• FH in Potsdam: Der Beißer kommt: Riesenbagger reißt Fachhochschule ab

FH in Potsdam: Der Beißer kommt : Riesenbagger reißt Fachhochschule ab

Der Abriss der Betonkonstruktion der alten Fachhochschule beginnt. Biss für Biss verschwindet der Bau vom Alten Markt.

Skelett. Auf dem Areal der Fachhochschule soll Wohnraum entstehen.
Skelett. Auf dem Areal der Fachhochschule soll Wohnraum entstehen.Foto: A. Klaer

Potsdam - Fans von großdimensionierten Baumaschinen dürften ab dem heutigen Donnerstag in der Potsdamer Innenstadt auf ihre Kosten kommen. Denn nun beginnt der Abriss der oberirdischen Betonkonstruktion des früheren Gebäudes der Fachhochschule am Alten Markt. Dazu wird ein Bagger eingesetzt, an dessen Arm statt einer Schaufel eine riesige Metallzange montiert ist. Die Maschine sollte eigentlich schon am Mittwoch angeliefert werden, allerdings habe es Probleme mit dem Schwerlasttransport gegeben, sagte Sprecherin Jessica Beulshausen den PNN.

Mit ihrer Zange kann die Maschine selbst stabile Stahlbetonteile zerstückeln und auseinanderreißen wie ein prähistorischer Saurier seine Beute. Dieses Schicksal droht nun auch dem Skelett der früheren Fachhochschule. Der Sanierungsträger nennt es Rückbau. Die Entkernungs- und Entsorgungsarbeiten auf dem Areal seien abgeschlossen. Die Bauarbeiten liegen im Zeitplan, hieß es. Nun werde die Gebäudekonstruktion geschossweise von Nord nach Süd abgetragen. Die oberirdischen Abbrucharbeiten sollen demnach voraussichtlich im Sommer 2018 abgeschlossen sein. Im Abschluss geht die Tiefenenttrümmerung los. Der gesamte Rückbau des Areals der Fachhochschule werde bis zum Herbst abgeschlossen sein.

12 000 Tonnen schadstoffbelastetes Material entfernt

Das Gebäude war im Sommer vergangenen Jahres leergezogen und eingezäunt worden. Seitdem wurden nach Angaben des Sanierungsträgers rund 12 000 Tonnen schadstoffbelastetes Material, darunter 162 Tonnen asbesthaltiges Bau- und Dämmmaterial, rund 800 Tonnen Estrich und rund 500 Liter Hydraulik-Öl entfernt. Nun kommen noch rund 30 000 Tonnen Beton aus den Stützen, Decken, Bodenplatten und Fundamenten dazu. Das entspricht rund 12 500 Kubikmetern Material, die entsorgt und abgefahren werden müssen. Doch es wird auch Material geliefert: Rund 12 000 Kubikmeter Erde sind nötig, um die Baugrube nach der Tiefenenttrümmerung wieder zu füllen. Außerdem sollen die Ränder der Baugrube zur Nikolaikirche, zum Staudenhof und zum Landtag durch Spund- oder Trägerbohlwände gesichert werden.

Ab dem nächsten Jahr soll das Areal neu bebaut werden. Zunächst soll auf der Fläche zwischen Landtag und der verlängerten Schwertfegerstraße eine Karree aus Wohn- und Geschäftshäusern entstehen – der sogenannte Block 3. Am gestrigen Mittwoch stimmten die Stadtverordneten im nichtöffentlichen Teil ihrer Sitzung der Grundstücksvergabe an die Investoren zu, bestätigte ein Stadtsprecher auf PNN-Anfrage. Die Potsdamer Genossenschaften „Karl Marx“ und PWG 1956, der Hamburger Immobilienentwickler Rockstone Real Estate und mehrere Einzelinvestoren hatten im März als Ergebnis eines mehrstufigen Wettbewerbsverfahrens den Zuschlag bekommen. Die ersten Bewohner könnten möglicherweise schon 2021 einziehen, so die Pläne der Stadt.

„Mit dem Abriss der Fachhochschule werden nun endgültige Tatsachen geschaffen“

Der Abriss der Fachhochschule war äußerst umstritten. Ein Bürgerbegehren zum Erhalt von DDR-Bauten in der Mitte hatten 2016 mehr als 14 000 Potsdamer unterschrieben, das Verwaltungsgericht erklärte es aber für unzulässig. Als Zugeständnis hatten die Stadtverordneten unter anderem entschieden, dass die Grundstücke an die Investoren nicht zum Höchstgebot, sondern zu einem Festpreis verkauft wurden – die Einnahmen lagen insgesamt bei 6,34 Millionen Euro. Dagegen sollte als Vergabebedingung vor allem das Konzept überzeugen, etwa die Zahl der Sozialwohnungen oder eine möglichst öffentliche Nutzung.

Dass der Abriss der FH nun tatsächlich ernst wird, sorgt bei ihren Befürwortern für Bedauern. „Für uns ist der Abriss der größte Fehler in der Stadtentwicklung seit dem Mauerfall“, sagte André Tomczak von Initiative Potsdamer Mitte neu denken, die das Bürgerbegehren gestartet hatte. Die Chancen des Gebäudes für die Stadtgesellschaft und den Innovations- und Hochschulstandort seien einmalig gewesen. Zudem gehe Potsdam architektonisch die Zeitschicht der Nachkriegsmoderne verloren.

Auch die Potsdamer Landtagsabgeordnete Anita Tack (Linke) meldete sich zu Wort: „Mit dem Abriss der Fachhochschule werden nun endgültige Tatsachen geschaffen.“ Sie verwies auf die Schriftzüge am Bauzaun, die seit Wochenbeginn einen Abrissstopp fordern. „Eine fast verzweifelt wirkende Geste, angesichts der bereits erfolgten Entkernung des Gebäudes“, so Tack, deren Partei den Kompromiss zur Potsdamer Mitte im Stadtparlament mitgetragen hatte. (mit Henri Kramer)