• Freie Schulen in Potsdam: Hoffbauer zieht die Reißleine

Freie Schulen in Potsdam : Hoffbauer zieht die Reißleine

UPDATE. Weil die Landesregierung die Zuschüsse für freie Schulen kürzen will, eröffnet die Hoffbauer gGmbH eine Oberschule nicht. Kritik an den Streichplänen kommt von der CDU.

Jan Brunzlow
Auf Hermannswerder sollte die Oberschule entstehen.
Auf Hermannswerder sollte die Oberschule entstehen.

Hermannswerder - 50 Verträge mit Eltern und Schülern sind geschlossen worden, vier mit neuen Lehrern. Doch nun wird die neue Schule auf Hermannswerder nicht eröffnet. Die Lehrer sollen an anderen Einrichtungen der Hoffbauer gGmbH untergebracht werden, die Verträge mit den Schülern sind dagegen gekündigt worden. Der Potsdamer Bildungsträger hat als Erster die Reißleine gezogen und die Eröffnung einer Oberschule überraschend abgesagt, weil die geplanten Kürzungen des Landes im Bildungsbereich zu einschneidend seien, so Frank Hohn. Der Geschäftsführer der Hoffbauer gGmbH sagte, die Schule hätte mit einem Drittel weniger Geld auskommen müssen als geplant. Zum Ausgleich hätte das Schulgeld drastisch erhöht werden müssen. Dies sei nicht zu verantworten. Die 50 Sechstklässler, die ab 15. August an der Schule lernen wollten, suchen mit ihren Eltern daher ab sofort nach einem neuen Schulplatz.

Seit Jahren plant die Hoffbauer-Stiftung die Eröffnung einer Oberschule in der Landeshauptstadt. Sie sollte das Angebot des Bildungsträger mit seinen bislang 35 Einrichtungen landesweit vervollständigen. Neben drei evangelischen Grundschulen in Kleinmachnow und Potsdam gibt es auch zwei Gymnasien in Stahnsdorf und Potsdam. Nun sollte das Angebot für Eltern und Schüler, deren Grundschulempfehlung nicht der Hochschulreife entspricht, um eine konfessionelle Oberschule erweitert werden. Ein Angebot, das es in Potsdam und Umgebung nicht gibt. Die Nachfrage sei daher groß gewesen, etwa 90 Bewerbungsgespräche seien geführt worden. Die Finanzierung habe gestanden, ein Schulneubau sollte demnächst auf Hermannswerder begonnen werden. „Wir fühlen uns um die Früchte unserer Aufbauarbeit betrogen“, sagte Hohn. „Seit dem 28. Juni ist die Welt für freie Schulen in Brandenburg jedoch eine andere“, so der Geschäftsführer weiter. Am vergangenen Dienstag habe es einen Termin beim Bildungsministerium gegeben, bei dem den Schulträgern die neuen Finanzierungsmodalitäten vorgelegt worden sind.

Durch eine geplante Umstellung bei der Berechnung der Zuwendungen seien die freien Schulen in ganz Brandenburg überdurchschnittlich von den Kürzungen im Bildungsbereich betroffen, sagte Jürgen Kraetzig von der Hoffbauer gGmbH. Obwohl sie nur zehn Prozent der Schüler betreuten, trügen sie mit 17 Millionen fast 70 Prozent der gesamten Einsparungen. „Das ist für uns nicht verständlich“, sagte er.

Nach Berechnungen des Potsdamer Bildungsträgers Hoffbauer sinke der Zuschuss für die eigenen Schulen in den nächsten Jahren um 1,688 Millionen Euro pro Jahr – dies entspräche einem Minus von 6,3 Prozent. Dass die freien Träger derart sparen sollen, sehen Hohn und seine Mitstreiter als politisches Signal der rot-roten Landesregierung. Er nannte es Schneewittchen-Effekt: „Wer schöner ist als man selbst, dem wird nach dem Leben getrachtet“, so Hohn. Das Land müsse sich fragen, warum freie Schulen hierzulande so erfolgreich und beliebt sind.

Auch Steeven Bretz (CDU) bezeichnete die Pläne als politisch motiviert. „Diese Politik würde die von Rot-Rot ungeliebte Erscheinung freier Schulen in der Entwicklung behindern“, sagte der Potsdamer Landtagsabgeordnete. Der Schritt der Landesregierung stehe seiner Ansicht nach im krassen Widerspruch zum Versprechen von Rot-Rot, den Schwerpunkt der Politik auf die Bildung zu lenken. Frank Hohn sagte zu den Plänen der Regierung, der Wunsch der Eltern werde mit den neuen Förderrichtlinien „mit Füßen getreten“, das im Grundgesetz verankerte Bildungsrecht aus seiner Sicht missachtet. Welche Auswirkungen dies auf kleine Träger und andere Schulformen habe, sei jetzt noch nicht abschätzenbar. Auch die Hoffbauer gGmbH habe sich in den letzten Tagen allein mit der Oberschule beschäftigt. Dass bestehende Schulen schließen müssen, glaubt Hohn allerdings derzeit nicht.

Die Pläne der Kürzungen sind vom Kabinett bislang vorgelegt worden und sollen im August beschlossen werden. Dann würden sie im Landtag diskutiert. Hohn hofft, die Abgeordneten trauen sich gegen die Vorlage zu stimmen. Dass die Betroffenen erst am vorletzten Schultag davon erfahren haben, ärgert Hohn besonders. Auch dies nannte er bezeichnend für den Stil. Zumal das Land jetzt nicht wirklich spare, sagte er. Nun müssten die Kommunen die Schüler auffangen und die entsprechenden Lehrerstellen einplanen. Das staatliche Schulamt sei informiert. Vier Oberschulen gibt es derzeit in Potsdam, in den letzten Jahren waren sie nicht sehr gefragt bei Schülern und deren Eltern.

Eine Sprecherin des Bildungsministeriums räumte ein, dass der Haushaltsentwurf Kürzungen bei den freien Schulen vorsehe. Tatsächlich seien bei den freien Schulen je nach Klassengröße und Anzahl der Lehrer Kürzungen von höchstens 20 Prozent vorgesehen. Manche freie Schulen, etwa Gymnasien, bekämen durch die neue Art der Zuschuss-Berechnung sogar mehr Geld als bisher, sagte die Sprecherin. Allerdings erhalten Oberschulen, Gesamtschulen und Grundschulen deutlich weniger Förderung.

Für Markus Althoff, verantwortlich für den Grundschulbereich bei der Hoffbauer gGmbH, steht das Motto der geplanten Oberschule nun symbolisch für die aktuellen Pläne. „Im Leben lernen“ war als Schulmotto angedacht. Selbst Althoff hatte nicht vermutet, dass es so schnell Realität wird.

MEHR ZUM THEMA UND ZUR LAGE DER FREIEN SCHULEN FINDEN  IN DER DIENSTAGSAUSGABE DER POTSDAMER NEUETEN NACHRICHTEN