Potsdam : Geschichten für eine bessere Welt

Themen, die junge Journalisten bewegen: Der M100 Young European Journalists Workshop in Potsdam.

F. Gasimzade
F. GasimzadeFoto: Helena Davenport

Storytelling lautete am Freitag das Stichwort für die 25 Teilnehmer des M100 Young European Journalists Workshops, der seit Montag in Potsdam und Berlin stattfindet. Wie muss eine Geschichte aufgebaut sein, um Aufmerksamkeit zu erreichen und dann gezielt Informationen zu vermitteln? Dies war die Kernfrage, über die gestern Robert Ackermann, Videoreporter bei „Spiegel Online“, mit den jungen Teilnehmern aus rund 15 verschiedenen Ländern diskutierte.

Eine ältere Frau gleitet in ihrem Kahn über das Wasser, sie steht vorn, hält das Paddel und singt. Wahrscheinlich tut sie das, was sie immer tut. Direkt neben ihr – in dem 360-Grad-Video, das sie zeigt – werden Informationen zu ihrem Alltag in der ukrainischen Einöde eingeblendet. Oleksandr Yaroshchuk, ein junger ukrainischer Journalist, hatte das Video von dem Onlinemedium Ukrainer.net als Beispiel für die Diskussion ausgewählt. Kann so auf die schlechte Infrastruktur in ländlichen Regionen der Ukraine aufmerksam gemacht werden?

Kirill Filimonov
Kirill FilimonovFoto: Helena Davenport

Randgruppen eine Stimme geben 

Eindrucksvoller und direkter wäre es doch, würde die Frau selbst aus ihrem Leben erzählen, meldete sich gestern Kirill Filimonov zu Wort. Der 26-Jährige kommt aus Moskau, seit 2016 ist er Doktorand im Fach Kommunikationswissenschaften an der Uppsale Universitet in Schweden. Vorher hat er in Russland über politische Missstände berichtet. Aktuell setzt er sich mit aktivistischen Journalistenvereinigungen auseinander. Wenn er schreibt – das komme mittlerweile selten vor – berichtet er für alternative russische Medien über progressive Entwicklungen in der russischen Politiklandschaft, über Genderproblematiken und Feminismus. „Ja, ich finde das auch witzig“, gesteht er lachend. Aber es sei schließlich wichtig, dass Feminismus von allen Seiten unterstützt wird. Filimonov möchte irgendwann selbst ein Medium eröffnen, das vor allem Randgruppen eine Stimme gibt und diejenigen zu Wort kommen lässt, die aus eigener Erfahrung sprechen können. Sein Highlight des Workshops sei die Veranstaltung von Christoph Heymann und Jannis Keil zum Thema Mobile Reporting. 

Die beiden Filmexperten hatten kostengünstige Apps vorgestellt, die das Berichten von unterwegs einfacher machen. „Das hat für mich ganz neue Möglichkeiten eröffnet“, sagt der junge Russe, allerdings hätte er sich mehr Austausch über die Bedeutung von Journalismus gewünscht.

Soziale Medien und Fake News

Schon die Bewerbungen hätten gezeigt, wie heterogen die Gruppe sein wird, erzählt die Projektkoordinatorin Sophia Wellek. Der Workshop, der im Rahmen des M100 Sanssouci Colloquiums organisiert wird, findet zum 14. Mal statt. In diesem Jahr sind auch zehn Europäer unter den Teilnehmern, während sich das Angebot zuvor ausschließlich an junge Leute aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft der EU und aus Russland richtete. „Diejenigen aus östlichen Ländern betrachten Soziale Medien als Chance, die Europäer hingegen wollen lernen, wie man sich in Sozialen Medien vor Fake News schützt“, erzählt Wellek. Die Voraussetzungen für Journalismus sind in den Herkunftsländern der Workshopteilnehmer jeweils sehr unterschiedlich. Auch deswegen habe es am Montagabend die Gelegenheit für Einzelgespräche gegeben, etwa mit der Moderatorin Eva Schulz, so Wellek.

Irene Benedicto.
Irene Benedicto.Foto: Helena Davenport

Fidan Gasimzade aus Aserbaidschan hat sich für den Workshop beworben, um Kontakte zu knüpfen und sich inspirieren zu lassen. In ihrer Heimat arbeitet sie als Tourguide und als Lektorin, außerdem berät sie in Marketingfragen. Die 24-Jährige möchte erfahren, welche neuen Formen von Journalismus in Zukunft eine Rolle spielen werden. Irene Benedicto, ebenfalls 24, aus Barcelona, arbeitet hauptberuflich als Pressesprecherin für die spanische La caixa foundation. Abends setzt sie sich als Reporterin mit Themen wie Migration, Ökologie und Kultur auseinander. Sie macht den Workshop, weil sie sich darüber informieren möchte, wie man als Journalist internationale Themen angeht. „Ich finde es sehr interessant, hier auch von den Problemen zu erfahren, die Journalisten in östlichen Ländern haben“, sagt sie.

Am Ende des Workshops soll jeder ein eigenes Medienprojekt vorstellen. Die Themen Umwelt, Migration, Fake News, Identität und EU-Wahl haben sich als die beliebtesten herauskristallisiert – jetzt soll sich jeder ein Thema herausgreifen und hierzu ein Projekt entwickeln. Ackermanns Fazit aus der Diskussion zum 360-Grad-Video: Die Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren.