der Baumtorso zunächst noch stehen – denn darin könnten Larven schlummern. Die größten Chancen, einen Heldbock zu beobachten, hat man im Juni oder Juli. Und dann? „Hingucken und genießen“, sagt Thomas Kuhlow.

Unter anderem auf dem Bassinplatz wurden Blühwiesen angelegt.
Unter anderem auf dem Bassinplatz wurden Blühwiesen angelegt.Foto: Ottmar Winter

Nicht ganz so einfach ist die Sache mit den Hornissen. Kuhlow und seine Kolleg*innen in der Naturschutzbehörde bekommen regelmäßig Notanrufe, wenn Kleingärtnern oder Hausbesitzern das Treiben rund um ein Hornissennest zu Schaffen macht. Die Insekten sind nach Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt, dürfen nicht getötet werden, Nester dürfen nicht zerstört werden. Kuhlow wirbt für ein friedliches Miteinander: Die Hornisse greift den Menschen nicht an, wenn sie nicht gereizt wird. Auch gut zu wissen: „Die Hornissen kommen im nächsten Jahr nicht wieder“, sagt Kuhlow. Dann suchen sie sich ein neues Domizil. Es gibt sogar einen Vorteil: „Wenn die Hornisse da ist, kommt die Wespe nicht.“ Wespen, die sich gern an den Speisen auf dem Gartentisch gütlich tun, halten sich von Hornissennestern fern. Dennoch könne es Fälle geben, wo ein Hornissennest nicht akzeptabel ist, sagt Thomas Kuhlow – etwa nahe von Kindergärten. Dann können die Nester fachmännisch umgesiedelt werden.

Reptilien: Zauneidechse

Auch die Zauneidechse ist streng geschützt. Sie ist in Potsdam unter anderem an Wegrändern und Bahndämmen zu beobachten. Wichtig für die bis zu 24 Zentimeter langen Tiere sind sowohl sonnige, vegetationsfreie Plätze als auch Versteckmöglichkeiten – ein Stein- oder Holzhaufen oder ein Gebüsch zum Beispiel, sagt Susan Fischer. Hier können auch Hobbygärtner behilflich sein – indem sie nicht jede Ecke des Gartens peinlich gepflegt halten. „Ein bisschen Unordnung in der Natur hilft uns allen“, sagt Thomas Kuhlow. Völlig vermieden werden sollten die „lebensfeindlichen Schottergärten“, sagt Susan Fischer. Die Stadt hat jedoch kaum rechtliche Handhabe, gegen solche „Gärten des Grauens“ vorzugehen, wie das Rathaus vor zwei Jahren auf Anfrage der Fraktion Die Andere mitgeteilt hatte.

Suchbild: Zauneidechsen - wie hier in der Döberitzer Heide - sind Meister des Tarnens.
Suchbild: Zauneidechsen - wie hier in der Döberitzer Heide - sind Meister des Tarnens.Foto: M. Wichmann/Sielmann-Stiftung

Manchmal sind es kleine Maßnahmen, die Artenvielfalt befördern: Dass nicht jede städtische Rasenfläche ständig gemäht wird zum Beispiel – auch wenn es hin und wieder Bürgerbeschwerden gebe, sagt Thomas Kuhlow. Wenn Blumen ausblühen können, könne auch die Eierablage und Larvenentwicklung von Insekten abgeschlossen werden, erklärt er. „So etwas wirkt sich sofort auf den Artenreichtum aus“, sagt Susan Fischer – es komme nicht nur Insekten zugute, sondern auch anderen Tierarten, die sich von Insekten ernähren. Mittlerweile gibt es etwa am Bassinplatz oder auf dem Platz der Einheit „Bienenweiden“ für diesen Zweck. Die könne man auch im eigenen Garten oder auf dem Balkon anlegen.

Paradies. Am Katharinenholz wurden 185 Erdkröten gezählt.
Paradies. Am Katharinenholz wurden 185 Erdkröten gezählt.Foto: D. Bockwoldt/dpa

