• Flohmarkt in Potsdam: Treffen im Kiez statt Kaufen im Netz

Flohmarkt in Potsdam : Treffen im Kiez statt Kaufen im Netz

Am Samstag fand mit „Westware“ der dritte Kiezflohmarkt in Potsdam-West statt.

Carolin Kulling
Kiezkultur. Beim Flohmarkt geht es nur in zweiter Linie ums Verkaufen.
Kiezkultur. Beim Flohmarkt geht es nur in zweiter Linie ums Verkaufen.Foto: M. Thomas

Potsdam - Annette Paul hat ein großes Lächeln im Gesicht, als sie am Samstag durch die Straßen von Potsdam-West geht. An jedem Hauseingang stehen Verkaufstische, der Duft von Kaffee und Kuchen liegt in der Luft, Hunderte Menschen schlendern durch den Kiez – und das, obwohl der „Westware“-Flohmarkt erst vor 20 Minuten begonnen hat. „Ob eine Veranstaltung wie diese Erfolg hat, entscheiden ja hauptsächlich die Teilnehmer“, sagt sie. „Aber ein bisschen stolz ist man schon, wenn man zumindest den Impuls geben konnte.“

Der „Westware“-Markt lockte die Besucher am vergangenen Samstag bereits zum dritten Mal nach Potsdam-West. Was sie hier erwartet, ist jedoch kein gewöhnlicher Flohmarkt: „Westware“ funktioniert ganz ohne Standgebühr, Organisations- und Transportstress. Bewohner der Nansen-, Lenné-, Geschwister-Scholl- und Hans-Sachs-Straße stellen einfach einen Tisch vor die Haustür und empfangen die Laufkundschaft direkt im Kiez.

Es zählt nicht der Verkaufserfolg, sondern das Miteinander

Im Mittelpunkt steht bei „Westware“ nicht der Verkaufserfolg, sondern vor allem das Miteinander. Nachbarn lernen sich kennen, trinken gemeinsam Kaffee. Mit Veranstaltungen wie „Westware“ will das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West das Leben im Stadtteil noch abwechslungsreicher und nachbarschaftlicher gestalten. Das Prinzip funktioniert Geschäftsführerin Annette Paul zufolge gut. „Wir hatten im letzten Jahr circa 300 Stände. In diesem Jahr scheint es so, als ob wir diese Zahl sogar übertreffen.“ Mittlerweile sei „Westware“ so beliebt, dass sogar Babelsberger ihre Stände im Kiez von Potsdam-West aufstellen.

Als „Westware“ im letzten Jahr seine Premiere feierte, war sich Annette Paul noch nicht sicher, wie gut die Anwohner das Prinzip annehmen würden. Die Zweifel legten sich jedoch schnell. Mittlerweile erkundigen sich einige Bewohner schon im Winter nach den nächsten Terminen, um sich den Flohmarkt-Tag im Kalender anstreichen zu können.

Am vergangenen Samstag ist nahezu jeder Quadratmeter im Kiez zugestellt mit Verkaufstischen, Kleiderstangen oder sogar Regalen, in denen die Anwohner ihre Ware präsentieren. Im kinderreichen Stadtteil Potsdam-West bedeutet das vor allem: Spielzeuge und Kinderbekleidung. Ein paar Blöcke abwärts vom großen Trubel verkauft Julia Schmidt ihre Habseligkeiten. Sie beteiligt sich zum zweiten Mal bei „Westware“ und freut sich über die Gelegenheit, ihren Keller zu entrümpeln. „Ich verkaufe hier keine Kindersachen und habe damit ein gewisses Alleinstellungsmerkmal“, witzelt sie.

„Der Flohmarkt macht uns Spaß."

Ein paar Straßen weiter stehen die Verkaufstische von Dirk Mielke, auf denen aussortierte Kinderspielzeuge liegen. „Der Arbeitsaufwand steht hier in keinem Verhältnis zu dem, was man verdient, aber darum geht es uns auch gar nicht“, erzählt der 45-Jährige. Er rechnet mit einem Gewinn von 20 bis 30 Euro – diese werden dann von seinen Kindern direkt in neue Spielzeuge investiert, sagt Mielke. „Der Flohmarkt macht uns Spaß und ist eine bessere Alternative, als die Dinge im Internet zu verkaufen.“

Trotz des Erfolgs verlief der Start für „Westware“ im letzten Jahr nicht ganz reibungslos. Am Tag nach der ersten Ausgabe des Flohmarkts hatten viele Bewohner ihre nicht verkauften Stücke einfach über Zäune gehängt oder die Ware in Kartons auf die Gehwege gestellt, erzählt Paul. Prompt folgte eine Beschwerde der Stadt. In diesem Jahr hat das Stadtteilnetzwerk aus dem Problem einfach eine Veranstaltung gemacht: Der Sonntag nach „Westware“ wurde als Schenketag angemeldet. Bewohner sind nun dazu aufgerufen, übriggebliebene Habseligkeiten nach draußen zu stellen und den Nachbarn zu überlassen.