• Bodo Hombach spricht an der Universität Potsdam über Pressefreiheit

Gastvortrag von Bodo Hombach an der Universität Potsdam : Presse kontrolliert die Mächtigen

In einem Gastvortrag an der Universität Potsdam analysierte der ehemalige Kanzleramtsminister Bodo Hombach die aktuelle Rolle der Medien. 

Der frühere Kanzleramtsminister Bodo Hombach (Archivbild). Foto: Marius Becker/dpa
Der frühere Kanzleramtsminister Bodo Hombach (Archivbild). Foto: Marius Becker/dpaFoto: Marius Becker/dpa

Potsdam - Wo(für) stehen die Medien? Eine Frage, die in Zeiten von Online-Journalismus, Fake-News und „Lügenpresse“-Vorwürfen gar nicht so einfach zu beantworten ist. Bodo Hombach (SPD) versuchte es trotzdem: Der ehemalige Kanzleramtminister unter Gerhard Schröder und früherer Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe hielt am Montag unter dem Titel „Vierte Gewalt oder Lügenpresse?“ einen Gastvortrag an der Universität Potsdam, der im Rahmen des Seminars „Die Analyse außenpolitischer Krisen-Entscheidungen“ stattfand.

Journalisten sind nicht immer fair und korrekt, stellte Hombach zu Beginn fest: „Kritik an Kritikern und auch an der Presse ist erlaubt und wichtig“. Aus der Politik kenne er den Vorwurf der Bürger, dass „auf sie ja eh keiner hört“ schon ewig, dass derselbe Satz auch an Journalisten herangetragen wird, sei jedoch ein recht neues Argument der Medienkritik.

Pauschale Verurteilung der Medien sei jedoch gefährlich, so Hombach: Zum einen seien wir auf sie angewiesen, da unser Weltbild wesentlich von „vermittelten Sekundärerfahrungen“ geprägt werde, zum anderen, weil sie die Mächtigen kontrollieren und sich wesentlich in politische, kulturelle und soziale Diskurse einmischen würden. Zudem seien Medien stets Begleiter und Motoren emanzipatorischer Bewegungen gewesen.

Gefahren für freien Journalismus

Doch sind sie all das heute immer noch? Hombach nannte drei Faktoren, die eine Gefahr für freien, unabhängigen Qualitätsjournalismus darstellen würden: Selbstaufgabe, das Internet und politisches Framing. Unter Selbstaufgabe verstand Hombach vor allem das Aufgeben journalistischer Standards, wie sie Hanns-Joachim Friedrichs formuliert hatte: „Man darf sich nie mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Und: „Überall dabei sein, aber nirgendwo dazugehören.“

Leider sei die Jagd nach reißerischen Schlagzeilen und Klickzahlen oft wichtiger, die Information verkomme dann zur Ware. Auch die demokratische Tugend der Konsenssuche sei bei einigen Medienformaten nicht sehr ausgeprägt: „Wenn jemand in einer Talkshow sagt: ‚So hab ich das noch nie gesehen, das überzeugt mich’, dann wird der nicht mehr eingeladen“, sagte Hombach. Er beobachte bei den journalistischen Standards eine Zerrüttung und nannte als Beispiel den „Wulff-Hype“, also die Skandalisierung der Wulff-Affäre.

Das Internet betrachtete Hombach trotz seiner vielen positiven Möglichkeiten mit Skepsis: Durch die Geschwindigkeit einer „Aufregungsgesellschaft“ falle die „wohltuende Knautschzone des Nachdenkens und Abwägens“ weg, aus der Anonymität heraus bilden sich Echokammern und Blasen für menschenverachtende Ansichten, die von Qualitätsmedien nicht mehr erreicht werden. Zudem schwinden die Auflagen der Printmedien durch den Onlinejournalismus, für dessen Finanzierung es zwar viele Ideen, aber noch keine klare Lösung gäbe. Hätten sich Zeitungen vor dem Internet noch zu 60 Prozent durch Anzeigen finanzieren können, läge dieser Wert heute eher bei 20 Prozent, die Auflagen gehen zurück.

Eine mögliche Lösung sei laut Hombach Stiftungs-finanzierter Qualitätsjournalismus nach dem Vorbild der USA, wie es ihn in Form  von „Correctiv“ auch hierzulande gebe. In der anschließenden Diskussion nannte eine Studentin auch spendenbasierten Journalismus wie den von Netzpolitik.org als Beispiel für neue Finanzierungsmodelle, währenddessen „Paywalls“ vor Online-Artikeln eher eine soziale Ungleichheit aus informierten Gutverdienern und schlecht informierten Geringverdienern erzeugen würden. „Das sehe ich genauso“, sagte Hombach. Er sei sehr gespannt auf die Pläne der Tagezeitung Taz, künftig nicht mehr gedruckt erscheinen soll, um Kosten zu sparen.  

Propaganda für die Zielgruppe  

Als dritte Gefahr für Qualitätsjournalismus sah Hombach die Einflussnahme der Politik: Durch Überwachung und das Sammeln privater Daten würden sich die Träume aller Propagandisten erfüllen, die jeder Zielgruppe personalisierte Werbung zeigen könnten, so wie im Falle des Brexits und der Trump-Wahl. „Aber man sollte in den Medien auch das finden, was man nicht gesucht hat“, so Hombach.

Trotz vieler Fehlentwicklungen sehe er die deutsche Medienlandschaft – auch dank des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - dennoch sehr positiv, etwa im Vergleich zu den sehr aggressiven Boulevard-Medien in Großbritannien. Im Gegensatz dazu hob er die Bild-Zeitung als Beispiel für Qualitätsjournalismus im Boulevard hervor: „Die Bild ist ein eher proletarisches Blatt, dass integrieren will, statt zu spalten. Ihre Leser wären ohne die Bild ein leichteres Futter für Populisten.“ Dies stieß auf Widerspruch der Studierenden: „Die Bild nutzt doch selbst Populismus“, sagte ein Student, ein anderer kritisierte, dass die Bild regelmäßig gegen HartzIV-Empfänger und Flüchtlinge gehetzt habe. Hombach blieb jedoch dabei: „Einen Gesinnungsjournalismus kann ich bei der Bild nicht erkennen.“ Seine Vorbemerkung, dass er heute Abend noch mit dem Chefredakteur der Bild zu Abend esse, machte die Sache nicht eben besser.

Viele Analysen Hombachs fanden aber Zustimmung, vor allem seine Einschätzung der Kontrollfunktion der Medien für Demokratien: Der erste Schritt von Autokraten sei stets die Gleichschaltung der Medien, und auch populistische Bewegungen wüssten, dass sie sich einer kritischen Presse gegenüber nicht lange halten könnten. Hombach stellte die „Vierte Macht“ sogar noch höher als die Legislative, weil sie die Mächtigen fast besser kontrollieren würde, als Gesetze dies könnten: „Die Angst der Mächtigen ist oft nicht, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen, sondern, dass etwas öffentlich wird“, sagt Hombach.