• Garnisonkirchenkritiker fordern Abkehr vom "Ruf aus Potsdam": "Historisch falsche Narrative"

Garnisonkirchenkritiker fordern Abkehr vom "Ruf aus Potsdam" : "Historisch falsche Narrative"

Garnisonkirchenkritiker fordern eine Distanzierung vom „Ruf aus Potsdam“. Das Dokument von 2004 transportiere Argumente der "Neuen Rechten". Die Wiederaufbaustiftung weist Kritik zurück.

Der Turm der Garnisonkirche wird seit 2017 wiedererrichtet.
Der Turm der Garnisonkirche wird seit 2017 wiedererrichtet.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Der wissenschaftliche Beirat des Lernorts Garnisonkirche, eine wiederaufbaukritische Initiative der evangelischen Martin-Niemöller-Stiftung und der Universität Kassel, fordert die Garnisonkirchenstiftung und die Fördergesellschaft zum Wiederaufbau zur Distanzierung vom sogenannten „Ruf aus Potsdam“ auf. Das Dokument aus dem Jahr 2004, mit dem seinerzeit die Spendensammlung für den Wiederaufbau angekurbelt werden sollte und auf das sich die Stiftung bis heute bezieht, sei geprägt von Argumenten der sogenannten Neuen Rechten, lautet die Kritik. Stiftung und Fördergesellschaft müssten sich „von den geschichtsrevisionistischen Formulierungen des Rufs aus Potsdam“ distanzieren und die Satzung der Stiftung entsprechend ändern, heißt es in einem offenen Brief an die beiden Institutionen, über den die Wiederaufbaukritiker am Donnerstag zuerst die Presse informierten. Die Stiftung wies die Kritik zurück.

Jörg Schönbohm, Matthias Platzeck, Jann Jakobs, Wolfgang Huber (v.l.) 2004 beim Start des "Ruf aus Potsdam".
Jörg Schönbohm, Matthias Platzeck, Jann Jakobs, Wolfgang Huber (v.l.) 2004 beim Start des "Ruf aus Potsdam".Foto: Andreas Klaer

Anders als der „Ruf aus Dresden“, mit dem für den Wiederaufbau der Frauenkirche geworben wurde, fehle im „Ruf aus Potsdam“ ein klares Eingeständnis der deutschen Kriegsschuld, bemängeln die Kritiker. Stattdessen artikuliere der Text in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg eine „Opferperspektive“. Der Bombenangriff auf Potsdam werde als „überflüssiger Zerstörungsakt“ beschrieben, obwohl belegt sei, „dass er der militärischen Infrastruktur in Vorbereitung auf den Angriff auf Berlin galt“.

„Historisch falsche Narrative“ aus dem Dokument bestimmten den Diskurs bis heute

Architekturhistoriker Philipp Oswalt ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Lernorts Garnisonkirche.
Architekturhistoriker Philipp Oswalt ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Lernorts Garnisonkirche.Foto: Andreas Klaer

Außerdem zeichne der „Ruf aus Potsdam“ ein „idealisiertes und verfälschtes“ Bild der Geschichte der Garnisonkirche. So werde der „Tag von Potsdam“ 1933 als „Missbrauch des Ortes“ dargestellt, obwohl dokumentiert ist, dass der damalige Generalsuperintendent Otto Dibelius maßgeblich zum Zustandekommen beigetragen hatte. Die Kirche habe für den militärischen Widerstand vom 20. Juli 1944 auch mitnichten eine entscheidende Rolle gespielt. „Das ist der Versuch, sich etwas zuzuschreiben, was nicht durch historische Tatsachen gedeckt ist“, sagte der Architekturhistoriker Philipp Oswalt, Mitunterzeichner des offenen Briefs, am Donnerstag. In der Garnisonkirche seien stattdessen Angriffskriege, der Völkermord an den Herero und Nama und Gewalt „christlich begründet und gesegnet“ worden. Die „historisch falschen Narrative“ aus dem Dokument von 2004 bestimmten bis heute den öffentlichen Diskurs, sagte Oswalt.

