• Flüchtlinge in Potsdam: Willkommen im Industriegebiet

Flüchtlinge in Potsdam : Willkommen im Industriegebiet

Im Handelshof eröffnet ein neues Asylheim. Bedarf gibt es in Potsdam derzeit zwar kaum - aber das kann sich schnell ändern. Denn: Wie viele Flüchtlinge in den kommenden Jahren nach Potsdam kommen, ist schwer einzuschätzen.

Zentral ist die Lage der Unterkunft nicht gerade - mit Bus und Tram kommt man aber immerhin in nur 20 Minuten zum Hauptbahnhof.
Zentral ist die Lage der Unterkunft nicht gerade - mit Bus und Tram kommt man aber immerhin in nur 20 Minuten zum Hauptbahnhof.Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Mit einer schönen Wohngegend hat dies hier nichts zu tun. Auf der einen Seite parken Lieferwagen vor einer großen Fertigungshalle, auf der anderen Seite sind die Übungsgeräte einer Hundeschule aufgebaut, gegenüber rauscht ein Werk der städtischen Energie und Wasser Potsdam (EWP) – willkommen im Industriegebiet. In wenigen Tagen eröffnet hier, in einem Plattenbau im Handelshof, eine neue Potsdamer Flüchtlingseinrichtung. Bis zu 142 Personen sollen hier künftig leben, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. 

37 Zimmer gibt es in dem dreistöckigen Gebäude, darunter fünf größere Familienzimmer mit je einem Baby-Reisebett und fünf Erwachsenen-Betten. Die anderen Zimmer teilen sich jeweils drei bis vier Personen, erklärte der Regionalleiter des Heimträgers European Homecare, Daniel Bock, bei einem Tag der Offenen Tür am gestrigen Donnerstag. In der ersten und zweiten Etage gibt es je eine Gemeinschaftsküche, in der mehrere Spülbecken und Herde stehen. Die Kühlschränke befinden sich auf den Zimmern. 

Nur wenig Intimsphäre in den Nasszellen

Pro Etage gibt es eine Nasszelle mit Toiletten und Duschen. Diese sind zwar nach Geschlechtern getrennt, die Duschwände sind allerdings transparent – von Intimsphäre kann also nicht die Rede sein. Aufenthaltsräume gibt es je einen pro Etage – mit Tischen, Fernseher und einem W-Lan-Router, um ins Internet zu kommen. Im Erdgeschoss befinden sich außerdem noch ein Krankenzimmer, ein Waschraum sowie das Büro für die Sozialarbeiter und den Heimleiter. Geplant ist dort auch noch ein größerer Versammlungsraum, so Bock. Dort werde der Träger unter anderem Deutsch-Unterricht anbieten – unentgeltlich, wie Bock betonte. 

Es ist das erste Potsdamer Flüchtlingsheim, das von European Homecare übernommen wird – der Träger hatte sich in der Ausschreibung durchgesetzt. Das Unternehmen mit Sitz in Essen betreut eigenen Angaben zufolge über 13 000 Flüchtlinge in mehr als 100 Einrichtungen in ganz Deutschland. European Homecare war schon mehrfach in den Schlagzeilen, unter anderem soll es Missstände in den Heimen gegeben haben. Ein anonymer Internetblog wirft dem Unternehmen vor, mit öffentlichen Geldern „Millionengewinne auf Kosten von Flüchtlingen“ zu erzielen. Von European Homecare hieß es dazu, bei der Firma handele es sich um ein mittelständisches Familienunternehmen, das schlichtweg bessere Leistungen zu günstigeren Kosten anbiete – und so auch weniger Rendite erziele als andere Wettbewerber. Die Stadt Potsdam verteidigt die Entscheidung ebenso und verweist auf die Ausschreibung. Auch dass die Gemeinschaftsunterkunft auf „lautlose nächtliche Abschiebungen“ spezialisiert sei, wie es die Fraktion vermutet hatte, sei ein Gerücht und treffe nicht zu.

Zurzeit wäre die Unterkunft eigentlich nicht nötig

Das Heim im Industriegebiet ist die 14. Flüchtlingsunterkunft in Potsdam. Nötig wäre es zurzeit eigentlich nicht – die durchschnittliche Auslastung liegt derzeit bei lediglich 81 Prozent. Etwa 1800 Plätze gibt es jetzt in Potsdamer Einrichtungen, 1344 davon sind belegt. Zu 100 Prozent ausgelastet ist etwa das Wohnprojekt in der Grotrianstraße, das Heim in Groß Glienicke hingegen nur zu 53 Prozent. Allerdings wurden viele der Verträge über neue Flüchtlingsunterkünfte schon 2015 abgeschlossen. Damals übertraf die Zahl der ankommenden Flüchtlinge alle Erwartungen, innerhalb nur eines Jahres mussten in Potsdam fast 1500 Menschen kurzfristig untergebracht werden. Zu jener Zeit wurde der Stadt auch das Gebäude im Handelshof angeboten – von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Zu welchen Konditionen Potsdam das Gebäude übernommen hat, konnte am Donnerstag nicht beantwortet werden. 

Benötigt würden zusätzliche Plätze wie jene im Handelshof langfristig trotzdem, so Potsdams Sozialdezernent Mike Schubert (SPD). Denn die Zahl der Flüchtlinge, die in eigene Wohnungen ziehen könnten, sinkt angesichts des angespannten Potsdamer Wohnungsmarkts. Nur 450 Flüchtlinge konnten 2016 ihre eigenen vier Wände beziehen. Hinzu kommt, dass die derzeit größte Potsdamer Unterkunft, der ehemalige Landtag auf dem Brauhausberg, Ende 2018 wieder schließt. Schon jetzt soll dafür sukzessive Ersatz geschaffen werden. Wie viele Flüchtlinge in den kommenden Jahren Potsdam erreichen, ist ohnehin schwer einzuschätzen. 2017 kamen bislang erst 34. Doch dabei wird es nicht bleiben.

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