• Potsdamer Feuerwehr übt Rettung aus dem Eis

Feuerwehr-Übung im Tiefen See : Rettung aus dem Eis

Die Feuerwehr Potsdam übte im Tiefen See die Rettung aus dem Eis. Dabei machten die Kameraden deutlich, wie gefährlich solche Einsätze auch für ausgebildete Rettungskräfte sein können.

Die Potsdamer Feuerwehr übte im Tiefen See die Eisrettung.
Die Potsdamer Feuerwehr übte im Tiefen See die Eisrettung.Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Im schnellen Laufschritt hechtet Andy Hertel über das unter seinen Füßen leicht knackende Eis, das einen großen Teil des Tiefen Sees bedeckt. Etwa zehn Meter vom Ufer der Schiffbauergasse entfernt bleibt er stehen und dreht sich um. Mit einem lauten Platsch hüpft er in ein Loch, das er zuvor in das Eis geschlagen hat. Wild winkt er mit beiden Armen und ruft laut um Hilfe.

Erste Übung unter realen Bedingungen seit rund sechs Jahren

Hertel wird sich an diesem Morgen noch sehr oft mit voller Absicht in das Eisloch hineinwerfen. Der 39-Jährige ist Mitglied der Tauchergruppe der Feuerwehr Potsdam und Ausbilder. Er und seine Kameraden nutzten am Donnerstag das anhaltende Winterwetter, um bei -6 Grad Celsius Lufttemperatur unter realen Bedingungen die Rettung von Menschen aus dem Eis zu proben. Und auch die Rettungstaucher der Potsdamer Feuerwehr übten einige Meter davon entfernt unweit des Ufers an der Schiffbauergasse das Tauchen im kalten Wasser und unter dem Eis.

Rettungskräfte trugen wärmeisolierte Überlebensanzüge.
Rettungskräfte trugen wärmeisolierte Überlebensanzüge.Foto: Sebastian Gabsch

25 Kameraden der Berufsfeuerwehr und der Wache Babelsberg waren vor Ort. „Wir mussten die Gelegenheit nutzen. Nicht jedes Jahr ist eine solche Übung möglich“, so Rainer Schulz, Bereichsleiter Gefahrenabwehr der Berufsfeuerwehr. Die letzte Übung mit richtigem Eis und Schnee liege rund sechs Jahre zurück, schätzt Schulz.

Die Kameraden tragen wärmeisolierte Überlebensanzüge

Für Charlotte Conrad ist es die erste Eisrettung. Die 24-Jährige ist seit 2016 Notfallsanitäterin und hat vor kurzem ihre Brandmeisterausbildung abgeschlossen. Gehüllt in einen knallig orangefarbigen Überlebensanzug soll sie als Erste ihren Kameraden Hertel aus dem eisigen Wasser bergen. Der Anzug treibt ähnlich wie ein Luftpolster an der Oberfläche und ist wärmeisolierend, wie Conrad erklärt. Mit einem sogenannten „Hansa-Board“, eine Art Surfbrett mit Haltegriffen, das sie wie einen Schlitten vor sich her schiebt, macht sie sich auf dem Eis auf den Weg zu ihrem eingebrochenen Kameraden.

Ins Eis Eingebrochene geraten durch den Kälteschock in Panik - das raubt ihnen zusätzlich schnell Energie.
Ins Eis Eingebrochene geraten durch den Kälteschock in Panik - das raubt ihnen zusätzlich schnell Energie.Foto: Sebastian Gabsch

Das Board und Conrad werden durch mehrere Seile gesichert, die weitere Kameraden am Ufer festhalten. An der Eislochkante angekommen, setzt sie sich vorsichtig auf das Board und versucht leicht nach vorne gebeugt Hertel aus dem Wasser zu ziehen. Hertel macht es seiner Kollegin nicht gerade leicht und rudert im Wasser wild mit seinen Armen. Alleine vom Zusehen wird einem eiskalt. Nachdem sie ihn endlich auf das Board ziehen kann, gibt Conrad ihren Kameraden am Ufer ein Handzeichen. Sie ziehen das Board mit den beiden darauf Richtung Land.

Laien sollen erst den Notruf wählen, dann die eingebrochene Person beruhigen

Richtig kalt sei ihr nicht, sagt Conrad nach ein paar weiteren erfolgreichen Versuchen. Das Schwierigste sei, den Eingebrochenen überhaupt zu greifen und auf das Board zu ziehen, sagt Conrad. Wer jemanden einbrechen sieht, soll zunächst unbedingt den Notruf wählen, rät sie. Dann sollte man die eingebrochene Person beruhigen. Ob man selbst zur Rettung eilen sollte, hänge davon ab, wie sicher man sich fühle und ob man etwa ein guter Schwimmer oder gar ausgebildeter Rettungsschwimmer sei, sagt Conrad. Die Feuerwehr Potsdam warnt wegen der dünnen Eisdecke aktuell vor dem Betreten der vereisten Gewässern in der Landeshauptstadt.

