• Geschichtswettbewerb: Potsdamer vom Bundespräsidenten ausgezeichnet

Geschichtswettbewerb : Potsdamer vom Bundespräsidenten ausgezeichnet

Der Einstein-Gymnasiast Julius Klingemann forschte zur Geschichte seiner Schule. Für seine Arbeit gab es den Landessieg und jetzt auch einen Bundespreis.

Julius Klingemann und Rosemarie Grajetski. 
Julius Klingemann und Rosemarie Grajetski. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - „So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch“ lautete das Thema des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2019. Solche Gedanken bewegten vor knapp 70 Jahren auch Schüler der damaligen Potsdamer Einsteinschule. Über deren Aufbegehren gegen die Doktrin der sowjetischen Besatzer bis hin zur Flucht in den Westen schrieb der heutige Einstein-Gymnasiast Julius Klingemann in seinem Beitrag zum Geschichtswettbewerb der Körberstiftung. Julius wurde im August wie berichtet Landessieger und nun auch einer von fünf Bundessiegern. Am Dienstag übergibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier persönlich die Preise.

1950 flüchtete Rosemarie Grajetski mit ihrer Klasse nach West-Berlin, aus Angst vor politischer Verfolgung.
1950 flüchtete Rosemarie Grajetski mit ihrer Klasse nach West-Berlin, aus Angst vor politischer Verfolgung.Foto: Andreas Klaer

Julius, 15 Jahre alt und Zehntklässler, ist zwar aufgeregt, fährt aber mit gemischten Gefühlen nach Berlin. Er fühlt sich in seinem Anliegen, spannende Schulgeschichte zu erforschen, seitens der Schule unverstanden. Er habe mehr Interesse und Teilnahme von Lehrern und Schülern erwartet und hätte sich gefreut, wenn an diesen Aspekt der Schulgeschichte wieder stärker erinnert würde.

Das Potsdamer Einsteingymnasium.
Das Potsdamer Einsteingymnasium.Foto: Andreas Klaer

Immerhin habe es kürzlich eine öffentliche Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Leistikowstraße gegeben. Auch einige Schüler des Einstein-Gymnasiums nahmen daran teil. Der Abend begann mit einer Führung durch den Zellentrakt des Untersuchungsgefängnisses, in das der sowjetische Geheimdienst damals auch Potsdamer Jugendliche und auch Einstein-Schüler verschleppte, die zur Todesstrafe oder zumindest jahrelangem Arbeitslager verurteilt wurden. „Durch das Gebäude zu gehen, war ein bedrückendes Gefühl“, sagt Julius. „Aber es ist gut, dass es so einen Ort gibt.“ Es gibt seit einigen Jahren auch eine Gedenktafel im Schulgebäude, die an vier inhaftierte Schüler, von denen drei hingerichtet wurden, erinnert. Einen Erinnerungsort für die Schüler, die 1950 flüchteten, weil sie, vermutlich zu Recht, fürchteten, verhaftet zu werden, gibt es bisher nicht.

Schuldirektorin Irene Krogmann-Werber sagt, geplant sei eine Broschüre zur Geschichte des Schulgebäudes – Gebäude deshalb, weil das Gymnasium nicht in der Tradition der damaligen Einsteinschule stehe. Das Gymnasium sei nach der politischen Wende neu gegründet worden. Zum 30-jährigen Bestehen im kommenden Jahr soll aber auch die Geschichte der Klasse, welche in den Westen floh, erwähnt werden.

Julius kritisiert den Umgang seiner Schule mit dem Projekt

Julius findet es wichtig, an Geschichte zu erinnern. Das sei auch das Ziel seiner Arbeit gewesen. Er schreibt: „Dass an meiner Schule nicht weiter über diese Vergangenheit geredet wird, liegt vielleicht auch am Wunsch, gut dazustehen. (...) Aber könnte diese Geschichte meine Schule nicht auch stolz machen? Es ist aus meiner Sicht ein Grund stolz zu sein, dass sich Schüler und Schülerinnen von uns frech und mutig gegen das System gestellt haben.“

Julius’ Arbeit war eine von 1992 Beiträgen bundesweit zum diesjährigen Geschichtswettbewerb und wurde eine der fünf besten. Julius gibt sich bescheiden. „Ich wollte einfach nur eine Facharbeit im Fach Geschichte schreiben“, sagt er. In der Schulhistorie stolperte er über die Eintragung, dass die Schule Anfang der 1950er aufgelöst wurde, und wollte mehr wissen. Er suchte im Internet nach Hinweisen und fand den Bericht eines ehemaligen Schülers, Peter Runge, der die Namen weiterer Schüler enthielt. Einen konnte Julius ausfindig machen und schrieb ihm eine Mail. Ernst-Friedrich Gluschke lebt heute in Bremen und konnte Julius mit weiterem Material helfen. Vor allem stellte er den Kontakt zu seiner damaligen Mitschülerin Rosemarie Grajetski her, die heute in Caputh lebt. Mit ihr führte Julius ein umfängliches Zeitzeugen-Interview, bei Kaffee und Kuchen in ihrem Haus. Für die heute 86-jährige Grajetski war es wichtig und bewegend, noch einmal von den Vorfällen erzählen zu können.

Die Großeltern erzählen lassen

Mit Hilfe seines Tutors Dieter Rauchfuß, ehemaliger Schulleiter des Helmholtz-Gymnasiums, arbeitete sich Julius letztlich intensiv in die politische Gemengelage der Nachkriegszeit ein. Außerdem forschte er zum Umgang mit DDR-Geschichte nach der Wende.

Historisches findet er grundsätzlich interessant, sagt Julius. „Ich habe immer meine Großeltern ausgefragt. Mein Opa kam aus Griechenland, der hatte viel zu erzählen.“ Er lese viel und gerne, aber eher Fantasy-Romane. Dass ihn das Thema der Facharbeit so begeisterte, dass daraus letztlich ein umfangreicher Wettbewerbsbeitrag wurde, scheint ihn selbst etwas überrascht zu haben.

Überrascht waren auch die Lehrer. „Wir sind positiv überrascht, dass Julius sich für Geschichte interessiert und haben gestaunt“, schreibt die Schulleiterin. Er sei sonst eher zurückhaltend.

Ein bisschen Aufregung vor der Preisverleihung

Julius sagt das auch von sich – er sei halt jemand, der eher schreibt und weniger spricht. Durch die Arbeit habe er einen ersten Eindruck davon erhalten, was es heißt, wissenschaftlich zu arbeiten. Er nehme für sich mit, dass es wichtig ist, Aussagen und Meinungen zu hinterfragen und nicht einfach hinzunehmen.

Nun kommt die Preisverleihung. Leider dürfen aus Platzgründen die Eltern nicht dabei sein, nur der Tutor und die Schulleiterin, so der 15-Jährige. Also hat er alleine im Hotel übernachtet – ein bisschen aufregend war das durchaus. Am Montag fand ein Kennenlernen der Preisträger statt. Der Dienstagvormittag beginnt mit einer Durchlaufprobe, bevor es ernst wird. Die festliche Übergabe findet im Schloss Bellevue statt.

Das Preisgeld, 250 Euro für den Landessieg, 2000 Euro für den Bundessieg, will er für den Motorrad-Führerschein sparen. Wenn er 16 ist, möchte er sich einen Motorroller kaufen und als Pizzalieferant jobben. Einen Berufswunsch hat er nicht. Er könnte sich vorstellen, später politisch zu arbeiten. „Aber erstmal mach ich Abitur.“