• Garnisonkirche in Potsdam: Keine Konsens bei Versöhnungskonzept der Garnisonkirche

Garnisonkirche in Potsdam : Autor Eugen Ruge hinterfragt Versöhnungskonzept der Garnisonkirche

Bei einer Veranstaltung der Niemöller-Stiftung gab es Kritik am Versöhnungskonzept der Garnisonkirche. Ein prominenter Kritiker war der Schriftsteller Eugen Ruge.

Andrea Lütkewitz
Eine Birke vom Ettersberg bei Weimar, wo sich auch die KZ-Gedenkstätte Buchenwald befindet, ist am Samstag am früheren Standort der Garnisonkirche neben dem Rechenzentrum gepflanzt worden.
Eine Birke vom Ettersberg bei Weimar, wo sich auch die KZ-Gedenkstätte Buchenwald befindet, ist am Samstag am früheren Standort...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Am Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum steht seit Samstag ein Bäumchen mit symbolischem Wert: eine junge Birke vom Ettersberg bei Weimar, wo sich die KZ-Gedenkstätte Buchenwald befindet. Die evangelische Martin-Niemöller-Stiftung hatte zur Pflanzung der Birke in Verbindung mit dem Verlesen eines „Sendschreibens vom Deutschen Nationaltheater Weimar an den Ort der ehemaligen Garnisonkirche Potsdam“ eingeladen.

Zu den anschließenden Vorträgen, unter anderem von Schriftsteller Eugen Ruge, der 2011 den deutschen Buchpreis gewann, kamen etwa 70 Interessierte, von denen einige im gut gefüllten Saal des Rechenzentrums keinen Sitzplatz mehr fanden. Veranstaltet wurde in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, dem „Komitee für preußische Leichtigkeit“ sowie der evangelischen Gemeinde „Die Nächsten“.

Der "Geist von Potsdam"

Hintergrund ist das Gedenken an das Zusammenkommen der ersten deutschen demokratisch gewählten Nationalversammlung am 6. Februar 1919 in Weimar. Als „Intervention gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam“ wollte die Niemöller-Stiftung den „Geist von Weimar“ dem „Geist von Potsdam“ gegenüberstellen. Es sollte ein Impuls für die Entstehung eines angemessenen, öffentlichen nationalen Erinnerungsortes am ehemaligen Standort der Garnisonkirche gegeben werden.

Im Sendungsschreiben wird in vier Abschnitten über Reden von Politikern und Schriftstellern sowie den Thesen und Forderungen der Niemöller-Stiftung ein Bogen von den 1920er-Jahren bis heute gespannt. Vor Ort sagte Stiftungsvorstand Michael Karg, eine der wichtigsten Forderungen sei die Offenlegung der Herkunft der Spenden für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. „Das sollte eine demokratische Selbstverständlichkeit sein“, heißt es in dem Schreiben.

Wie berichtet gehört die Niemöller-Stiftung zu den Kritikern des Wiederaufbaus und bemängelt sowohl das geplante Erscheinungsbild als auch die inhaltliche Arbeit der Garnisonkirchenstiftung. Während das „Haus der Weimarer Republik“ in Weimar „klug konzipiert“ sei, finde sich in Potsdam „eine heillose, nicht ausfinanzierte Baustelle für eine Turmreplik der Garnisonkirche und ein konzeptarmes Vorgehen der Stiftung Garnisonkirche, das der Bedeutung dieses Ortes nicht gerecht“ werde, hieß es in der Einladung.

Einer der Gastredner war der Autor und Buchpreisträger Eugen Ruge.
Einer der Gastredner war der Autor und Buchpreisträger Eugen Ruge.Foto: Andreas Klaer

Um das Leitbild der Stiftung Garnisonkirche – „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“ – ging es dann auch in den Redebeiträgen. Der Schriftsteller Eugen Ruge hinterfragte unter anderem den Punkt „Versöhnung leben“. Mit wem denn eigentlich Versöhnung angestrebt werde, fragte er: „Mit dem Nationalsozialismus? Mit Hitler? Oder mit der DDR?“ Auf welche Weise Gott einem Verbrecher wie Hitler vergebe, wisse er nicht. Er sehe aber die Lebenden nicht in der Pflicht, sich mit dem Nationalsozialismus zu versöhnen.

Kritik vom Konfliktforscher

Zudem kritisierte er, dass Martin Dutzmann vom Kuratorium der Garnisonkirchenstiftung in einer Rede mit Blick auf die Geschichte der Kirche dem DDR-Unrecht mehr Raum gegeben habe als den NS-Verbrechen. Dutzmann stilisiere die Garnisonkirche zum Mahnmal des DDR-Unrechts und relativiere damit ihre Bedeutung im Nationalsozialismus.

Auch der Konfliktforscher Michael Daxner fand kritische Worte. Das „Angebot der Versöhnung durch die Erbauer des Turms“ bezeichnete er als „moralisch illegitim und eine politische Provokation“. Die religiöse Argumentation schließe zudem nichtchristliche Menschen aus. Auch sei die Frage nach „Versöhnung“ für ihn unklar. Er selbst als jüdischer Deutscher fühle sich nicht davon angesprochen.

Stiftung abwesend

Zur Veranstaltung gekommen waren neben Mitgliedern der Niemöller-Stiftung auch Lutz Boede von der Wählergruppe Die Andere und André Tomczak, ebenfalls engagiert bei Die Andere und beim Bündnis „Stadtmitte für alle“. Von der Stiftung Garnisonkirche war niemand vor Ort. Wieland Eschenburg vom Vorstand teilte auf PNN-Anfrage mit, dass man sich zu der Aktion der Niemöller-Stiftung nicht äußere. Zuletzt hätten im Dezember 2018 Gespräche stattgefunden, allerdings ergebnislos. Auch eine Einladung, in der Nagelkreuzkapelle einen Vortrag über Martin Niemöller zu halten, sei abgelehnt worden, so Eschenburg.


Dass es aktuell kein Zusammenkommen gebe, bestätigte auch der Sprecher der Niemöller-Stiftung. Aus Sicht des Vereins sei die Garnisonkirchenstiftung „nicht in der Lage, über eine andere als die geplante Gestaltung des Garnisonkirchenturms nachzudenken“. Zweimal habe man den Historiker Paul Nolte aus dem wissenschaftlichen Beirat deshalb angeschrieben – bislang ohne Antwort.

Der Wiederaufbau des Garnisonkirchenturms ist im Herbst 2017 begonnen worden, mittlerweile steht das Fundament. Nach jüngsten Angaben der Stiftung soll das Bauwerk im Sommer 2021 fertig werden. Dann will die Stiftung dort ein Versöhnungszentrum betreiben. Die Baukosten werden auf 40 Millionen Euro beziffert. Mindestens neun Millionen Euro müssen noch eingeworben werden.