Im vergangenen Jahr hatte die Feuerwehr Potsdam mehr als 25.600 Einsätze, darunter auch Brandeinsätze, Notfallrettung sowie Einsätze im Krankentransport. Zu Eisrettungen mussten die Kameraden in den vergangenen Jahren wetterbedingt selten ausrücken, sagt Schulz. Der letzte Einsatz war vor rund sechs Jahren, als ein Schlittschuhläufer im Eis eingebrochen war.

Durch Panik und wilde Bewegungen verlieren die Eingebrochenen schnell Energie

Meist gerieten ins Eis Eingebrochene durch den Kälteschock in Panik und versuchten sich mit wilden Bewegungen aus dem Eis zu befreien, erklärt Hertel, der seit Mitte der 90er Jahre bei der Feuerwehr ist. Dadurch verlieren sie sehr schnell ihre Energie, ihre Herzfrequenz gehe runter. „Sie klammern sich dann im wahrsten Sinne an jeden Strohhalm“, so Hertel. Manchmal krallen sie sich auch an den Rettern fest. „Dann kann es passieren, dass wir mit einbrechen“, so Hertel.

Rettungstaucher der Potsdamer Feuerwehr vor der Übung.
Rettungstaucher der Potsdamer Feuerwehr vor der Übung.Foto: Sebastian Gabsch

Wie die Retter in einem solchen Fall wieder aus dem Wasser kommen, wird am Donnerstag im Tiefen See ebenfalls geübt. Sie sollen den Druck auf das Eis möglichst breit verteilen und sich statt mit den Händen abzustützen, erst einen Arm und dann auf der selben Seite ein Bein auf das Eis wuchten und sich, sobald sie aus dem Wasser sind, seitlich vom Loch wegrollen.

Eingebrochene können schon in den ersten 15 Minuten an Unterkühlung sterben

Das kalte Wasser entziehe dem Körper sehr schnell die Wärme, erklärt Schulz. Es gebe zwar durchaus Fälle, in denen die Eingebrochenen mehrere Stunden im Eis waren und überlebten. Doch in der Regel sei es entscheidend, schnell aus dem Wasser zu kommen. Denn bereits innerhalb der ersten 15 Minuten können die Eingebrochenen an einer Unterkühlung sterben.

Ohne Seil verlieren selbst erfahrene Taucher im dunklen Wasser die Orientierung.
Ohne Seil verlieren selbst erfahrene Taucher im dunklen Wasser die Orientierung.Foto: Sebastian Gabsch

Das Wasser ist am Donnerstag etwa zwei Grad kalt, schätzt Dennis Rudolph, Tauchgruppenführer und Tauchausbilder bei der Feuerwehr. Auf der anderen Seite des Steges, an dem sonst das Schiffsrestaurant John Barnett vor Anker liegt, übt er mit den Tauchern im Wasser. Auch sie sollen gezielt einbrechen und sich an den Kälteschock und das Eis gewöhnen, erklärt Rudolph.

Ohne Sicherheitsseil verlieren selbst ausgebildete Taucher im dunklen Wasser die Orientierung

Ohne Sicherheitsseil würden auch die ausgebildeten Taucher in dem stockdunklen Wasser schnell die Orientierung verlieren und das Eisloch nicht mehr finden. Daher üben die Kameraden auch, mit ihren Messern, die sie an ihren Neoprenanzügen bei sich tragen, ein kleines Loch in die etwa fünf Zentimeter dicke Eisschicht zu bohren, um im Notfall auf sich aufmerksam zu machen oder um mit einem Schnorchel Luft holen zu können.

Für die Feuerwehr war es die erste solche Übung unter realen Bedingungen seit rund sechs Jahren.
Für die Feuerwehr war es die erste solche Übung unter realen Bedingungen seit rund sechs Jahren.Foto: Sebastian Gabsch

Wie wichtig eine solche Übung ist, zeigte sich erst am Mittwoch, als ein 43-Jähriger Mann beim Eisbaden in einem Teich im Treptower Park in Berlin unter dem Eis verschwunden war und von Tauchern der Berliner Feuerwehr erst nach etwa zweieinhalb Stunden gefunden werden konnte. Der stark unterkühlte Mann verstarb wenig später im Krankenhaus, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Am Montag sollen weitere Wachabteilungen der Feuerwehr Potsdam die Eisrettung üben, sagte Schulz.

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