Potsdam : Ganz in Eis

Geertje Jacob hat ihre Hochzeitssuite selbst entworfen und gebaut – aus Eis und Schnee. Jetzt tritt die Potsdamerin beim Wettbewerb für Eisbildhauer im schwedischen Kiruna an

Alle Bilder anzeigen
19.01.2014 20:15

Die Regeln sind einfach: Eis und Schnee sind die einzig erlaubten Materialien. Mit Ausnahme der Kirche. Dort darf zum Schmuck auch Blattgold verwendet werden. Das Icehotel im nordschwedischen Jukkasjärvi, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, lockt seit 24 Jahren Winter für Winter Touristen aus aller Welt in den hohen Norden, um eine Nacht auf dem Rentierfell zu verbringen. International sind aber nicht nur die Gäste, sondern auch die Erbauer des Erlebnishotels, das jedes Jahr ein bisschen anders aussieht. Im vergangenen Winter war auch ein Team aus Potsdam dabei. Geertje Jacob gestaltete gemeinsam mit Gáston Vacaflores eine der insgesamt 15 Künstlersuiten.

Die Liebe für den Norden begleitet die 38-Jährige schon von Kindesbeinen an. „Ich komme aus Rostock“, sagt sie und erzählt von den großen Skandinavien-Fähren, die sie seit dem Mauerfall praktisch jedes Jahr in den Urlaub brachten. Das ist bis heute so geblieben: Wenn Geertje Jacob mit ihrem Mann und den beiden Kindern verreist, dann geht es meistens in kältere Gefilde. Über die Erlebnisse berichtet sie im Internet auf ihrem Blog www.nordicfamily.de, auch ein Buch hat sie schon geschrieben.

Auf die Frage nach ihrem Beruf hat die Babelsbergerin gleich mehrere Antworten parat: Industrie-, Licht- und Grafikdesignerin, Bühnenbildgestalterin, Innenarchitektin, alles das hat Geertje Jacob an den Kunsthochschulen in Halle/Saale und Berlin studiert. Heute ist sie selbstständig.

Einen Auftrag für das Icehotel hatte Geertje Jacob schon länger auf der Wunschliste, aus der ersten Bewerbung im Jahr 2008 wurde nichts. Denn der Job ist begehrt: Rund 200 Bewerbungen gibt es jedes Jahr, berichtet die Potsdamerin. Nur 15 Künstler bekommen schließlich den Zuschlag. Bei Geertje Jacob klappte es dann im zweiten Anlauf. Sie hatte sich gemeinsam mit ihrem Nachbarn, dem Landschaftsgärtner Vacaflores, beworben.

„Elliptical“ – elliptisch – hieß ihr gemeinsamer Entwurf für eine Suite. Keine Ecken, nur elliptische Formen sollte es in dem Raum geben. Der Clou: In die Wand ist eine Murmelbahn eingelassen, die man mit Eismurmeln spielt. Die zwei Bahnen kreuzen sich über dem Kopfende des Bettes. „Der Raum selbst sollte wie eine Skulptur sein“, erklärt Jacob. Als die Zusage aus Schweden kommt, fasst sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten einen zweiten Entschluss: In der Eiskirche in Jukkasjärvi wollen sich die beiden das Jawort geben. Und die Hochzeitsnacht in der selbst gestalteten Suite verbringen.

Was dann folgt, ist ein Experiment für Jacob. Denn praktische Erfahrungen mit der Eis-Bauerei hatten sie und ihr aus Spanien stammender Projekt-Partner nicht. „Wir waren nervös, weil wir das Material nicht einschätzen konnten“, erinnert sich die Potsdamerin. Schon im Sommer mussten die Bestellungen für das Eis aufgegeben werden. Der eigentliche Bau begann dann im November.

