• Gerechtigkeit für Künstler und ihre Werke

Potsdam : Gerechtigkeit für Künstler und ihre Werke

Der Jurist Prof. Wilhelm Nordemann feiert heute seinen 70. Geburtstag

Der Jurist Prof. Wilhelm Nordemann feiert heute seinen 70. Geburtstag Von Klaus Büstrin Großformatige Bilder vom winterlichen Marmorpalais und dem Heiligen See beherrschen das Arbeitszimmer Prof. Dr. Wilhelm Nordemanns in der Anwaltskanzlei. Sie gehören einfach zu den Ruhepunkten in einem Haus, in dem es oftmals ohne lebhaften Besucherverkehr und Stress nicht geht. Die feinsinnigen Fotografien stammen von Wilhelm Nordemanns Frau Sigrid, die leidenschaftlich gern vor allem Motive aus ihrer näheren Wohngegend aufs Foto bannt. Und das sind die Gärten und Schlösser, die Landschaft von und um Potsdam. Seit 1995 wohnen die Nordemanns nun in der Landeshauptstadt. Viele Menschen fühlen sich zu ihnen hingezogen. Die meisten, weil sie so eine für sie bereichernde Bekanntschaft, ja Freundschaft genießen können. Heute wird Prof. Wilhelm Nordemann aber auch so manchen Mandanten begrüßen, für den der Anwalt Recht erstritt. Der in Halle Geborene, im Artland – das in Westniedersachsen liegt – Aufgewachsene, der in Tübingen und Göttingen studierte, feiert seinen 70. Geburtstag. Nordemanns Spezialität ist, wie die der gesamten Kanzlei Boehmert & Boehmert, unter anderen das Patentrecht, das Wettbewerbsrecht und das Kartellrecht. Beim Urheberrecht gehört er zu jenen Fachleuten, von denen es weltweit nur rund 800 Juristen gibt. „Organisiert sind die Wissenschaftler aus allen Kontinenten, die sich mit diesem Fachgebiet beschäftigen, in der Internationalen Urheberrechtsvereinigung, die 1882 in Frankreich von keinem geringeren als dem Dichter Victor Hugo gegründet wurde“, erzählt Wilhelm Nordemann in einem PNN-Gespräch. „Mitternachtstango“ Der Potsdamer Anwalt hat in seinem Berufsleben viele Künstler der verschiedensten Genres oder deren Nachfahren beraten oder in einem Rechtsstreit vertreten, so die Erben von Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Heinrich Böll… Er erinnert sich beispielsweise an einen Prozess, der sich um einen populären Schlager in den sechziger Jahren drehte, um den „Mitternachtstango“. Man entdeckte bei der Komposition dieses Hits eine Übereinstimmung der Melodie mit einer aus der Oper „Der Evangelimann“ von Wilhelm Kienzl aus dem Jahre 1894. Man fand aber heraus, dass der Komponist bereits die Musik des Volksliedes „Ich stand auf hohem Berge“ für seine Oper benutzte. „Die Geschichte geht aber noch weiter“, so Prof. Nordemann. „Friedrich Karl Fromm, bei dem ich Sozius in dessen Kanzlei in Berlin war, der mein Lehrer in Sachen Urheberrecht wurde, las eines Tages ganz nebenbei in Theodor Storms Novelle ,Immensee“. Er entdeckte darin das Lied ,Ich stand auf hohem Berge“. Storm schrieb die Novelle 1883, also fast zehn Jahre vor Kienzl. Storm wurde somit Kronzeuge, der Mitternachtstango frei gesprochen .“ Der Anwalt wusste noch von einem anderen Vorfall zu berichten, der sich in den sechziger Jahren an der Freien Volksbühne Berlin abspielte. Kurt Hübner, damaliger Intendant des Theaters und Regisseur, inszenierte Tennessee Williams Schauspiel „Endstation Sehnsucht“. Die Rolle des Polanski, eine relativ negative Figur in dem Stück, wurde mit einem farbigen Schauspieler besetzt. Der Autor und der Verlag, der die Rechte für das Schauspiel besitzt, sahen darin die Umwandlung eines Klassenstücks zu einem Rassenstück. Nordemann erwirkte eine Einstweilige Verfügung beim Berliner Kammergericht. „Endstation Sehnsucht“ konnte an der Freien Volksbühne in der Inszenierung Hübners nur neun Mal gezeigt werden. Prof. Wilhelm Nordemann hat an der deutschen Kultur- und Kunstgeschichte mitgeschrieben. Er hat mit juristischen Mitteln sich dafür eingesetzt, dass dem Künstler und seinem Werk Gerechtigkeit widerfährt. Darum schätzen ihn auch viele Musiker, Komponisten, Theaterleute und Maler. Seit 2002 gibt es in Deutschland ein neues Urhebervertragsgesetz. An dessen Entstehung hat auch Prof. Nordemann mitgearbeitet, auch mehrere Auflagen seines Buches zum Urheberrecht sind erschienen. „Im neuen Vertragsgesetz ist besonders interessant, dass endlich solche Künstler nicht mehr ,entrechtet“ werden dürfen, deren Werke zwar einmalig bezahlt wurden, aber beim Erfolg ihres Musik- oder Theaterstücks finanziell leer ausgehen. Jetzt ist klar, dass die Autoren oder deren Erben angemessen vergütet werden müssen.“ Gesunde „Unruhe“ Eigentlich füllt die Anwalts- und Lehrtätigkeit – früher Freie Universität, seit der Wende an der Humboldt-Universität Berlin – Wilhelm Nordemann ganz aus, „obwohl ich manchmal kürzer trete soll. Drei meiner Kinder, die ebenfalls Anwälte sind, haben Aufgaben, die ich bislang wahrnahm, übernommen.“ Aber die aktive, die gesunde „Unruhe“ ist ihm einfach gegeben. Er engagiert sich in Gesellschaften und Vereinen, die zu seinem juristischen Fach gehören, aber auch in solchen, die sich um das Potsdamer Kulturleben kümmern. So ist er Vorsitzender des vor wenigen Jahren neu gegründeten Fördervereins des Hans Otto Theaters. Auf Initiative des Vereins werden jährlich zwei verdiente Mitarbeiter mit dem „Theaterpreis“ ausgezeichnet. „Es ist dem Vorstand ganz wichtig gewesen , dass nicht nur Künstler geehrt werden, sondern auch andere verdiente Mitarbeiter, beispielsweise aus der Technik.“ Die Freude darüber, dass 2006 das neue Theaterhaus in der Schiffbauergasse stehen wird, ist dem Vereinsvorsitzenden anzumerken. „Wir haben uns überlegt, welchen Teil wir an der Eröffnung tragen. So möchten wir, dass Theaterfreunde einen Sitz sich im Zuschauerraum ,kaufen“. Wir hoffen, dass viele Potsdamer von diesem Angebot Gebrauch machen.“ Auf der Einladung zu seiner Geburtstagsfeier bat der 70-Jährige darum, kein Geschenk mitzubringen. Dafür bittet er um einen Geldbetrag für die Finanzierung der so dringend benötigten Orgel in der Pfingstkirche. Wilhelm Nordemann ist in Potsdam mit Herz, Sinnen und Taten ganz angekommen.

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