• Geliebter Pleite-Schmidt: 98-Jähriger feiert 80. Abi-Jubiläum mit seinen alten Schülern

Geliebter Pleite-Schmidt : 98-Jähriger feiert 80. Abi-Jubiläum mit seinen alten Schülern

80 Jahre nach dem Abitur bekam der Babelsberger Herbert Schmidt eine Überraschungsparty geschenkt - von seinen ehemaligen Schülern.

Von Freunden umgeben. Herbert Schmidt (Mitte vorne) bestand vor 80 Jahren sein Abitur. Später wurde er Lehrer. Seine ehemaligen Schüler besuchen ihn fast täglich, nun organisierten sie dem 98-Jährigen eine Party.
Von Freunden umgeben. Herbert Schmidt (Mitte vorne) bestand vor 80 Jahren sein Abitur. Später wurde er Lehrer. Seine ehemaligen...Foto: PNN / Ottmar Winter

Potsdam - Zur Abiturprüfung im Fach Chemie gehörte ein Experiment. Herbert Schmidt kann sich an die Aufgabenstellung noch gut erinnern. „Ich sollte eine Titration ausführen. Ich bekam eine Base vorgesetzt und musste mithilfe einer Säure die Konzentration feststellen.“ Es klappte und Herbert bekam am 27. Februar 1939 sein Abiturzeugnis ausgestellt. 80 Jahre ist das her und der Jahrestag wurde am Mittwoch ganz besonders begangen. Ein gutes Dutzend Freunde haben dem 98-Jährigen eine Feier ausgerichtet. Freunde, die alle früher einmal Schüler von Herbert Schmidt waren.

Denn der 1920 geborene Babelsberger wurde Lehrer für Chemie und Geografie und unterrichtete nach dem Krieg bis 1962 am heutigen Bertha-von-Suttner-Gymnasium. Das hieß bis 1950 Althoff-Schule, ein Realgymnasium, später wurde daraus die Beethovenschule. Als die Abiturstufe, die sogenannte EOS, 1962 aufgelöst wurde, ging Schmidt ans Helmholzgymnasium. Geprägt hat ihn jedoch vor allem seine Zeit in Babelsberg. Aus den Jahren als Fach- und Klassenlehrer sind enge freundschaftliche Beziehungen zu einstigen Schülern geblieben.

Viele von denen und auch Schmidt selbst engagierten sich in den vergangenen Jahren im Förderverein ihrer früheren Schule. Als dann ihr ehemaliger Lehrer aufgrund des Alters ins Potsdamer Emmaushaus zog, Betreuung und geistige Abwechslung brauchte, schweißte es die einstigen Schulkameraden noch mehr zusammen. Sie besuchen bis heute ihren alten Lehrer beinahe täglich.

Posaunenchor und ein uralter Plattenspieler

Die Abiturfeier haben die Herren, die alle zwischen 75 bis 83 Jahre alt sind, liebevoll und höchst durchdacht organisiert. Zur Kaffeetafel im Seniorenzentrum der Evangelischen Gemeinde Babelsberg spielt der Posaunenchor, in dem Helmut Przybilski, auch ein ehemaliger Schmidt-Schüler, Mitglied ist. Es gibt einen Bildervortrag zu Herbert Schmidts Schüler- und Lehrerzeit und einen weiteren Vortrag mit historischen Babelsberger Stadtansichten. Danach wird ein uralter Plattenspieler angeworfen, für Jazz und Dixieland. „Das mochtest du doch immer“, sagt einer der Freunde. Nach dem Feiern gibt es Mittagessen um die Ecke bei Hiemke. Schmidt ist angesichts der planerischen Leistung überrascht, aber nicht sprachlos. „Euch zusammenzuführen, das war das Schönste, was ich geschafft habe“, sagt Schmidt gerührt. „Behaltet diesen Zusammenhalt. Familie zu haben ist schön, aber Freunde sind etwas Besonderes.“

Pleite-Schmidt hält sich aus der Politik raus

Dass es nur Männer sind, ist auf die Umstände der Zeit zurückzuführen, sagt Hans-Horst Elß, Abi 1957: „Es gab nur sehr wenige Mädchen in den Klassen, in meiner waren nur zwei.“ Aus den Schülern, die Schmidt unterrichtete, wurden ein Chemiker, ein Maschinenbauer, Ingenieur, Tierarzt, Informatiker, Astronom und Meteorologe. Ihren Lehrer haben sie als gerechten, ehrlichen und sachlichen Menschen in Erinnerung, sagen sie. Er wird geschätzt für eine penible Unterrichtsvorbereitung – und doch geht bei Experimenten oft etwas schief. Pleite-Schmidt ist sein Spitzname. Auch, weil der Lehrer manchmal den Schülern droht: Wenn ihr nicht lernt, werdet ihr später nur Pleiten erleben.

