• Gemeinschaft für Frieden und Aufbau: Illegale Flugblätter aus Luckenwalde

Gemeinschaft für Frieden und Aufbau : Illegale Flugblätter aus Luckenwalde

Sie wirkten im Geheimen, im Untergrund und setzten ihr Leben aufs Spiel: Die Geschichte einer NS-Widerstandsgruppe wurde in der Gedenkstätte Lindenstraße vorgestellt.

S/W-Foto: Privatbesitz Eugen Herman-Friede, Repro und
S/W-Foto: Privatbesitz Eugen Herman-Friede, Repro undFoto: Andreas Klaer

Potsdam - Es waren mutige Worte. Man musste damit rechnen, hierfür mit dem Leben zu bezahlen. Worte, verfasst für ein Flugblatt im April 1944: „Wir wollen nicht mehr mitansehen, wie unsere Soldaten sich an der Front verbluten. Wir dulden nicht mehr, dass Tag und Nacht unsere Heimat von Bombern zertrümmert wird. ... Wir kämpfen für den sofortigen Frieden ... Wir rufen zum passiven Widerstand auf!“

Urheber dieses Flugblattes war die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau, eine Untergrundorganisation, deren Angehörige sich dem Widerstand gegen Hitler verschrieben hatten. Im brandenburgischen Luckenwalde und in Berlin kümmerten sich die insgesamt etwa 30 Frauen und Männer um versteckt lebende Juden oder verfassten, vervielfältigten und verschickten illegale Flugblätter, in denen zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen wurde.

Mutiges Wirken im Untergrund

Die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau – 1943 in Luckenwalde von dem jüdischen Elektriker Werner Scharff und dem Justizangestellten Hans Winkler gegründet – ist heute vergleichsweise unbekannt. Von dem mutigen Wirken dieser Widerstandsgruppe berichtete am vergangenen Donnerstagabend die Berliner Historikerin Barbara Schieb in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße.

Die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau, wie sie sich selbst nannte, hatte demnach mindestens drei Flugblätter gegen die Nazis verfasst. Sie wurden per Post an zahllose Leute im Deutschen Reich verschickt. Die Adressen der Empfänger entstammten Telefonbüchern, aber auch den Todesanzeigen von gefallenen Soldaten. In diesen Familien, so die Hoffnung der Widerständler, würde man vielleicht besonders empfänglich für oppositionelle Gedanken sein.

Noch wichtiger als die Flugblätter: Hilfe für Untergetauchte

Die wichtigste Aufgabe der Gruppe um Scharff und Winkler bestand jedoch darin, untergetauchten Menschen zu helfen. Einer dieser Schutzsuchenden war der junge Berliner Eugen Herman, Jahrgang 1926. Seine jüdischen Eltern hatten sich früh getrennt, die Mutter heiratete erneut. Ihr zweiter Mann war der Nichtjude Julius Friede. Er kümmerte sich rührend um seinen Stiefsohn, der wegen seiner jüdischen Wurzeln von der Deportation bedroht war. Zunächst konnte der Jugendliche mit Hilfe seines Stiefvaters nacheinander in zwei Berliner Verstecken unterkommen. Als das zu gefährlich wurde, nahm ihn die Luckenwalder Familie Winkler auf.

Hans und Frida Winkler kümmerten sich fortan um Herman. In seinen 1991 unter dem Titel „Für Freudensprünge keine Zeit“ erschienenen Erinnerungen schreibt Herman, der einige Jahre nach dem Krieg den Namen Herman-Friede annahm, über die Zeit im Versteck bei Familie Winkler: „Es passiert recht selten, dass jemand, der mich nicht sehen darf, zu Winklers in die Wohnung kommt. Wenn es draußen schellt, flitze ich blitzschnell ins Schlafzimmer und verstecke mich in der Nische zwischen Kleiderschrank und Wand. Es dauert nie lange, dann hat Tante Frida unliebsame Besucher abgewimmelt, gibt Entwarnung, und ich kann wieder aus dem Versteck hervorkommen.“

Am Donnerstagabend in der Lindenstraße las der Schauspieler Marc Zwinz aus diesen Lebenserinnerungen Herman-Friedes.

Im Luckenwalder Versteck bei Winklers lernt Herman den Elektriker Werner Scharff kennen, dem es zuvor gemeinsam mit seiner Freundin Fancia Grün und einem weiteren Deportierten gelungen war, aus dem Lager Theresienstadt zu fliehen. Von hier aus hatten sich Werner Scharff und Fancia Grün in Richtung Berlin durchgeschlagen und tauchten nun im September 1943 bei Hans und Frida Winkler in Luckenwalde auf. Über Bekannte hatten die Geflüchteten zuvor erfahren, dass Familie Winkler in Luckenwalde bereit sei, sie zu verstecken.

Gruppenmitglieder waren verstreut

Gemeinsam gründeten Hans Winkler, der als Justizangestellter am Amtsgericht Luckenwalde arbeitete, und der jüdische Elektriker Werner Scharff bei Winklers zu Hause die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau. Das Netzwerk der Widerständler vergrößerte sich schnell. Jedoch kannten sich offenbar nicht alle untereinander. Ein Teil der Gruppe lebte in Berlin, andere wiederum in der Luckenwalder Gegend.

Am 18. April 1944 fiel der Gestapo mit Hilde Bromberg jedoch das erste Mitglied der Gruppe in die Hände. Bromberg war nach Potsdam zu Gertrud Bonneß gefahren, der Frau des vom Volksgerichtshof zum Tode Verurteilten Buchhändlers und Verlegers August Bonneß. Hier sollte Bromberg um Geld für die Widerstandsarbeit der Gruppe bitten. Doch Gertrud Bonneß denunzierte Bromberg. Womöglich hielt Bonneß Brombergs Bitte um Geld für einen Test der NS-Behörden, vermutet Historikerin Schieb. Später wurden immer mehr Mitglieder der Gruppe verhaftet, schließlich auch Eugen Herman. Er war im Potsdamer Gefängnis in der Priesterstraße (heute Henning-von-Tresckow-Straße) inhaftiert. Wie viele andere Mitglieder der Gruppe, unter ihnen Frida und Hans Winkler, überlebte Herman die Nazi-Diktatur. Werner Scharff indes wurde noch im Frühjahr 1945 in Sachsenhausen ermordet.

Frida und Hans Winkler wurden posthum im Jahre 2008 von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

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