Potsdam : Fair Play nach Punkten

Beim „CampCup Brandenburg“ traten die besten Flüchtlingsteams im Straßenfußball gegeneinander an

Beatrix Altmann
Frauenpower. Aus Kenia kam eines von zwei Damenteams beim Turnier.
Frauenpower. Aus Kenia kam eines von zwei Damenteams beim Turnier.Foto: R. Budweth

Babelsberg - Team Afghanistan hat es ins Viertelfinale geschafft: Assar Shahin und seine beiden Mannschaftskameraden machen sich für die nächste Runde bereit. Der 17-Jährige hatte sein Team am gestrigen Sonntag im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion mit 27 Punkten zum Viertelfinalsieg geführt.

Die Rechnung nach Punkten verrät es: Hier findet kein herkömmliches Fußballspiel statt. Beim Straßenfußball wird mit einfachsten Mitteln und wesentlich kleineren Mannschaften auf öffentlichen Straßen und Plätzen gespielt. Fairplay und kameradschaftliches Miteinander zählen mehr als Tore. So gibt es neben der sportlichen auch eine zusätzliche Fairplay-Wertung. Insgesamt sechs Punkte können vergeben werden.

Und auch die Teilnehmer waren am Sonntag besonders: Assar, der in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) lebt, war einer von knapp 60 Geflüchteten, die beim „CampCup Brandenburg“ spielten. Insgesamt waren die 17 besten Streetsoccer-Teams aus den Brandenburger Erstaufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete aus Wünsdorf, Eisenhüttenstadt und Doberlug-Kirchhain angetreten. Die Qualifikationsspiele hatten vorab stattgefunden.

Im Viertelfinale geht es für Assar und seine Kameraden gegen ein Team aus Eritrea. Bereits nach einer Minute fällt auf dem zirka zehn Quadratmeter großen Spielfeld das erste Tor für Afghanistan. Nach zwei Minuten gleicht Eritrea aus, dann sorgt Rajab mit einem gekonnten Schuss für den Sieg. Nach nur fünf Minuten ertönt der Schlusspfiff. Drei sportliche Punkte und drei Fairplay-Punkte für Afghanistan – die Höchstzahl.

Assar erzählt, wie er als 15-Jähriger mehrere Monate auf der Balkanroute unterwegs war, bis er Deutschland erreichte. Sein Vater sei tot, die Mutter lebe mit den beiden Geschwistern in Afghanistan. Sie hat das Haus verkauft, damit Assar das Land verlassen kann. Seit zwei Jahren ist er in Eisenhüttenstadt. Der Schüler spricht sehr gut Deutsch und möchte gern als Koch arbeiten. Doch noch wartet er auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Und mit Warten vertreibt er sich auch den Großteil der Zeit. Da sind sportliche Wettkämpfe eine willkommene Abwechslung: „Wenn wir jeden Tag so spielen könnten wie hier, wäre alles viel einfacher“, sagt er: „Die Leute wären ausgeglichener und weniger frustriert.“

Genau hier setzten die Initiatoren des interkulturellen „CampCups“ bereits vor zwei Jahren an. „Mit den Turnieren wollen wir geflüchteten Menschen erste Kontakte zur deutschen Gesellschaft und dem Vereinssport ermöglichen. Auf der anderen Seite sollen Vereine animiert werden, Flüchtlingen den Zugang zu einer aktiven Vereinsmitgliedschaft zu erleichtern“, sagt Markus Penke, Projektkoordinator der Brandenburger Sportjugend (BSJ) im Projekt Integration durch Sport. Die BSJ bietet in Kooperation mit der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg, dem SV Babelsberg 03 und lokalen Sportvereinen seit 2015 regelmäßig Fußballprojekte für Geflüchtete in Wünsdorf an. „Die Bewohner in unseren Erstaufnahmen äußern immer wieder den Wunsch, im deutschen Vereinssport anzukommen“, sagt DRK-Ehrenamtskoordinatorin Bettina Nathusius.

Jubel ertönt. Die Mannschaft aus Kenia ist ebenfalls im Viertelfinale. Das Besondere: Es handelt sich um ein Frauenteam. Lucy hat bereits in ihrer Heimat Fußball gespielt. Seit drei Monaten lebt sie in der Erstaufnahme Wünsdorf. Ob die 22-Jährige in Deutschland bleiben darf, weiß sie nicht. Der heutige Tag hat aber dafür gesorgt, dass sie einmal nicht nur bangen und hoffen musste: „Wir haben viele interessante Menschen getroffen, zusammen gespielt und einfach nur Spaß gehabt.“ Der Siegerpokal geht schließlich an „Itehad“ nach Doberlug-Kirchhain mit Spielern aus Libyen, Syrien, dem Sudan und Afghanistan. Und die fairsten Fußballer kommen aus dem Iran und nennen sich „Refugee Guys“. Beatrix Altmann