Von rechtsnationalen Kreisen angeschoben, von Rechtsradikalen bis heute begrüßt

Welche Rolle rechtsextreme Kräfte bei der Genese des Wiederaufbauprojekts spielten, hat Oswalt in einem 41-seitigen Beitrag im Fachblatt „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“ und in einem Gastbeitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit“ anhand teils neuer Dokumente nachgezeichnet. Damit wolle er auch den Vorwurf, man hänge „Verschwörungsmythen“ an – erhoben 2020 vom Historiker Paul Nolte, dem Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats der Wiederaufbaustiftung – entkräften.

Oswalts Fazit: Rechtsnationale Kreise um den Initiator und ehemaligen Bundeswehroffizier Max Klaar hätten das Projekt in seiner heutigen Form entscheidend geprägt. Rechtspopulisten und Rechtsradikale würden bis heute den Wiederaufbau begrüßen. Sollte der Turm oder das Kirchenschiff tatsächlich mit originalgetreuer Fassade ohne sichtbaren Bruch entstehen, könnte das Gebäude – unabhängig von der Qualität der inhaltlichen Arbeit – zum Identifikationsort rechter Kräfte werden. „Ich finde es überraschend, wie unbekümmert man mit der Problematik umgeht“, sagte Oswalt dazu.

Stiftung weist Kritik zurück: "Einen Ort des Friedens schaffen"

Die Garnisonkirchenstiftung wies Kritik zurück. Der im Wiederaufbau befindliche Turm zeige „in der inhaltlichen Arbeit der Stiftung schon jetzt sein Profil als Demokratieforum“, sagte Sprecherin Maria Zach auf Anfrage. Sie verwies auf die kritische Begleitung durch den eigenen wissenschaftlichen Beirat bei der Konzeption der Ausstellung und der Arbeit am künftigen „Lernort bundesweiter Bedeutung“. Auch die in Stein gemeißelte mehrsprachige Friedensbotschaft im Turmsockel zeige als „bauliche Veränderung“ die Ausrichtung des Projekts: „Einen Ort des Friedens schaffen, an dem aus der Geschichte für die Zukunft gelernt wird.“ Die Stiftung habe sich „mehrfach deutlich und öffentlich von Max Klaar, seinen Forderungen und der Traditionsgemeinschaft distanziert“.

Die Stiftung Garnisonkirche weist Kritik zurück.
Die Stiftung Garnisonkirche weist Kritik zurück.Foto: Andreas Klaer

Oswalt hält dagegen: Kritik an Klaar sei erst geäußert worden, als dessen Ausstieg aus dem Projekt feststand und die unter seiner Regie gesammelten Spendenmillionen an andere kirchliche Projekte verteilt waren: „Erst ab 2015, als das Geld geflossen war, gab es erste Äußerungen der Abgrenzung“, sagte Oswalt. 

Klaar treibende Kraft für den Einstieg der Kirche in das Projekt 

Nach seinen Recherchen waren Klaar und die von diesem 1984 gegründete Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel treibende Kraft für den Einstieg der Kirche in das Projekt. Oswalt verweist auf ein Treffen zwischen Klaar und dem damaligen Landesbischof Wolfgang Huber, heute der Vorsitzende des Kuratoriums der Wiederaufbaustiftung, am 10. Juli 2000. Im Gespräch, von dem Klaars Tischvorlage erhalten ist, machte Klaar seine Bedingungen – originalgetreuer Wiederbau des Turms, kirchliche Nutzung, Ausstellung zum 20. Juli 1944 in den oberen Etagen – deutlich. Fast alles sei letztlich so umgesetzt worden, sagte Oswalt. Zu diesem Zeitpunkt lehnte der Kirchenkreis Potsdam das Vorhaben noch ab. Oswalt hat im Briefwechsel zwischen Huber und dem damaligen Potsdamer Superintendenten Hans-Ulrich Schulz auch den Hinweis darauf gefunden, dass sich Huber 2003 gegen die Veröffentlichung einer Klaar-kritischen Pressemitteilung des Kirchenkreises stellte.

Huber lies eine PNN-Bitte um Stellungnahme bis Donnerstagabend unbeantwortet. Gleiches gilt für die Fördergesellschaft zum Wiederaufbau sowie für die Stadt, die in Person des Oberbürgermeisters im Stiftungskuratorium vertreten ist.

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