Gut organisiert. Für die Feier gab es Kaffeetafel, Musik und Vorträge.
Gut organisiert. Für die Feier gab es Kaffeetafel, Musik und Vorträge.Foto: PNN / Ottmar Winter

Es wird ihm auch angerechnet, dass er sich aus der Politik raushält und die Schüler nicht unter Druck setzt. Er ist kein Parteimitglied, sondern leistet die gesellschaftliche Arbeit, die man von Lehrern erwartet, im eher unpolitischen Gewerkschaftsbund. Dort organisiert er Ferienreisen für Lehrer. Für seine Schüler macht er das sowieso. Mit dem Rad geht es durch den Fläming, übernachtet wird in Schulgebäuden. Einmal machen sie Rast bei seinen Schwiegereltern, die auf dem Dorf leben. „Da gab es zur Verpflegung gezuckerte Johannisbeeren aus dem Garten“, erinnert sich ein Mitfahrer von damals.

Zensuren sind so la-la

Als Herbert Schmidt zur Schule geht, ist vieles strenger. Wirklich gute Zensuren gibt es selten. Herbert Schmidt bescheinigt man noch 1934: „Er ist etwas schwerfällig.“ Die Zensuren sind so la-la: Oft gibt es „genügend“, im Schreiben immerhin ein „fast gut“ und im Gesang ein „ziemlich gut“. Er sei aber eifrig, zeige guten Willen und bemühe sich seinen Kräften entsprechend – eine Beurteilung, mit der bei heutigen Bewerbungen kein Blumentopf zu gewinnen wäre, stellt Hans-Joachim Zunft amüsiert fest. Die Abiturnoten in Chemie und Biologie sind aber „gut“ und Schmidt weiß schon, dass er Lehrer werden möchte, so steht es im Reifezeugnis. Doch zunächst wird er zum Reichsarbeitsdienst abbestellt, beginnt anschließend ein Studium und wird dann doch zum Militär eingezogen: Es ist Krieg. Er hat Glück, wird drei Mal verwundet, aber überlebt. Mit einer Art Galgenhumor schreibt er unter ein Foto, das ihn in Italien zeigt: „Ich habe Europa kennengelernt – im Krieg.“

Schon 1946 kommt er als im Schnellverfahren ausgebildeter Neulehrer an die Schule in Babelsberg und studiert dann endlich weiter. 1954 erhält er die Lehrbefähigung für die Mittelstufe, 1957 für die Oberstufe. Da hat er schon längst seine Abiturienten unterrichtet, stellen diese fest. Durch all seine Stationen hindurch machen er oder andere viele Fotos. Herbert Schmidt hebt alles auf, Bilder, Zeugnisse, Urkunden. Aus dem Schatz darf sein heutiger Fanklub jederzeit schöpfen. Und so sieht man in der Feierstunde Herbert Schmidt im weißen Kittel im Chemielabor, beim „Fußballvergleich Straußberg gegen Babelsberg“, beim Skifahren in den Potsdamer Ravensbergen. Aber mit den Leibesübungen tut er sich schwer, nur Boxen kann er ganz gut. „Du hast dich eben durchgeboxt“, sagt jemand anerkennend. 1970 wird er Oberlehrer, 1985 Studienrat, aber da hat er „seine“ Babelsberger Schule längst verlassen.

In Babelsberg ist er zu Hause. Referent Klaus Fritze, der die historischen Fotos zeigt, erzählt von Kneipen, in denen sie manchmal lieber Billard spielten, statt zum Unterricht zu gehen. Nicht zu vergessen die unverzichtbare Drogerie Richter in der Friedrichstraße, die heute Garnstraße heißt: „Die waren gut ausgestattet, da gab es alle Zutaten für den Chemieunterricht.“