• Geschäfte mit Russland: SV Babelsberg 03 verteidigt Softwarekonzern SAP

Geschäfte mit Russland : SV Babelsberg 03 verteidigt Softwarekonzern SAP

Der Verein setzt sich für Geflüchtete ein. Der Sponsor steht wegen Geschäften mit russischem Rüstungskonzern in der Kritik.

Der Softwarekonzern SAP ist ein wichtiger Sponsor des SV Babelsberg 03. 
Der Softwarekonzern SAP ist ein wichtiger Sponsor des SV Babelsberg 03. Foto: Andreas Klaer.

Potsdam - Fußball-Viertligist SV Babelsberg 03 verteidigt seine Partnerschaft mit dem Softwarekonzern SAP. Der Konzern steht wegen seiner Geschäfte unter anderem mit einem russischen Rüstungskonzern in der Kritik. Der Verein, der sich bei der Hilfe für vor Russlands Krieg geflüchteten Ukrainer:innen engagiert, sei sich seiner Verantwortung bewusst und sehe sein Handeln und Tun durch seine eigenen Grundsätze gedeckt, hieß es auf PNN-Anfrage. „Die Verantwortlichen des SV Babelsberg 03 haben den Austausch mit den Ansprechpartner:innen unseres Sponsors SAP gesucht, um sich vollumfänglich über die Unternehmenspolitik bezüglich der aktuellen politischen Lage zu informieren“, so Vorstand Thoralf Höntze.

Babelsberg 03 ist seit vielen Jahren für sein gesellschaftspolitisches Engagement bekannt. So liefen die Spieler von Nulldrei mit dem Logo der „Seebrücke“ auf der Trikotbrust auf. Die Initiative setzt sich für die Arbeit der Seenotretter auf dem Mittelmeer ein und fordert europaweit sichere Fluchtwege sowie eine menschenwürdige Aufnahme dieser Menschen. 2014 gründete der Verein mit Welcome United 03 das erste reine Flüchtlingsteam im deutschen Fußball, das in den regulären Spielbetrieb integriert wurde. Bei den jüngsten Heimspielen wurden Spenden gesammelt, mit deren Hilfe das Team vom Konvoi Drushba Hilfsgüter für ein Waisenhaus nach Uschgorod im Westen der Ukraine brachte. Anfang Mai soll der nächste Hilfstransport auf die Reise gehen, heißt es auf der Webseite des SV Babelsberg.

Vorwurf der Heuchelei

Mit SAP ist einer der wichtigsten Sponsoren des Vereins unterdessen in die Schlagzeilen geraten: Der Softwarekonzern hat seinen russischen Kunden nämlich kurz vor der Einstellung des Cloud-Geschäfts in Russland angeboten, ihre Cloud-Daten aus dem russischen Rechenzentrum kostenlos umzuziehen. Ein entsprechendes Schreiben an die Kunden ist auf den 23. März datiert, am 24. März folgte die Ankündigung, das SAP-Cloud-Geschäft in Russland einzustellen. Das englischsprachige Nachrichtenportal „The Kyiv Independent“ hatte das Schreiben vom 23. März veröffentlicht und SAP in einem Bericht Heuchelei vorgeworfen. 

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Ein Sprecher des Konzerns aus Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis) hat die Echtheit des Briefs bestätigt. In dem Schreiben verweist SAP gegenüber den Kunden als Grund für den Umzug auf Lieferkettenprobleme und Schwierigkeiten, den Service vor Ort aufrecht zu erhalten. Den Krieg Russlands gegen die Ukraine erwähnte das Unternehmen nicht.

SAP verweist auf geltende Rechtslage

Bei einem der wertvollsten Konzerne Deutschlands verweist man auf PNN-Anfrage in Bezug auf die Cloud-Geschäfte auf die geltende Rechtslage. „Wir stehen zu unserer Verpflichtung gegenüber der Ukraine, indem wir alle internationalen Sanktionen vollständig umsetzen, Verkäufe stoppen und den Cloud-Betrieb in Russland und Belarus einstellen.“ Allerdings gehörten die Daten in den Rechenzentren nicht SAP, sondern den Kunden. 

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„Aus rechtlichen Gründen haben wir daher Optionen erarbeitet, wie wir diese Daten übergeben können“, so der Sprecher. Das gelte auch für internationale Kunden, die auch auf dem russischen Markt tätig gewesen seien. Die Daten der russischen Kunden könnten somit außerhalb von Russland abgelegt werden, aber operativ nicht genutzt werden, da dafür Rechenzentren im Inland nötig seien. SAP hatte in dem Schreiben auch angeboten, den Kunden eine Kopie der Daten bereitzustellen oder diese zu löschen.

Der Rückzug aus dem Cloud-Geschäft – einen ganzen Monat nach dem Beginn der von Moskau großangelegten Invasion – war erst auf öffentlichen Druck hin passiert. Auf Twitter hatte der ukrainische Digitalminister Mykhailo Fedorov SAP den Konzern zuvor explizit aufgefordert seine Dienstleistungen in Russland einzustellen. Angesichts dieser Gemengelage hatte die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ kürzlich die Frage gestellt: „Agiert SAP damit noch sanktionskompatibel – oder schon im Graubereich?“

Debatte erreicht Potsdamer Stadtpolitik

Zumindest hatte der Konzern laut einem Bericht der Zeitung „Die Welt“ in der Vergangenheit keine Hemmungen im Russlandgeschäft an die Grenze des legal möglichen zu gehen. „Auch nach der völkerrechtswidrigen russischen Annexion der Krim 2014 schloss SAP immer wieder neue Verträge und Vereinbarungen mit Tochterunternehmen von Rostec – obwohl der Vorstandschef des Rüstungskonzerns Sergej Tschemesow seit September 2014 auf der Sanktionsliste der EU steht“, berichtete das Blatt Anfang April. Rostec ist einer der größten russischen Rüstungskonzerne und stellt von Hubschraubern über Raketensysteme bis zu Lkw vieles her, was Russland für seinen Angriffskrieg einsetzt.

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Die Diskussion hat mittlerweile auch die Stadtpolitik erreicht. „Ich frage mich gerade, wie ernst es SAP mit den Sanktionen gegen Russland ist“, schrieb der SPD-Stadtverordnete Pete Heuer, der auch der Stadtverordnetenversammlung vorsteht, auf seiner Facebookseite.

Hasso Plattner.
Hasso Plattner.Foto: Manfred Thomas

Potsdam ist mit SAP nicht nur über den SV Babelsberg verbunden: Am Jungfernsee sitzt das 2011 gegründete SAP Innovation Center. Potsdam-Mäzen Hasso Plattner hat 1972 mit vier Partnern das Unternehmen SAP gegründet, das auch unter Führung von Plattner zu Europas größtem Software-Konzern mit derzeit rund 104 000 Mitarbeitern wuchs. Mehr als 200 Millionen Euro aus seinem Vermögen flossen bereits in das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Plattner hat zudem seinen Hauptwohnsitz in Babelsberg. (mit AFP)


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