Potsdam : Finnische Symbolik

140 000 Einwohner, zehn Freibäder, 500 Joggingstrecken: Ein Besuch in Potsdams Partnerstadt Jyväskylä

Studentenstadt. Blick über den Fluss Jyväsjärvi auf die Universität von Jyväskylä.
Studentenstadt. Blick über den Fluss Jyväsjärvi auf die Universität von Jyväskylä.

Potsdam - Sie ist gerade 180 Jahre alt geworden – Potsdams finnische Partnerstadt Jyväskylä. Dass das Jubiläum nicht ohne Potsdamer gefeiert wurde, ist der Verdienst des Potsdamers Alexander Richter. Er organisierte eine Bürgerreise, um die partnerschaftlichen Beziehungen endlich wieder aufzufrischen. So hatten sich 21 Potsdamer Anfang des Monats auf den Weg gemacht, um der Universitätsstadt in Mittelfinnland einen Besuch abzustatten. Die letzte Visite von Potsdamer Bürgern liegt schon elf Jahre zurück, und auch auf finnischer Seite waren die Aktivitäten für die Städtepartnerschaft verebbt. Ein Ziel der Reise war also, der 1985 geschlossenen Verbindung zwischen Potsdam und Jyväskylä wieder Leben einzuhauchen.

Dem zuträglich war, dass die finnische Stadt erst kürzlich eine neue Beauftragte für Städtepartnerschaften berufen hat. Kirsi Kesänen betreut die elf Partnerstädte Jyväskylä, unter anderem in Japan und Norwegen. Kesänen freute sich über den Besuch der Potsdamer Bürger – und konnte kurz danach sogar mitteilen, dass es auch in Jyväskylä neue Aktivitäten für die Partnerschaft mit Potsdam gibt.

Vor Ort stellte sie den Potsdamern jedoch zunächst das Jyväskylä von heute vor. Das Treffen fand im Rathaus statt, errichtet durch den gebürtigen Berliner Architekten Carl Ludwig Engel Anfang des 19. Jahrhunderts. Was für das Potsdamer Stadthaus noch ansteht, ist in Jyväskylä schon erledigt. Das Bauwerk ist für 13,7 Millionen Euro restauriert und mit modernster Technik ausgestattet worden. So kann Kirsi Kesänen – unterstützt durch Petra Linderoos als Dolmetscherin und Vorsitzende des Finnisch-Deutschen Vereins in Jyväskylä – über eine Video-Bildwand im Sitzungssaal des Stadtparlaments erläutern, wo die Stärken der mittelfinnischen Provinzhauptstadt liegen: Jyväskylä ist eine sehr quirlige, junge Stadt, ein Drittel ihrer knapp 140 000 Einwohner sind Schüler, Studenten, Azubis oder Weiterbildende.

Die Stadt sei aber auch sehr sportlich mit 360 Sportplätzen und -hallen, 500 Joggingstrecken und Langlaufloipen im Winter und mindestens zehn bewirtschafteten Freibädern für sommerliche Temperaturen, erzählt Kesänen. Die Stadt sei sehr kinderfreundlich und biete eine Menge kulturelle Aktivitäten von Theater bis Straßenfesten und einer „Lichtwoche“ im Spätherbst. Nach so viel Information wurden im Kellergewölbe des Rathauses Kaffee und Kuchen gereicht, und Kesänen versprach, sich um die Aktivierung der Städtepartnerschaft auf finnischer Seite zu kümmern. Übrigens: Kaffee trinken die Finnen offensichtlich in großen Mengen, aber nicht allzu stark.

Alexander Richter sprach im Namen der Besucher eine Einladung an die Jyväskyläer aus, doch auch wieder einmal Potsdam zu besuchen. Er ist Vorsitzender des Freundeskreises Potsdam-Jyväskylä. Richter ist eher ein Einzelkämpfer. „Aus Zeitmangel“, sagt er. Nichtsdestotrotz sei er ein großer Finnlandliebhaber. Er war mit dem Chor des Helmholtz-Gymnasiums bereits im April 2017 in Finnland und die Sänger haben große Beachtung gefunden. In Potsdam veranstaltet Richter finnische Abende, lädt zu Buchlesungen, Vorträgen und landestypischen Essen ein. Seine Liebe zu Finnland ist schon mehr als zehn Jahre alt, inzwischen stehen über 30 Bücher über Finnland in seinem Regal. Als vor zwei Jahren die Leiterin des Freundeskreises Potsdam–Jyväskylä, Eva Gretsch, starb, übernahm er deren Erbe. Inzwischen spricht Richter schon ein bisschen Finnisch – eine Sprache, die kaum Anklänge ans Deutsche hat.

Dass viele Deutsche eine Affinität zu Finnland haben, bewies nicht nur Architekt Engel, der das Rathaus in Jyväskylä entwarf. Auch ein anderer deutscher Architekt hat seine Liebe zu Finnland entdeckt, wirkt dort aber auf ganz anderem Feld: Hartwig Reuter stammt aus Bethel bei Bielefeld, hatte dort enge Berührung mit den Bodelschwinghschen Stiftungen und betreut nun am Stadtrand von Jyväskylä auf seinem Gehöft behinderte Menschen und gibt ihnen Arbeit. 1954 kaufte er das Anwesen, nachdem er schon als Jugendlicher bei einem Schüleraustausch die Gegend ins Herz geschlossen hatte. Er ist mit einer Schwedin verheiratet, ließ aus alten, vorhandenen Hausteilen ein zwar neues, doch ganz historisches Haus entstehen und hat Gastfreundschaft zu seinem zweiten Beruf gemacht.

Er empfängt die Potsdamer Gruppe zum Essen mit anschließendem Kaffeetrinken und von seiner Frau selbstgebackenem Kuchen. Der 82-Jährige erzählt von seinem Leben in zwei Ländern, denn auch in Deutschland hat er noch viele Beziehungen. Und er verrät eine finnische Eigenheit: Da man in Finnland keine Gardinen kennt und jeder in die Fenster hineinschauen kann, gewinnt der Deckel des Holzkastens neben dem Ofen an Bedeutung. Ist er geschlossen, so heißt das: Komm rein, setz dich und wärme dich auf. „Kommt ein eher ungeliebter Gast vorbei, wird der Deckel schnell geöffnet“, erklärte Reuter. Denn das heißt: Kein Platz – wir sind beschäftigt.

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Freundeskreis Potsdam-JyväskyläWeitere Infos und Anmeldung bei Alexander Richter vom Freundeskreis, Tel.: 0176 23 71 55 56 oder per Mail an [email protected]