Potsdam : Fontane Von Printzen und

Seit 24 Jahren forscht Wolfgang Grittner als Ortschronist zur Geschichte Marqardts

Ehrenamtliche Ämterhäufung: Wolfgang Grittner ist unter anderem Ortschronist, Ortsvorsteher und Kirchenältester im Potsdamer Ortsteil Marquardt.
Ehrenamtliche Ämterhäufung: Wolfgang Grittner ist unter anderem Ortschronist, Ortsvorsteher und Kirchenältester im Potsdamer...Foto: Stefan Gloede

Das gäbe heute einen Riesenaufschrei: Eine ganze Ortschaft erhält den Namen eines Ministers. Und zwar dessen Vornamen. Jörgstadt hieße es dann heute zum Beispiel oder vielleicht auch schlicht Helmuth. Womöglich wäre gar von der Landeshauptstadt Anita die Rede. Was in einer demokratischen Gesellschaft nicht mehr vorstellbar erscheint – im Preußen des beginnenden 18. Jahrhunderts war ein solcher Namenswechsel augenscheinlich kein Problem. Der König schenkte damals seinem Etatsminister Marquard Ludwig von Printzen das unweit von Potsdam gelegene Örtchen Schorin. Der fast 400-jährige Ort wurde damit sogleich neu geboren: Schorin erhielt den Namen seines neuen Chefs und hieß von nun an Marquard. Das „t“ wurde dem Ortsnamen erst später angefügt.

Jener adlige Landbesitzer Marquard Ludwig von Printzen habe sieben Ämter inne gehabt, heißt es bei Fontane. Er dagegen bekleide nur fünf Ämter, sagt Wolfgang Grittner über sich. Auf diesen feinen Unterschied zwischen ihm, dem heutigen Ortsvorsteher, und dem damaligen Großgrundbesitzer von Printzen weise er auf Führungen in Marquardt gelegentlich hin, erzählt Grittner mit leichtem Schmunzeln. Doch an seinen Ämtern hängt kein Batzen Geld, nein, der Ruheständler engagiert sich ehrenamtlich überall dort, wo seine Tatkraft und Kompetenz gefragt sind.

Ortschronist, Ortsvorsteher, Kirchenältester, Mitarbeit im Vorstand des Kultur- und Heimatvereins sowie im Landschaftspflegeverein – die Liste Grittners ehrenamtlicher Aktivitäten wäre eigentlich noch um einiges länger, wollte man die Mitgliedschaften in diversen Vereinigungen und auch das sonstige gemeinnützige Engagement des promovierten Tierarztes mit hinzuzählen. Grittner, Jahrgang 1939, nutzt seinen Ruhestand, um Marquardt und den Marquardtern fast rund um die Uhr zu Diensten zu sein. Doch auch schon während seines Berufslebens setzte er jede Menge freie Zeit für seine ehrenamtliche Arbeit ein. Seit 1988 ist er Ortschronist. Damals übernahm er die ortsgeschichtlichen Unterlagen von seinen Vorgängern Erich Hannebauer und Karl Sauer. In den alten hellbraunen Bänden der Ortschronik findet sich die Geschichte des Ortes von 1313 – jawohl, demnächst steht ein Jubiläum ins Haus – bis zum Jahr 1969. Inzwischen ist man dazu übergegangen, die Geschichte Marquardts unter thematischen Gesichtspunkten zu archivieren.

Wer Wolfgang Grittner in seinem Haus direkt am Rand des Marquardter Schlossparks besucht und sich von ihm in die Tiefen der Ortsgeschichte einführen lässt, dem wird schnell klar, warum die Historie des Ortes nicht einfach mehr Band für Band niedergeschrieben wird. Zu umfangreich ist das Material, das Grittner und seine Vorgänger in all den Jahren gesammelt haben. „Das ist mehr als eine Chronik“, sagt Grittner, „das ist ein ganzes Archiv“. Während der Ruheständler im Unruhestand von seiner Arbeit als Ortschronist erzählt, geht er immer wieder in einen Nachbarraum und kommt mit Stapeln von Heftern zurück. Im Handumdrehen ist sein grünes Sofas fast völlig belegt mit Dokumenten aus der Marquardter Geschichte. Doch was auf den ersten Blick ein wenig chaotisch anmutet, der Ortschronist scheint auch nach Jahrzehnten des Sammelns den Überblick nicht verloren zu haben. Wenn nach etwas Geschichtlichem gefragt werde – „ein Griff und ich hab’s“, sagt Grittner. Egal, ob über den Bildhauer Walter Schott, diverse Gutsbesitzer oder die Siedlung Kupferhaus – Grittner kann immer Auskunft geben.

Und hätte er vor über hundert Jahren Theodor Fontane bei dessen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ als Lektor zur Verfügung stehen können, dann hätten sich wohl auch weniger Irrtümer in den Band „Havelland“ geschlichen. „Mindestens 15 sachliche Fehler“ bescheinigt Grittner dem Wanderliteraten in dessen Kapitel über Marquardt. Dass Fontane zum Beispiel den Namensgeber des Ortes mit einem „t“ am Ende geschrieben habe, sei nun einmal ein klarer Fehler.

Auch in der Kirchengemeinde engagiert sich Grittner – gemeinsam mit seiner Frau – seit Jahrzehnten ehrenamtlich. Seit 1979 sitzt er im Gemeindekirchenrat, im selben Jahr wurde er in die Kreissynode des damaligen Kirchenkreises Falkensee gewählt. In der evangelischen Kirche des Ortes, einen Steinwurf von seinem Haus entfernt, versieht der Ruheständler gemeinsam mit seiner Frau noch immer den Küsterdienst. Da das Marquardter Schloss ein beliebter Ort für Hochzeitsfeiern ist, lassen sich viele Paare auch in der Kirche am Rande des Schlossparks trauen. Natürlich ist Grittner auch hier bei den Vorbereitungen gefragt.

In der nächsten Folge am Freitag stellen wir Menschen vor, die in unterschiedlicher Form Demenzkranke betreuen.

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