• Fünfter Prozesstag im Fall Oberlin: Erinnerungen an vier Leben

Fünfter Prozesstag im Fall Oberlin : Erinnerungen an vier Leben

Lucille H. mochte laute Musik, Christian S. nur leise Töne. Martina W. saß gerne vor dem Fernseher und Andreas K. konnte Bärte nicht leiden. Wer waren die vier Menschen, die bei der Gewalttat im Oberlinhaus getötet wurden?

Trauerbekundungen vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg.
Trauerbekundungen vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Es war der Tag der Opfer. Seit 26. Oktober steht die ehemalige Oberlin-Pflegekraft Ines R. nach der Gewalttat im Babelsberger Behindertenwohnheim Thusnelda-von-Saldern-Haus vor Gericht. Die 52-jährige Potsdamerin muss sich unter anderem wegen vierfachen Mordes verantworten. Sie soll am Abend des 28. April 2021 eine Bewohnerin mit einem Messer schwer verletzt und zwei Frauen und zwei Männer getötet haben. Doch am fünften Prozesstag vor dem Potsdamer Landgericht am Dienstag stand nicht die mutmaßliche Täterin im Mittelpunkt, sondern die vier Menschen, denen sie das Leben genommen haben soll. Erstmals sagten Angehörige der Opfer aus. Das sind ihre Lebensgeschichten. 

Lucille H., geboren 1978 

Sie mag die „Hosen“, wenn sie laut sind. Tanzen, mitsingen, das geht nicht mehr. Wird nie mehr gehen seit dem 20. Mai 2013, der Lucille H.s Leben und das ihrer Familie für immer verändert hat. Aber „Cilly“, wie sie von Verwandten und Freunden genannt wird, hat ihre Lieblingsband nicht vergessen. Wenige Tage vor der Tat besucht Manuela V. gemeinsam mit Mann und Sohn ihre 16 Jahre jüngere Schwester Cilly im Thusnelda-von-Saldern-Haus. Manuela V. nimmt die Treppe in den dritten Stock, wie sie es immer tut bei ihren regelmäßigen Besuchen. Weil sie weiß, was ihre Schwester „dafür geben würde, wenn sie auch wieder Treppen steigen könnte“, sagt Manuela V. vor Gericht. Im Pflegezimmer legen sie „Die Toten Hosen“ auf, „einen lauten Titel“. Er zaubert ein Lächeln in das Gesicht der im Bett liegenden, gelähmten Lucille. Manuela V.s Mann filmt das Familientreffen. „Unsere letzte Erinnerung“, sagt die Schwester. 
„Durch einen schweren, unverschuldeten Autounfall am 20. Mai 2013 endete ihr bis dahin schmerzfreies, glückliches erstes Leben. Lucille verlor alles, was ihr wichtig war“, schrieb die Familie in der Traueranzeige. Lucille H. ist 34 Jahre alt, als ihr ein Autofahrer die Vorfahrt nimmt. Sie ist nach einem Besuch in Priort im Havelland, ihrem Heimatort, auf dem Weg zurück nach Dallgow, will nach Hause zu ihrem Lebensgefährten und dem siebenjährigen Sohn. Lucille ist schwanger, als das andere Auto in ihres kracht. Die junge Frau überlebt schwerst verletzt, fällt ins Wachkoma, kann sich nicht mehr bewegen. Sechs Monate später holen Ärzte per Kaiserschnitt ihren zweiten Sohn auf die Welt. Lucille kann ihr Kind nie kennenlernen, hat es nur wenige Male gesehen. Der frühere Partner bekommt das alleinige Sorgerecht, verliebt sich neu. Im Juni 2014 kommt Cilly ins Oberlinhaus, lebt auf der Station, auf der Ines R. arbeitet. „Ich mochte sie“, sagt Manuela V. über die Pflegekraft. Auch wenn sie wisse, wie seltsam das heute klingt. 
Auch Birgit F. kann nichts Schlechtes über Ines R. sagen, der sie am Tag der Tat noch kurz begegnet. Nach einem Besuch bei Cilly. Meist zwei Mal in der Woche kommt Birgit F. vorbei, liest Lucille vor, die nicht sprechen, allenfalls über einen Sprachcomputer etwas kommunizieren kann, aber doch vieles wahrnimmt. „An den richtigen Stellen hat sie gelacht“, berichtet Birgit F. von ihren Vorlesestunden. Ihr müsse auch bewusst gewesen sein, was in ihrem jungen Leben passiert ist. In der Anfangszeit , als sie den Vorlesedienst bei Lucille beginnt, fragt sie Cilly nach ihrem Sohn. „Da lief ihr eine Träne runter.“ 

