• Gedenkstätte Lindenstraße 54 in Potsdam: Im Schrank versteckt aus der DDR geflohen

Gedenkstätte Lindenstraße 54 in Potsdam : Im Schrank versteckt aus der DDR geflohen

In der Gedenkstätte Lindenstraße 54 erzählten ein ehemaliger DDR-Häftling und ein syrischer Flüchtling Jugendlichen von ihrer Haftzeit – und von den Gründen ihrer Flucht.

Anne-Kathrin Fischer
Von Flucht und Haft. Die beiden Zeitzeugen Kheder Abdulkarim (2.v.l.) und Peter Bieber (3.v.l.) berichteten Schülern in der Gedenkstätte Lindenstraße 54 über ihr Leid während Haft und Flucht. Bieber entkam 1970 aus der DDR, Abdulkarim war sechs Jahre in Syrien inhaftiert.
Von Flucht und Haft. Die beiden Zeitzeugen Kheder Abdulkarim (2.v.l.) und Peter Bieber (3.v.l.) berichteten Schülern in der...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Mehrmals ging es gut, mehrmals konnte er getrennte Familien wieder zusammenführen, mehrmals die Grenzsoldaten täuschen. Bis er eines Tages an die Staatssicherheit verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Peter Bieber, Jahrgang 1945, berichtete am gestrigen Mittwochvormittag in der Gedenkstätte Lindenstraße 54 Potsdamer Jugendlichen von dem, was er als DDR-Flüchtling, als Fluchthelfer und Inhaftierter erlebt hat.

Seine Zuhörer sind im ersten Jahr ihrer Ausbildung zu Industriekaufleuten, der schulische Teil wird am Potsdamer Oberstufenzentrum II für Wirtschaft und Verwaltung gelehrt. Anlässlich des Europatags der Schule besuchten die 20 Auszubildenden die Gedenkstätte.

Der Backsteinbau in der Innenstadt wurde vom NS-Regime unter anderem als so genanntes Erbgesundheitsgericht genutzt, das mehr als 4000 Menschen zur Zwangssterilisation verurteilte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte erst der sowjetische Geheimdienst das Gebäude, von 1952 bis 1989 war es dann Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit.

Bieber kletterte in einen Schrank und fuhr unbemerkt in die BRD

Die Zustände in der DDR waren für Peter Bieber Grund zu fliehen. Nach mehreren Versuchen, an Landesgrenzen zu entkommen, etwa über Bulgarien in die Türkei, half ihm eines Tages der Zufall: Er fuhr per Anhalter bei einem Lkw-Fahrer mit und erzählte von seinem Wunsch. Dieser fuhr immer von einer Möbelfabrik im thüringischen Eisenberg nach Paderborn. „Geh mal zu dem Fabrikbesitzer und sprich mit ihm“, habe er zu Bieber gesagt. „Das war natürlich kritisch – ich wusste ja nicht, ob ich am nächsten Tag im Gefängnis lande, wenn ich dem jetzt von meinem Fluchtwunsch erzähle“, erklärt er den Schülern. Ein paar Tage später, es war das Jahr 1970, kletterte er in einen Schrank auf der Ladefläche und fuhr unbemerkt in die BRD.

„Warum sind Sie überhaupt geflohen?“, wollen die Schüler wissen. Die Antwort kommt prompt: „Ich wollte meine Freiheit zurückhaben.“ Die Restriktionen machten dem jungen Bieber das Leben schwer: Auf der Ostseeinsel Hiddensee, auf der er aufgewachsen war, durfte er seit dem Bau der Mauer nicht mehr im Wasser schwimmen, an der Universität Leipzig wurde ihm die Leitung des Laientheaters entzogen, weil er sich weigerte, über die Notwendigkeit des Einmarsches der Sowjetunion in die Tschechoslowakei zur Rettung des Sozialismus zu referieren. „Es gab nur eine Richtung für mich“, sagt Bieber. Auch nach seiner Flucht blieb er mit seinem Helfer in Verbindung – und half bald anderen bei der Flucht. Doch er flog auf, und nach 14 Monaten Untersuchungshaft in Berlin-Pankow zu zehn Jahren Gefängnis in Brandenburg (Havel) verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er für 30 000 D-Mark freigekauft.

Politische Gefangene wurden durch Isolation bestraft

Sechs Jahre im Gefängnis verbrachte auch Kheder Abdulkarim. Mit 19 Jahren wurde er 1987 inhaftiert. Der Grund: Die Angehörigkeit zu einer kommunistischen Partei. „Wir haben Zettel in Stifte gesteckt und an Fäden die Gefängnismauer runtergelassen“, erzählt er von Versuchen, mit anderen Inhaftierten zu kommunizieren. Politische Gefangene seien nicht nur weggesperrt worden, man bestrafte sie auch durch Isolation. Heute lebt der Maler aus Syrien samt Familie in Potsdam und setzt sich in seiner Kunst mit der Inhaftierung auseinander: Bunte Leinwandbilder, zwei Menschen Rücken an Rücken, riesige Füße. „Sie können sich nicht unterhalten, sind aber beide gefangen“, erklärt der heute 50-Jährige. „Und an den Füßen wurde immer zuerst gefoltert.“

Ihren Tag begannen die Schüler mit einem Rundgang durch die Gedenkstätte. „Der Besuch wurde von den Schülern im Wiso-Unterricht vorbereitet“, erklärt Klassenlehrer Thomas Lenth, der selbst Wirtschafts- und Sozialkunde (Wiso) und Englisch unterrichtet. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Kooperationsveranstaltung mit der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Brandenburg). Finanziert wird es von der Servicestelle Tolerantes und sicheres Potsdam (Tosip), die etwa Honorare für die Referenten bereitstellte und einen Dolmetscher organisierte. Ziel der Veranstaltung ist die Sensibilisierung von Jugendlichen für die Zusammenhänge von Menschenrechtsverletzungen und Fluch.

"Eure Generation kann daran mitwirken, dass so etwas nie wieder passiert“

22 Zeitzeugen zählt Gedenkstättenlehrerin Catrin Eich zu ihren Kontakten, Abdulkarim ist nun neu dabei. Jeweils eine Stunde hatten die Schüler in Kleingruppen die Möglichkeit, den Zeitzeugen Fragen zu stellen. Die Zeit war schnell vorüber, ohne dass den Schülern die Fragen ausgingen. Abdulkarim nutze die Gelegenheit, um sich für die Einladung zu bedanken – und seinen Zuhörern eine Bitte mit auf den Weg zu geben: „Es ist sehr wichtig, dass ihr von diesem Unrecht hört und Bescheid wisst. Eure Generation kann daran mitwirken, dass so etwas nie wieder passiert.“

Wer mit  Schülern ein Angebot der Projektwerkstatt Lindenstraße 54 wahrnehmen will, kann sich per E-Mail an [email protected] an Catrin Eich wenden.

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