• Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus: Aus den Fugen geraten

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus : Aus den Fugen geraten

Die Chemikerin Mirjam David unterstützte die „Weiße Rose“ und wurde dafür vor dem NS-Volksgerichtshof in Potsdam verurteilt. Die Gedenkstätte Lindenstraße erinnert an ihr Schicksal.

Mirjam David überlebte die NS-Zeit - hier ein Bild aus dem Jahr 1947.
Mirjam David überlebte die NS-Zeit - hier ein Bild aus dem Jahr 1947.Foto: Franziska Rauch/Privatarchiv Angela Bottin

Potsdam - Sie gehörte zum Kreis der Unterstützer um die Geschwister Scholl an der Münchener Universität, wurde im Herbst 1943 verhaftet und kam nach einer Schreckenszeit im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück nach Potsdam in die Lindenstraße, wo ihr vor dem NS-Volksgericht der Prozess gemacht wurde – das Schicksal von Mirjam David ist bisher in Potsdam kaum bekannt. Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus am heutigen Donnerstag berichtet die Hamburger Juristin und Publizistin Angela Bottin in Potsdam über das Leben der mit diesem Ort verbundenen Chemikerin aus dem NS-Widerstand.

Bislang ist ihre Lebensgeschichte in Potsdam kaum bekannt

Auf die Lebensgeschichte der 1917 geborenen bemerkenswerten Frau stieß sie währen ihrer Forschungen zur „Weißen Rose“, sagte Angela Bottin den PNN. Ihren Vater, einen gläubigen Juden, konnte Mirjam David kaum kennenlernen: Er starb 1919 an den Folgen einer Typhus-Erkrankung, die er sich als Stabsarzt im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Mirjam David wuchs in München mit ihrer Mutter auf, die selbst eine akademische Karriere verfolgte, an der Pariser Sorbonne studiert und promoviert hatte, Spezialgebiet: Mystik der Frauen im Mittelalter.

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Von der Mutter wird sie katholisch erzogen, „verbunden mit dem Bewusstsein sozialer Verantwortung“, sagt Angela Bottin. Das Mädchen erweist sich als sehr begabt, sie ist sportlich und musikalisch, schließt das Abitur im März 1938 mit Bestnoten in allen Fächern ab. Im November 1938 nimmt sie an der Münchener Universität ein Studium der Chemie bei Heinrich Wieland auf, der es ihr – entgegen den offiziellen Restriktionen für die in der NS-Rassenideologie als „Mischlinge“ oder „Halbjuden“ schikanierten Menschen – ermöglichte. „Ein glücklicher Umstand“, wie Angela Bottin sagt.

Das Leid des jüdischens Teils der Familie verfolgte sie

Das Leid, was ihre Verwandten väterlicherseits seit 1933 erfuhren, hat Mirjam David über all die Jahre verfolgt, auch wenn die Familie in einiger Entfernung in Westerkappeln bei Osnabrück lebte. In Fragebögen nach dem Krieg wusste Mirjam David vom Verbleib mehrerer Familienangehöriger zu berichten – eine Tante war mit ihrer Familie in Auschwitz vergast worden, der Großmutter war die Flucht nach Lateinamerika gelungen.

1942 legte die Nachwuchswissenschaftlerin in München ihre Hauptprüfung ab und begann mit der Arbeit an ihrer Dissertation. Im selben Sommer lernte sie den vier Jahre jüngeren Studenten Hans Leipelt aus der Widerstandsgruppe kennen. Wie sie war er ein im NS-Jargon sogenannter „Halbjude“. Der ähnliche Familienhintergrund schaffte eine unerschütterliche Vertrauensbasis zwischen den beiden, sagt Angela Bottin: „Sie haben sich gut verstanden und waren der Überzeugung, dass gegen das Unrecht etwas getan werden müsste.“ In der Studentengruppe wurde über Maßnahmen gegen den NS-Unrechtsstaat diskutiert, mit Flugblättern sollte auch eine breitere Bevölkerung erreicht werden.

Wegen Flugblatt der "Weißen Rose" im November 1943 am Institut verhaftet

Mirjam David war sehr wahrscheinlich Augenzeugin, als Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 an der Universität Flugblätter verteilten, sie verständigte Leipelt über die Geschehnisse, vermutet Angela Bottin. An jenem Tag wurden die Geschwister Scholl von der Gestapo verhaftet, vier Tage später zum Tode verurteilt und hingerichtet.

An der Ludwig-Maximilians-Universität in München sind die Flugblätter der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" als Denkmal in den Boden eingelassen. 
An der Ludwig-Maximilians-Universität in München sind die Flugblätter der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" als Denkmal in den Boden...Foto: dpa

Mirjam David wurde im November 1943 am Münchener Institut verhaftet. Ihr Name war bei den Verhören von anderen Studierenden der „Weißen Rose“ gefallen, wie Angela Bottin recherchiert hat. Der Vorwurf war zunächst, dass sie ein Flugblatt der Widerstandsgruppe besaß und dies nicht angezeigt hatte.

