Potsdam : Gegen das Vergessen

Lenné-Schüler produzierten Film über drei Diktaturen des 20. Jahrhunderts

Jan Brunzlow

Potsdam - Krempelt Willi Frohwein seinen Ärmel hoch, kommt seine Geschichte zum Vorschein. Nummer 122 785. Eintätowiert im KZ Auschwitz. Er gehört einer Generation an, deren Leben aus Sicht heutiger Schüler in Filmen spielt, in Büchern steht und Lehrstoff im Unterricht ist. Für 20 Abiturienten der Lenné-Gesamtschule Potsdam wurde Willi Frohwein in den vergangenen Monaten mehr: Lebendige Geschichte, an der Geschriebenes erlebbar wird und Gelesenes Erlebtes ist. Frowein ist neben Elisabeth Jäger, Walter Ruge, Peter Seele und Mario Falcke ein Zeitzeuge, der für ein besonderes Unterrichtsprojekt des Grundkurses Geschichte zur Verfügung stand – dem Versuch eines Vergleichs von Diktaturen aus dem 20. Jahrhundert: Stalinismus, Nationalsozialismus und die SED.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck lobte den Ansatz des Projektes und das gestern im Kino Thalia vorgestellte Ergebnis. Er machte jedoch in dem 60-minütigen Projektfilm auch deutlich, dass die DDR nicht auf eine Stufe mit dem dritten Reich gehoben werden darf. Das würde die „Singularität der Taten Hitlers“ herabsetzen. Die Mischung des Films aus historischen Aufnahmen, Berichten der jeweiligen Augenzeugen und den Aussagen der Politiker über die Verhältnisse in den jeweiligen Diktaturen ließen die Zuschauer zwischen Schmerz, Ungläubigkeit und Heiterkeit schwanken. Und Parallelen zwischen den einzelnen Systemen erkennen.

Acht Monate hat das Projekt gedauert, die Idee stammt von Geschichtslehrer Ingo Müller. Anstatt in der Schule zu sitzen und den Lehrplan abzuspulen, haben sich die Schüler des Grundkurses mit 19:1 Stimmen für diese Art des praktischen Unterrichts entschieden. Sie gingen mit Kamera und Mikrofon auf die Straße, interviewten Passanten zu den einzelnen Diktaturen ebenso wie Politiker und Zeitzeugen. Im Vordergrund stand die Frage, wie wird mit der Jugend umgegangen und wie mit der Opposition? Müller nennt das den Unterricht der Zukunft. „Ich bin wahnsinnig stolz auf die Schüler. Da weiß ich, wofür ich Lehrer geworden bin.“ Bereits vor drei Jahren gab es in der Lenné-Gesamtschule ein ähnliches Projekt mit dem Thema „Volksaufstand 17. Juni 1953“.

Eine Zeit, die Walter Ruge in der Sowjetunion verbracht hat. 15 Jahre Zwangsarbeit unter Stalin. Auch Peter Seele war zwischen 1951 und 1959 im Straflager (Gulag) Workuta, Endstation für viele politische Häftlinge. In der Tiefe habe er dort gearbeitet, unter anderem Uran abgebaut. Die Gesundheit kaputt gemacht. Peter Seele war gestern im Kino, ebenso Walter Ruge. Der hatte sich allein in die letzten Reihe gesetzt und betrachtete stumm den Film, der auch seine Geschichte ist.

Willi Frohwein dagegen kennt den Umgang mit Schülern, der Öffentlichkeit und dem ständigen Spiegel der Vergangenheit. Er ist in ganz Deutschland als Zeitzeuge an Schulen unterwegs, damit die Zeit der Nationalsozialisten nicht vergessen wird. „Man muss dabei ans Herz kommen, dann macht der Kopf schon weiter“, sagte Frohwein nach dem Film. „Das habt ihr geschafft.“ Der Film hat ihn sehr bewegt, und seine Geschichte die Schüler. Zehn Jahre war er bei der Machtergreifung Hitlers 1933, sein Vater Wilhelm war Jude, wegen seiner Hochzeit aber zum katholischen Glauben konvertiert. Die Nürnberger Gesetze von 1935 machten Willi Frohwein dennoch zum „Mischling ersten Grades“, zwei Jahre verbrachte er in Auschwitz und überlebte. Bis 1966 hat es gedauert, bis er über seine KZ-Zeit sprechen konnte. Dann sagte er im Prozess gegen den Lagerarzt Horst Fischer aus, der wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt wurde. Eine Geschichte, die in keinem Lehrbuch steht.

„Die Zeitzeugen haben ihr Herz geöffnet und ein Stückweit Einblick ins Leben gebene“, sagte Christian Hartmann. Mit diesen Emotionen sei nicht immer leicht umzugehen gewesen. Sei es das Leben von Frohwein und Ruge oder die Geschichte von Mario Falcke. Zehn Monate saß er in Untersuchungshaft, vier Monate davon in Einzelhaft. Ohne Tageslicht. Ohne Buch und Schreibzeug. Ohne Kontakt zu seiner Familie. Am Rande des Todes. Heute ist er zu 70 Prozent Invalide. Er hat an dem Projekt teilgenommen, damit keiner vergisst, welches Unrecht es in der DDR gegeben hat. Jan Brunzlow

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