• Forschung in Potsdam: Geoforschungszentrum öffnet wieder seine Labore

Forschung in Potsdam : Geoforschungszentrum öffnet wieder seine Labore

Durch die Coronakrise war die internationale Zusammenarbeit und Feldforschung in den vergangenen Monaten stark eingeschränkt. Jetzt wird wieder geforscht - und auf eine andere Krise geschaut.

Neue Pläne. Beratungen im GFZ zu neuen Forschungsprojekten.
Neue Pläne. Beratungen im GFZ zu neuen Forschungsprojekten.Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Auch die Wissenschaft läuft in Zeiten von Corona auf Sparflamme: Für das Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ) etwa, dessen rund 1200 Mitarbeiter an Forschungsprojekten in 90 Ländern beteiligt sind, ist internationale Zusammenarbeit enorm wichtig. „Genau die ist gerade natürlich stark eingeschränkt“, sagte GFZ-Vorstandsvorsitzender Reinhard Hüttl bei einem Pressetermin am Mittwoch. „Wir haben in den letzten Monaten fast all unsere Labore geschlossen und unsere Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt, fahren jetzt aber langsam den Betrieb wieder hoch.“ Bislang habe es noch keinen Fall einer Corona-Infektion am GFZ gegeben.

Reinhard Hüttl,  Leiter des Geoforschungszentrums.
Reinhard Hüttl,  Leiter des Geoforschungszentrums.Foto: Sebastian Gabsch

Manche Labore wurden unter Einschränkungen in den letzten Wochen dennoch genutzt, etwa, um regelmäßige Wartungen von Instrumenten vorzunehmen. Zudem gibt es eine Reihe von Diensten des GFZ, die trotz Pandemie weitergelaufen sind, darunter die weltweite Erdbebenbeobachtung über das Geofon-Netzwerk, dessen Daten eine wichtige Quelle für Frühwarnsysteme auf der ganzen Welt darstellen. Ebenfalls zentral ist das GFZ für das Navigationssattelitensystem GNSS (Global Navigation Satellite Systems): Auf dem Telegrafenberg befindet sich eines von zehn Analysezentren für GNSS, fällt nur eines dieser Zentren aus, kann dies kritische Auswirkungen haben.

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Trotz der Einschränkungen im Forschungsbetrieb gibt Hüttl aber Entwarnung: „Die Corona-Pandemie hat zwar zu einigen Verzögerungen geführt, ernste Schäden sind aber nicht entstanden.“ So sei etwa kein Forschungsprojekt gescheitert, weil zum Beispiel Experimente nicht durchgeführt werden konnten. Dennoch wurden die Forscher bei manchen Messungen, die zum Beispiel nur im Frühjahr gemacht werden konnten, zurückgeworfen: „Das ist zum Beispiel wichtig, um die Auswirkungen des Wetters auf die Böden und die Wälder zu erforschen, was wir etwa in der Lausitz tun.“ Das GFZ untersucht derzeit die Lausitz als Modellregion für die Anpassung der Landnutzung an den Klimawandel.

Größtes Problem sei, dass durch die Schließung der Labore und vor allem das Verbot von Auslandsreisen keine Experimente durchgeführt werden konnten, sagt Hüttl. Das sei auch für viele angehende Doktoranden eine Einschränkung gewesen, die dadurch ihre Doktorarbeiten nicht fortführen und abschließen können.

Lob vom Staatssekretär 

Damit wissenschaftliche Karrieren nicht durch die Pandemie beschädigt werden, gibt es für die Betroffenen Fristverlängerungen. Tobias Dünow, Staatsekretär des brandenburgischen Wissenschaftsministeriums, lobte das Agieren des GFZ. Die Wissenschaftseinrichtungen auf dem Telegrafenberg in der Teltower Vorstadt würden sehr professionell und kreativ mit der Krise umgehen. Dünow ist neu im Kuratorium des GFZ und hat den stellvertretenden Vorsitz des Aufsichtsgremiums inne. Er hatte die Einrichtung am Mittwoch besucht, um mit den Wissenschaftlern über aktuelle Forschungsthemen zu sprechen.

Tobias Dünow (SPD), Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.
Tobias Dünow (SPD), Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.Foto: Sebastian Gabsch

Dazu gehört unter anderem die Untersuchung der Folgen des Klimawandels, auch in Brandenburg. Neben deutlichen Anzeichen wie den massiven Waldbränden gebe es auch schleichende Veränderungen, so Hüttl: „Vor unseren Augen weitgehend verborgen ist der Grundwasserspiegel in den letzten beiden Jahren stark gesunken.“ Dies haben Messungen des Satelliten Grace-Fo ergeben, den das GFZ gemeinsam mit der Nasa betreibt. Der Satellit ist in der Lage durch Laserstrahlen Massenveränderungen auf der Erdoberfläche zu messen und dadurch herauszufinden, ob an bestimmten Stellen zum Beispiel Polareis schmilzt oder der Grundwasserspiegel sinkt.

Eine andere Krise und ein positiver Nebeneffekt

Für Hüttl ist klar: Die eigentliche Krise derzeit ist nicht Corona, sondern nach wie vor der Klimawandel. Die Forschung des GFZ könne dazu beitragen, Anpassungsstrategien zu entwickeln: „Dazu gehören ein Umbau der Wälder, eine angepasste Landwirtschaft und eine verlässliche Energieversorgung für alle Sektoren.“ Gerade der letzte Punkt sei entscheidend: Brandenburg und Deutschland insgesamt hätten hervorragende Speicherkapazitäten für Gas, was etwa zur Zwischenspeicherung von Windenergie eine große Rolle spiele. Unabhängigkeit sei hier sehr wichtig: „Das Beispiel der Coronakrise zeigt, wie verletzlich Versorgungsketten und Produktion sind.“

Für Tobias Dünow hat die Krise aber auch einen positiven Nebeneffekt: „Wir sehen, das plötzlich selbst in Boulevardzeitungen über Wissenschaft diskutiert wird.“ Die Gesellschaft sehe viel deutlicher, den Nutzen der Forschung für den Alltag.

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