Amphibien: Moorfrosch und Erdkröte

Der Moorfrosch ist selten, auch in Potsdam – im Feuchtbiotop Düstere Teiche ist er noch zu finden. Momentan macht der Nabu dort eine Bestandsaufnahme – Ergebnisse erwartet man im Sommer. Eine Frage, die sich die Naturschützer stellen, ist auch, wie man auf die Trockenheit reagieren kann. Den Moorfrosch gibt es auch im Umfeld des Regenrückhaltebeckens im Remisenpark des Volksparks, sagt Susan Fischer. Auch Erdkröten sind geschützt. Ihnen und den anderen Amphibien konnte mit sogenannten stationären Krötenzäunen zum Beispiel an der Templiner Straße und im Gebiet Eichenallee/Katharinenholzstraße schon weitergeholfen werden. Durch diese Leitsysteme mit kleinen Tunneln werden die Tiere bei ihren Wanderbewegungen unter der Straße weggeführt, so dass deutlich weniger Tiere unter die Räder geraten als noch vor einigen Jahren. Bei einer Zählung mittels einer Wildkamera im vergangenen Jahr ergab, dass allein im Bereich Katharinenholzstraße 185 Erdkröten unterwegs sind. Gartenbesitzer tun Kröten einen Gefallen, wenn sie am Gartenteich ein Eckchen wild bewachsen lassen und damit einen Lebensraum schaffen.

Plätze für Fledermäuse werden auch in Potsdam immer geringer – unter anderem wegen vieler ausgebauter Dachgeschosse. 
Plätze für Fledermäuse werden auch in Potsdam immer geringer – unter anderem wegen vieler ausgebauter Dachgeschosse. Foto: Patrick Pleul/dpa

Säugetiere: Fledermaus und Biber

Alle Fledermausarten sind streng geschützt. Die größte in Potsdam beobachtete ist das Große Mausohr, Flügelspannweite bis zu 50 Zentimeter. Sie sind zum Beispiel in Krampnitz und im Wildpark zuhause, wo es ein betreutes Winterquartier gibt – wo die Tiere also regelmäßig gezählt und beringt werden. Ein weiteres großes Quartier gibt es im ehemaligen Eiskeller in der Leipziger Straße. Große Quartiere mit an die 1000 Exemplare sind eine Herausforderung, wenn es an nötige Sanierungsarbeiten geht, erklärt Thomas Kuhlow und erinnert an die Sanierung eines Gebäudes der Sportschule. Dann müssen die Arbeiten zeitlich so in Abschnitte geteilt werden, dass für die Tiere trotzdem immer Rückzugsräume bleiben. Bei Fledermausfragen arbeitet die Stadt mit Naturschutzverbänden wie dem Nabu und Expert*innen vom Landesumweltamt zusammen.

Biber haben sich wieder angesiedelt, Beweise sind Biberbauten wie hier am Kindermannsee im Park Babelsberg.
Biber haben sich wieder angesiedelt, Beweise sind Biberbauten wie hier am Kindermannsee im Park Babelsberg.Foto: Andreas Klaer

Wer eine Fledermaus bei sich in der Gartenlaube oder im Dachboden entdeckt, reagiert mitunter mit Angst, weiß Susan Fischer: „Dabei kann man stolz sein, dass man ein Quartier hat.“ Wegen des Trends zu ausgebauten Dachböden gebe es immer weniger Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere. Fledermäuse sind unauffällige Untermieter, sagt auch Thomas Kuhlow. Sie hinterlassen höchstens kleine, trockene Kotkrümelchen oder Fraßreste wie Schmetterlingsflügel. Wenn sich eine Fledermaus einmal in die Wohnung verirrt, dann bewahrt man am besten die Ruhe, öffnet Fenster und verschließt Türen zu anderen Zimmern, rät Kuhlow: So finden die Tiere schnell wieder ins Freie.

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Dem Biber geht es zumindest in Potsdam wieder gut, rund um Havel und Nuthe ist er zu beobachten – dennoch ist er streng geschützt. Das Nagetier sorgt mit seinem Fress- und Bauverhalten immer wieder für Konflikte – Schlagzeilen machten zum Beispiel die Biber vom Park Sanssouci, die vor einigen Jahren an die andere Havelseite umgesiedelt wurden, aber ihren Weg zurück ins Weltkulturerbe fanden. Erst im zweiten Anlauf mit einem neuen Quartier und einer speziellen Schleuseneinrichtung am Parkeingang unweit der Westkurve ist das Umsiedlungsprojekt geglückt.

Die Population der Nachtigall schrumpft, der Vogel gilt als gefährdet, auch in Potsdam.
Die Population der Nachtigall schrumpft, der Vogel gilt als gefährdet, auch in Potsdam.Foto: Daniela Friebel/Museum für Naturkunde Berlin/dpa

Je größer der Biberbestand, desto häufiger komme es zu Konflikten, sagt Thomas Kuhlow. Man sei deshalb gerade auf der Suche nach ehrenamtlicher Unterstützung für den langjährigen ehrenamtlichen Biberbeauftragten vom Nabu, Burghard Sell. Der Biberbeauftragte berät Garten- und Grundstückseigentümer, die es mit Bibern zu tun bekommen, bei der Suche nach der bestmöglichen Lösung. Interessierte für das Ehrenamt können sich per Mail an [email protected]rathaus.potsdam.de melden. Sie erhalten vor dem Einsatz eine entsprechende Schulung.

Vögel: Nachtigall und Schwalbe

Die Vögel sind im Prinzip alle besonders geschützt: Haussperling oder Schwalbe, Nachtigall oder Nebelkrähe, Turmfalke oder Mauersegler, Weißstorch oder Kolkrabe. Eine Ausnahme bildet die Gemeine Taube als verwilderte Haustaube. Weder dürfen Tiere getötet, noch Nester zerstört werden – wer dagegen verstößt, dem droht mindestens ein Ordnungsgeld. Bei vorsätzlichem Handeln kann es auch strafrechtliche Konsequenzen geben, erklärt Thomas Kuhlow.

Im neuen Schwalbenturm am Campus Jungfernsee hat sich derzeit eine Kohlmeisenfamilie niedergelassen.
Im neuen Schwalbenturm am Campus Jungfernsee hat sich derzeit eine Kohlmeisenfamilie niedergelassen.Foto: Andreas Klaer

Während ein Storchennest von den Grundstückseigentümern oft mit Liebe und einem gewissen Stolz gepflegt wird, ist das Verständnis bei Mehl- und Rauchschwalben weniger groß, wissen die Naturschützer. Denn die Tiere, die ihre charakteristischen Nester zum Beispiel in Ecken unter dem Dachfirst regelrecht „kleben“, verursachen Kot. Dem kann man mit einem Kotbrett unter dem Nest schon entgegenwirken, sagt Kuhlow.

Ironischerweise siedeln Schwalben gern in der Nähe von Großbaustellen, weil sie dort in Lehmpfützen ideales Baumaterial für ihre Nester finden, erklärt Susan Fischer. Beobachtet wurde das beispielsweise am Campus Jungfernsee, aber auch in Golm. Am Jungfernsee-Campus sei beim SAP Innovation Center zwar der Dachbereich vergrämt worden, so dass Schwalben dort nicht nisten können – als Ausgleich wurde auf dem Gelände aber ein sogenannter „Schwalbenbaum“ aufgestellt, der Tieren Nistplätze bietet.

Der Heldbock ist so selten, dass ihn Thomas Kuhlow nur als Präparat aus dem Naturkundemuseum zeigen kann.
Der Heldbock ist so selten, dass ihn Thomas Kuhlow nur als Präparat aus dem Naturkundemuseum zeigen kann.Foto: Jana Haase

Der Bahnhof Griebnitzsee ist vom Nabu bereits mehrfach als „Schwalbenfreundlicher Bahnhof“ ausgezeichnet worden. In der Eingangshalle nisten jährlich bis zu 30 Rauchschwalben. Vögel profitieren von extensiv gehaltenen Flächen, wo auch einmal etwas wachsen gelassen wird. Nachtigallen zum Beispiel, deren Bestand in Potsdam zurückgegangen ist, brauchen Gebüschfläschen mit Unterholz, erklärt Susan Fischer.

Fische und Muscheln

Auch unter Wasser sind in Potsdam geschützte Tierarten anzutreffen: Fische und Muscheln. Wenn es um Brückenneubauvorhaben wie die Fahrradbrücke über den Zernsee geht oder wenn Fahrrinnen, zum Beispiel für die Fähre nach Hermannswerder, ausgebaggert werden, müssen Muscheln aus dem Aushub zurück ins Gewässer gebracht werden. Hobbyangler lernen im Rahmen des Angelscheins, welche Arten geschützt sind und welche geangelt werden dürfen.

Ein großes Problem für die im Röhricht und in Ufergebieten anzutreffende Fauna ist der gestiegene Nutzungsdruck durch Ausflügler, sagt Susan Fischer. In der Corona-Pandemie mache sich das – wohl auch wegen fehlender Reisealternativen – stark bemerkbar: Vom Camper, der mit dem Auto im Landschaftsschutzgebiet bis ans Ufer heranfährt und dort verbotenerweise übernachtet über wilde Badestellen bis hin zum populär gewordenen Stand-Up-Paddeling, das für brütende Wasservögel ein Problem wird, wenn sich die Freizeitsportler nahe am Schilf bewegen. „Die Leute sollen sich in der Natur erholen – aber es ist auch große Sensibilität geboten“, sagt Susan Fischer.


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