Potsdam : Flüchtlinge auf großer Theaterbühne

Im „Freiland“ spielen auch albanische Mädchen

Anne Chapelet
Große Ziele. Flüchtlingskinder spielen im „Freiland“ Theater.
Große Ziele. Flüchtlingskinder spielen im „Freiland“ Theater.Foto: Björn Stelley

Die ausdrucksvollen Augen des 12-jährigen, albanischen Mädchens Brila Hysa funkeln vor Freude, als sie von ihrer Rolle auf der Bühne des Potsdamer Kulturzentrums „Freiland“ am Wochenende erzählt. Dort verwandelt sie sich in den irakischen Wasserverkäufer Taieb, der ein hübsches Kostüm trägt. Er verdient sehr wenig Geld und wird durch einen Teppichhändler um einen angeblich fliegenden Teppich betrogen. Dank seiner Fantasie bügelt Taieb sein Unglück aus.

Alles andere als Unglück strahlt die Viertklässlerin aus der Grundschule am Pappelhain aus. Mit ihrem blumigen Käppi in der Hand, den langen, hellbraunen Haaren rund um ihr sanftes Gesicht und dem bunten Modeschmuck am Armband sieht sie wie jede andere Schülerin aus. Nur ist sie zwei Jahre älter als die Kinder aus ihrer Klasse. In der albanischen Hauptstadt Tirana war sie zwar „immer gut in der Schule“, sagt sie, und dort hat sie auch Englisch gelernt. Aber hier ist nun Deutsch dran, eine Stunde täglich mit anderen Flüchtlingskindern. Sie wünscht sich, „ganz bald in der 6. Klasse wie in Albanien einzusteigen“.

Im Februar kam Brila mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Vater hatte in Tirana keine Arbeit mehr, er musste in Griechenland monatelang als Ingenieur arbeiten. Jetzt freut sich die Familie, zu der noch ein achtjähriger Sohn gehört, auf „ein besseres Leben, mit mehr Sicherheit“, so der Vater. Nach zwei Monaten in Containern in Eisenhüttenstadt zogen sie in die neue Flüchtlingsunterkunft in der Grotianstraße ein. Nach Ostern ging Brila in die Schule, in die Theaterwerkstatt und später in einen Malkurs. Bei beiden Angeboten ist die Teilnahme kostenlos. „Karawanserei“ wird durch die Ausländerseelsorge der evangelischen Kirche in Potsdam bis Mitte Juli finanziert.

„Viel Ehrgeiz“, hat die Theaterpädagogin und Regisseurin von „Karawanserei“, Sabine Wiedemann, in Brila erkannt. „Sie macht die Dinge gerne gut und lernt schnell Deutsch. Bei der Generalprobe musste ich nicht mehr Englisch mit ihr reden.“ Für das zweite Flüchtlingsmädchen, eine albanische Roma, hat Brila übersetzt. Auf der Bühne stehen außerdem eine 12-jährige Britin und drei deutsche Frauen im Alter von 15, 31 und 48.

Beim Theater mit Flüchtlingskindern sei das Besondere, dass „die Abschiebung droht“, erklärt Wiedemann. Im Laufe des Projektes seit vergangenem September wurden etwa zwei serbische Mädchen abgeschoben. „Sie kamen, weil sie sich zu Hause sehr langweilten. Wenige Tage später mussten sie in ihre Heimat zurück.“ Das Klischee der „verzweifelten Flüchtlingskinder“ möchte Wiedemann korrigieren: „Sie sind längst nicht alle traumatisiert. Sie fühlten sich gar nicht als Opfer. Wie die Eltern wollen viele das Leben einfach ergreifen, etwas daraus machen. Es steckt sehr viel Potenzial in ihnen.“ Das Dekor von „Karawanserei“ malte ein syrischer Maler, auch er ist Flüchtling. Anne Chapelet