Drei Wochen lang arbeiteten Jacob und Vacaflores - und mit ihnen parallel Künstler aus Argentinien, Japan oder den USA. „Das war wie eine große Baustelle“, sagt sie. Es ist nicht nur kalt – „wenn es warm war, minus 15 Grad“ – , sondern auch dunkel. Mitte Dezember begann die Polarnacht, bei der die Sonne gar nicht mehr aufgeht, nur noch als rötlicher Schimmer über den Bergketten am Horizont zu erahnen ist. „Man verliert so ein wenig den Tagesrhythmus“, sagt Geertje Jacob.

Von früh sieben Uhr arbeitete sie an der Suite, Einsätze bis zehn Uhr abends sind keine Seltenheit – unterbrochen vom gemeinsamen Frühstück, Mittag und dem reichhaltigen Abendessen, zu dem ortstypische Gerichte wie Rentiergulasch serviert wurden. „Sie haben uns gut bei Laune gehalten“, sagt die Künstlerin. Die Grundform der Hotelzimmer war jeweils gleich: Aus einer Mischung aus Schnee und Eis wurde ein Gewölbe über einer Grundfläche von 6,5 mal 4,5 Meter gefroren, die so entstandenen Wände waren „hart wie Beton“, berichtet Jacob. Die Künstler waren für den „Innenausbau“ zuständig.

Bei der Arbeit war Erfindungsreichtum gefragt: „Die Werkzeuge haben wir uns teilweise selbst gebaut“, erzählt die Potsdamerin. Ein Holzblock mit Riffelblech diente beispielsweise als Feile für die fast 40 Meter lange Murmelbahn in der Wand. Auch eine Kettensäge kam zum Einsatz: „Damit habe ich wie in Butter geschnitten.“

Die Erleichterung war groß, als die Arbeit planungsgemäß fertig wurde – und die Murmeln nach Plan durch die zwei mit LED-Licht hinterleuchteten Bahnen rollten. „Das ist ein schönes Geräusch – Eis auf Eis“, sagt Geertje Jacob.

Hunderte Hotelgäste haben das Kunstwerk in den folgenden Monaten bewohnt. Kein günstiges Vergnügen: Für die Übernachtung in der Art Suite werden pro Person umgerechnet 266 Euro fällig, an Feiertagen ist es noch teurer. Selbst im einfacheren „Schnee-Zimmer“ kostet die Übernachtung im Doppelzimmer pro Person umgerechnet 181 Euro.

Geertje Jacob erfüllte sich im März mit ihrem heutigen Ehemann einen Traum: Die Trauung in der Eiskirche und eine Hochzeitsnacht in dem mit Rentierfell gepolsterten Bett in der selbst entworfenen Suite. „Wir lagen im Doppelschlafsack und hatten Mützen auf“, erinnert sie sich lächelnd. Dann zeigt sie ihren Ehering – aus Silber und Lava, wie sie erklärt: „Die Verbindung von Feuer und Eis.“

Seit dem Auftrag für das renommierte Icehotel hat die Potsdamerin die Eisarchitektur zu einem neuen Standbein entwickelt. „Das ist eine gute Reputation, man kommt damit gut ins Gespräch“, erzählt sie. So habe sie zum Beispiel von Hotels schon Aufträge für Eisskulpturen bekommen.

Am Wochenende ging es für die 38-Jährige wieder in den hohen Norden: Gemeinsam mit den beiden Caputherinnen Ilka Raupach und Marie Luise von Simson nimmt sie als deutsches Team zu den „Swedish Championships in Snow Sculpturing“ im nordschwedischen Kiruna, wo derzeit minus 40 Grad Kälte herrschen. Eine drei mal drei mal drei Meter große Skulptur wollen die drei Künstlerinnen in dieser Woche bauen, vier Tage haben sie dafür Zeit. Aber auch dem Icehotel in Jukkasjärvi will Geertje Jacob einen Besuch abstatten: „Ich werde dort auf jeden Fall einen Tag verbringen.“

Autor