Anders als ihre "arischen" Gefährten kam sie nicht in ein Münchener Gefängnis, sondern ins KZ Ravensbrück

David kam nicht wie ihre „arischen“ Gefährten in ein Münchener Gefängnis, sondern ins berüchtigte Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Womöglich mit einem zynischen Hintergedanken: „Das erledigt sich dort von selbst“, wie Angela Bottin vermutet. Tatsächlich erkrankt David schwer an Typhus. Ihr Transport zu dem im Oktober 1944 angesetzten Hauptprozess gegen die Studentengruppe in Donauwörth gestaltet sich beschwerlich und dauert mehrere Tage – die junge Frau trifft schließlich zu spät ein.

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Der Oberreichsanwalt entscheidet, dass sie nicht zurück nach Ravensbrück, sondern nach Potsdam kommt. Die Gebäude in der Lindenstraße 54/55 dienten seit 1943 dem in Berlin beheimateten „Volksgerichtshof“ als Untersuchungsgefängnis, einem Sondergericht zur Verfolgung jeder Form von Widerstand gegen die NS-Diktatur. Wegen Kriegsschäden in Berlin tagte der Volksgerichtshof zudem im Gebäude des heutigen Amtsgerichts in der Hegelallee 8. Prozesse gegen mehr als 225 Angeklagte wurden in Potsdam geführt, mindestens 55 Todesurteile wegen angeblichen Hoch- oder Landesverrats sind hier gefallen.

Ihre Mutter reiste ihr bis Potsdam nach - ob sie ihre Tochter sprechen konnte, ist unklar

Mirjam David wird am 12. Dezember 1944 in Potsdam zu zwei Jahren Zuchthaus und „Ehrverlust“ verurteilt. Letzteres ist mit einem Verlust des Staatsangehörigkeitsrechtes zu vergleichen, erklärt Angela Bottin. Die Haftstrafe wird sie im Frauengefängnis Aichach bei Augsburg antreten. Ihre Mutter war zu dieser Zeit in größter Sorge um die Gesundheit der Tochter, kontaktierte den Anstaltschef. Sie war zuvor auch nach Potsdam gereist. Es ist aber unklar, ob sie an der Gerichtsverhandlung teilnehmen oder ihre Tochter sprechen konnte.

Die Gedenkstätte Lindenstraße wurde im Vorjahr zum „Ort der Demokratiegeschichte“ ernannt. 
Die Gedenkstätte Lindenstraße wurde im Vorjahr zum „Ort der Demokratiegeschichte“ ernannt. Foto: Andreas Klaer

Das Aichacher Frauengefängnis wird am 30. April 1945 von US-Truppen befreit, der Entlassungsschein von Mirjam David ist auf den 22. Mai datiert. „Nicht nur ihr Leben und ihre Gesundheit waren aus den Fugen geraten, sondern mit der Zerstörung des Instituts in München war auch ihre gesamte Arbeit vernichtet“, sagt Angela Bottin. Aber auch wenn Mirjam David unter gesundheitlichen Problemen litt und ihre wissenschaftliche Karriere nicht wieder aufnahm, sollte sie privates Glück finden: Nach dem Krieg lernte sie ihren späteren Mann kennen, den Physiker Reinhold Reiter, bekam mit ihm eine Tochter. Sie konnte auch erwirken, dass das in Potsdam gefallene Urteil für ungültig erklärt wurde – in der jungen Bundesrepublik keine Selbstverständlichkeit. 1975 starb Mirjam David an den Folgen einer Krebserkrankung, begraben ist sie in Garmisch-Partenkirchen.

Gedenkstätte Lindenstraße will Zeit des NS-Volksgerichtshofs genauer beleuchten

An der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße werden der Zeitraum ab 1933 und insbesondere der „Volksgerichtshof“ derzeit noch einmal genauer beleuchtet, sagte Gedenkstättenleiterin Maria Schultz den PNN. Auch das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“, an dem über Sterilisierungen von vermeintlich „Erbkranken“ geurteilt wurde, tagte dort seit 1934. Zwar gebe es eine gute Forschungsbasis, was Gruppenverurteilungen aus dem kommunistischen Widerstand angehe, sagt Maria Schultz. Es fehle aber Wissen zur „gesamten Bandbreite derer, die hier einsaßen und verurteilt worden sind“, eben auch Frauen wie Mirjam David. Man werde dazu Akten aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv und dem Bundesarchiv auswerten.

Ein wichtiger Aspekt sei auch die Frage danach, wie sich die Justiz am Übergang aus der Weimarer Republik innerhalb kurzer Zeit derart radikalisieren konnte und zur NS-Terrorjustiz wurde. „Das ist nicht vom Himmel gefallen“, sagt die Historikerin Schultz. Man sei in ersten Gesprächen darüber, dass angehende Jurist:innen die Gedenkstätte künftig im Rahmen ihrer Ausbildung besuchen, sagt sie: „Es geht uns darum, die Verknüpfung herzustellen: Was ist geschehen und darf nie wieder geschehen."

Zum Vortrag von Angela Bottin am 27.1. in der Gedenkstätte Lindenstraße wurde auch Mirjam Davids Tochter Franziska Rauch erwartet. Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist über den YouTube-Kanal der Gedenkstätte abrufbar.

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