Christian S., geboren 1985 

Auch Christian S. kommen manchmal die Tränen. Wenn er Musik hört, leise Musik, in Moll. „Da konnte er ganz doll weinen“, sagt seine Mutter Karin S. Ihr Sohn mag es ruhig. Mittagsschlaf, eingekuschelt in eine Decke. Sonntags, zu Hause, bei seinen Eltern in Babelsberg, ganz in der Nähe des Thusnelda-von-Saldern-Hauses, wo er die Wochentage verbringt. Das liebt er. Aber wehe, wenn die Mutter den Staubsauger zu lange laufen lässt. „Das mochte er gar nicht“, sagt sie. Ihr Sohn habe sehr gut hören können. Laubrascheln, Schlürfgeräusche, das habe ihm Freude bereitet. Sehen konnte er nicht, nur Hell und Dunkel unterscheiden. 
Christian S. kommt zu früh auf die Welt – und er verlässt sie viel zu früh. Seine Familie tritt im Prozess als Nebenkläger auf. Der Junge ist eine Frühgeburt, erleidet einen Hirnschaden, hat ab dem achten Monat epileptische Anfälle. Die Eltern pflegen ihn fast 17 Jahre zu Hause, dann zieht er ins Oberlinhaus um. Das sei ihr nicht leicht gefallen, sagt Karin S. Aber wenn Ines R. dagewesen sei, sei sie beruhigt gewesen. Schließlich habe diese selbst einen behinderten Sohn und – so ihr Eindruck – erkennen können, welche Bedürfnisse die Bewohner haben. „Er war unser Sonnenschein, fast immer gut drauf“, sagt Karin S. Mehr noch als die traurigen Mollmelodien mochte er Kinderlieder. Darüber habe er sich „wie Bolle“ amüsieren können. „Es war ein gutes, menschenwürdiges Leben. Trotz aller Handicaps.“ 

Martina W., geboren 1990 

Der Fernseher läuft immer. Martina W. mag das, die Geräusche, das Flimmern. In früheren Jahren, wenn Falko W. aus Berlin nach Potsdam fährt, seine Nichte im Thusnelda-von-Saldern-Haus besucht, ist da meist dieses Bild: „Die Kleine saß im Rollstuhl vor dem Fernseher.“ Im Gemeinschaftsraum. In den letzten zwei Jahren läuft der Fernseher immer noch. In ihrem Zimmer. Martina liegt im Bett. Niemand hat es geschafft, die junge Frau in den Rollstuhl zu setzen. „Früher war mehr Bambule“, sagt Falko W. im Prozess. Früher sei alles gut, die Station geschmückt gewesen, wenn er Weihnachten zu Besuch gekommen sei. Man habe im Gemeinschaftsraum gesessen, mit anderen Bewohnern, Kaffee getrunken, mit denen, die es konnten. 
Doch das Leben im Wohnheim, in dem seine Nichte seit 2008 betreut wurde, habe sich nach seiner Wahrnehmung verändert, mehr als das. „Die letzten zwei Jahre waren katastrophal“, sagt er. Wenn er Martina besucht habe, zu ihrem Geburtstag im April oder etwa zu Weihnachten, habe er sie immer nur im Bett liegend angetroffen. Keine Pflegekraft in der Nähe. Ihr Onkel ist der nächste Verwandte, der sich kümmert. Martina ist von Geburt an behindert, ihre eigene Mutter überfordert. Das Mädchen wächst bei der Mutter von Falko W. und seinen Geschwistern auf. Doch die kommen nie vorbei. „Sie sagten, wir können das nicht.“ Ob Martina wahrgenommen habe, wer zu ihr gekommen sei, will der Richter wissen. „Ich denke ja“, sagt Falko W., „Wenn man ihre Hand gehalten hat, hat sie das gemerkt.“ Auch am Abend des 28. April, als Martina W. getötet wurde, sei der Fernseher in ihrem Zimmer an gewesen, hieß es an einem früheren Prozesstag. 

Andreas K., geboren 1964 

Bart mag er gar nicht. „Er wollte immer fein sein“, sagt Angelika L. über ihren Bruder Andreas. „Er war immer so ein Korrekter.“ Andreas K. ist das jüngste von vier Kindern, von Geburt an geistig behindert. Aber er kann schreiben, reden, besucht die Sonderschule in Hennigsdorf (Oberhavel), wächst als Kind bei seiner Familie auf. „Wir hingen alle an ihm. Er hat immer dazugehört“, sagt seine Schwester. In Urlaube haben sie ihn mitgenommen: Nach Bayern, Ungarn. „Das hat er genossen“, erinnert sich Angelika L., denn zu der Zeit kann sich Andreas noch artikulieren. Doch 2015 bricht er zusammen. Hirnblutung, Koma. Seither ist er halbseitig gelähmt, kann nicht mehr sprechen. Doch er kann sich mit Zeichensprache verständigen. Daumen hoch. Das ist das Zeichen, wenn alles okay ist. „Sind alle lieb zu dir?“, habe sie ihren Bruder öfter gefragt, um in Erfahrung zu bringen, ob er sich im Thusnelda-von-Saldern-Haus wohl fühle. Der Daumen geht hoch, in der ersten Zeit immer. 
Doch dann habe sich etwas verändert, sagt die Schwester, die alle 14 Tage von Oranienburg zu ihrem Bruder fährt, Runden mit ihm Rollstuhl in der Umgebung dreht – sofern er denn von den Pflegekräften dafür vorbereitet wurde. Was seltener geworden sei. Personalmangel. Und dann die Sache mit dem Bart. Ihr Bruder habe immer rasiert werden wollen, das wisse sie, aus der Zeit, als er noch sprechen konnte. Aber dafür sei offenbar keine Zeit mehr gewesen. „Andreas, das ist jetzt in, du musst jetzt Bart tragen“, habe ein Pfleger gesagt, weil mal wieder die Zeit für die Rasur gefehlt habe. Auch mit ungewaschenen, ungeschnittenen Haaren habe sie ihn öfter angetroffen. Schließlich selbst eine Haarschneidemaschine gekauft, die Pflegemängel bei der Leitung zur Sprache gebracht. Als die Polizei anruft, ihr sagt, dass ihr Bruder tot ist, ermordet, habe sie es nicht fassen können: „Warum er? Er tut doch keinem was.“

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