• „Galadriel“ in Potsdam: Kulturgüter zum Spielen

„Galadriel“ in Potsdam : Kulturgüter zum Spielen

Für Kinder und Erwachsene: Seit mehr als 20 Jahren ist das Fachgeschäft „Galadriel“ Potsdams erste Anlaufstelle für Brettspiele aller Art.

Matthias Schäferhoff verkauft im 1996 gegründeten Spieleladen "Galadriel" auch Ungewöhnliches, wie Mini-Curling, Tabletopspiele und Jonglier-Bedarf.Alle Bilder anzeigen
Foto: J. Bergmann
30.01.2017 20:30Matthias Schäferhoff verkauft im 1996 gegründeten Spieleladen "Galadriel" auch Ungewöhnliches, wie Mini-Curling, Tabletopspiele...

Potsdam - Erst die Arbeit, dann das Spiel? Für Matthias Schäferhoff gilt diese Regel nicht, denn Spiele sind seine Arbeit: Er ist Geschäftsführer des „Galadriel“ in der Dortustraße 61. Wer das kleine Geschäft mit dem verheißungsvollen Namen betritt, begibt sich in eine andere Welt: Bis zur Decke reichen die Regale mit unterschiedlichsten bunten Verpackungen von Brett- und Kartenspielen aller Art, dazu noch ein ganzer Raum nur für Jonglierbedarf, Bogensport, Frisbees und Discgolf. Rund 500 Spiele befinden sich auf den etwa 50 Quadratmetern des Ladens. Mittendrin steht Matthias Schäferhoff, berät Kunden, holt Spiele aus den Packungen, animiert auch zum Probespielen: „Manchmal wird ein Spiel schon im Laden einmal durchgespielt“, sagt der 39-jährige Potsdamer.

Vieles kennt man: „Die Siedler von Catan“ etwa, „Carcassonne“ oder klassische Spiele wie Schach oder Skat in allen möglichen Ausführungen. Daneben gibt es noch viel zu entdecken, zum Beispiel das afrikanische Muldenspiel Bao, schnelle Kombinationsspiele wie „Dobble“, aufwendige Strategierollenspiele wie „X-Wing“, Wirtschaftssimulationen wie „Civilization“ oder kommunikative Spiele wie die „Story Cubes“, Würfel, aus dessen Symbolen man eine Geschichte spinnen muss. Mehrere große Schubladen beherbergen verschiedenste Figuren, Spielsteine und Würfel – nicht nur sechsseitige, sondern auch vier-, zehn- oder zwanzigseitige. Die zwei Mitarbeiter des Galadriel beraten gerne, auch bei der immer wieder gestellten Frage: „Haben Sie auch Spiele, die Spaß machen?“

Brettspiele, die sich explizit an Erwachsene richten

Seit mehr als 20 Jahren gibt es den Spielefachhandel nun schon in Potsdam: Gegründet wurde er 1996 von Andreas Schöfer in einem Hinterhof in der Gutenbergstraße als Laden für Musik und Brettspiele. 2001 folgte der Umzug in die Dortustraße, die CDs und Schallplatten wanderten aus dem Sortiment und fortan hieß der Laden „Galadriel Spielekontor“. Von Anfang an zielte das Konzept auf Spiele für Kinder und Erwachsene: „Viele Leute denken ja, Spiele seien immer was für Kinder“, sagt Schäferhoff. „Aber es gibt explizit Brettspiele, die sich an Erwachsene richten, zum Beispiel ‚La Cosa Nostra', ein Mafiaspiel, das erst ab 16 Jahren empfohlen ist.“

Dementsprechend bunt ist auch die Kundschaft im Laden: „Das reicht von Familien bis hin zu gestandenen Spielekennern“, sagt Schäferhoff. „Es sind auch viele Studenten dabei – man merkt, dass die mehr spielen.“ Der Laden ist gut mit der Spieleszene Potsdam vernetzt: Rund die Hälfte der Kundschaft besteht aus Stammkunden, viele davon sieht man beim „Spieletreff“ in der Bar Gelb wieder, das der Galadriel an jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat durchführt. Bis zu 50 Personen nehmen an den Spieletreffs teil, bei denen Spiele aus dem Laden ausprobiert werden können. Schäferhoff liegen diese Abende besonders am Herzen, da sie den soziokulturellen Wert des Spielens zeigen: „Spielen ist eine der schönsten Arten, wie Menschen Zeit miteinander verbringen können. Fremde Menschen setzen sich zusammen an einen Tisch, und am Ende können Freundschaften dabei entstehen – bei unseren Spieletreffs ist das schon ein paar Mal passiert.“

"Ganze Weltsichten von Kulturen stecken in Spielen drin"

Man merkt schnell: Für Schäferhoff sind Spiele weit mehr als nur ein netter Zeitvertreib. „Spiele sind ein Kulturgut, das mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte. Sie sind sogar älter als Schrift und Literatur – ganze Weltsichten von Kulturen stecken in Spielen drin“, sagt Schäferhoff. Schon von klein auf habe er viel gespielt – von Mau-Mau bis zum hochkomplexen Strategiespiel – und sich selber oft Spiele ausgedacht. Später studierte Schäferhoff an der Universität Potsdam Philosophie und Medienwissenschaften, auch hier beschäftigte er sich eingehend mit den theoretischen Aspekten des Spielens, etwa Schillers „Ästhetischer Erziehung“ oder Johan Huizingas Konzept vom „Homo ludens“, dem „spielenden Menschen“. „Jedes Spiel ist eine kleine Welt für sich, die Spielregeln sind wie Naturgesetze und das Glück das Schicksal. Wir erkunden gerne neue Welten und probieren uns in ihnen aus“, sagt Schäferhoff.

2008 fing er an, im Galadriel zu arbeiten und begann, das Sortiment um Bogen- und Disc-Sport zu erweitern. Seitdem hat sich der Warenbestand beinahe vervierfacht. Um auf dem Laufenden zu bleiben, spielen die Mitarbeiter pro Jahr rund 100 neue Titel selbst. Gerade in Deutschland kommen jährlich enorm viele neue Brettspiele auf den Markt, und in keinem anderen Land der Welt werden mehr Brettspiele pro Kopf verkauft – die Bundesrepublik ist eine wahre Spielenation. Im amerikanischen Sprachraum existiert für Brettspiele sogar der Begriff „German board games“, der in der englischen Wikipedia einen eigenen, umfangreichen Eintrag besitzt.

Monopoly gibt´s allerdings nicht

Zu den derzeitigen Spieletrends zählen laut Schäferhoff zum Beispiel sogenannte Tabletops – komplexe Strategiespiele mit Spielbrettern, die die ganze Tischplatte ausfüllen – oder der Discgolf-Sport, bei dem Frisbees in Körbe geworfen werden müssen: „Da gibt es in Potsdam eine große Szene rund um den sehr engagierten Verein ‚Hyzernauts’“, sagt Schäferhoff. Bei den Familienbrettspielen seien Spiele wie „Dixit“ angesagt, bei denen man deuten muss, welche Aussage zu welchem Phantasiebild passt: „Solche kommunikativen Spiele mit viel Phantasie sind etwas, was die Leute wieder sehr mögen.“ Eines der berühmtesten Spiele wird man im Galadriel allerdings nicht finden: Monopoly. „Ein gutes Spiel muss bis zum Ende spannend sein – das ist einer der Gründe, warum ich Monopoly nicht mag“, sagt Schäferhoff. „Wenn trotzdem jemand danach fragt, versuchen wir lieber, eine der zahlreichen Alternativen im Laden anzubieten.“

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