• Fahrradboom in Potsdam: Dem Virus davonradeln

Fahrradboom in Potsdam : Dem Virus davonradeln

Die Menschen in Potsdam haben dieses Jahr die Vorzüge des Fahrradfahrens erkannt - vor allem wegen Corona. Händler freuen sich über hohe Verkaufszahlen. Allerdings machen ihnen Lieferengpässe zu schaffen.

Radfahrer in der Hegelallee in Potsdam.
Radfahrer in der Hegelallee in Potsdam.Foto: Ottmar Winter

Potsdam – Die Coronakrise hat viele Menschen dazu gebracht, sich in ihrer Freizeitgestaltung neu zu orientieren und diese vor allem nach draußen zu verlagern. Das macht sich vor allem beim Fahrradverkauf bemerkbar. Potsdamer Händler haben alle Hände voll zu tun, etliche Fahrräder gingen im Sommer über die Ladentheke. Viele berichten aber auch von einer Tendenz, die bereits vor ein paar Jahren begonnen habe.

„Der Boom hält an“, sagt zum Beispiel Heiko Wonglorz, Mitarbeiter im Fahrradladen Eickhoff in der Potsdamer Zeppelinstraße 8. Obwohl der Sommer vorbei sei, bleibe die Nachfrage anhaltend hoch. Das betreffe sowohl Mountainbikes und Rennräder für sportliche Aktivitäten als auch Cityfahrräder, um statt mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können

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Aber bereits in den Vorjahren sei die Nachfrage hoch gewesen. „Seit den letzten fünf oder sechs Jahren haben wir uns hier nicht mehr gelangweilt“, sagt Wonglorz. Er spricht von einem neuen Zeitgeist. Viele Menschen würden mehr auf die Gesundheit achten, sie wollen sich fit halten. Auch das Klima zu schonen stehe für viele im Vordergrund. Und weil die Potsdamer Straßen immer voller werden, es für Autofahrer schwieriger werde schnell ans Ziel zu kommen, habe sich das Fahrrad als praktikable Alternative erwiesen, so Wonglorz.

Auch Lastenfahrräder boomen

Das trifft auch auf die immer beliebter werdenden Lastenfahrräder zu, die im Alltag für den Transport und somit als Ersatz für das Auto genutzt werden. „Der Verkauf läuft immer besser“, sagt Tom Sehrer, Geschäftsführer von Potsdam per Pedales, das auf den Verkauf von Lastenrädern spezialisiert ist. Auch das Geschäft am Potsdamer Hauptbahnhof erlebt in diesem Jahr eine besonders hohe Nachfrage. „Es ist ein Fahrradjahr“, sagt Sehrer.

Latenräder, auch für Kinder, liegen im Trend.
Latenräder, auch für Kinder, liegen im Trend.Foto: Andreas Klaer

Genauso kann Steffen Linke, seit 25 Jahren Inhaber der Räderei am Kanal, den Fahrradboom bestätigen. Viele hätten einen „richtigen Flash“ erlebt, würden nur noch Fahrrad fahren. „Dieses Jahr hat es nochmal extrem zugenommen“, sagt er. Dazu würden auch die etwa 800 neuen Einwohner beitragen, die jedes Jahr neu nach Potsdam ziehen. Inzwischen gehe der Verkauf von Rädern aber zurück. Eine normale Entwicklung in Herbst und Winter, wie Linke sagt.

Das berichten auch andere Potsdamer Händler. Bei vielen stehen nun Service und Reparaturen im Vordergrund. „Da ersticken wir in Arbeit“, sagt Linke. Der Fahrradexperte beobachtet dabei aber noch einen anderen Trend: die steigende Nachfrage nach E-Bikes. Viele Potsdamer Firmen würden ihren Mitarbeitern inzwischen E-Bikes über ein Leasing-Programm zur Verfügung stellen.

Neues Geschäft für Luxus-E-Bikes

Auf die wachsende Beliebtheit von E-Bikes baut auch das neue Geschäft Stromverkehr, das Ende September in der Potsdamer Gutenbergstraße 94 eröffnete. Verkauft werden dort hochpreisige Luxus-E-Bikes. Die Modelle, die auf der Internetseite aufgeführt sind, kosten so viel wie ein Kleinwagen: zwischen 5000 und 10.000 Euro. „In Potsdam gibt es den Markt dafür“, sagt Store Manager Jan Groß: „E-Bikes sind die Zukunft.“

Hochpreisige Modelle in der neuen Fahrradboutique "Stromverkehr" in der Gutenbergstraße.  
Hochpreisige Modelle in der neuen Fahrradboutique "Stromverkehr" in der Gutenbergstraße.  Foto: Ottmar Winter

In dem Geschäft sollen bis zu 24 ausgewählte Fahrräder präsentiert werden und nicht wie in einem klassischen Fahrradladen eine Vielzahl an Fahrrädern dicht an dicht stehen. „Eher wie eine Boutique“, erklärt Groß. Ohnehin gehe es darum, zusammen mit dem Kunden ein Fahrrad zu konfigurieren und zu bestellen. In Potsdam gebe es ein finanzstarkes Klientel, an das sich das Geschäft richtet. Der Markt für hochpreisige E-Bikes sei noch nicht so erschlossen, meint Groß. Daher soll es bei dem einen Geschäft nicht bleiben. Das Unternehmen plant, weitere Filialen zu eröffnen.

Kunden müssen Geduld haben

Ob hochpreisige Modelle oder weniger kostspielige Exemplare, ganze Fahrräder oder Zubehör: Viele Händler können die Nachfrage nach Fahrrädern aller Art derzeit aber nicht komplett bedienen. Durch die globale Pandemie gibt es überall Lieferschwierigkeiten. Sie würden noch auf E-Bikes warten, die erst im Juni kommenden Jahres geliefert werden könnten, sagt Groß. 80 Prozent der bestellten Fahrräder sollen aber bis zum Ende des Jahres ankommen. Das größte Problem sei das Zubehör. „Der Kunde muss sich darauf einstellen, dass es dauern kann“, so der Store Manager.

Ähnliche Schwierigkeiten hat auch Helmuts Fahrrad Center in der Breiten Straße. „Die Auswahl ist nicht mehr da“, sagt Filialleiter Kai-Steffen Brand. Das Lager sei leer, es dauere, bis neue Fahrräder geliefert werden. Den Herstellern fehlten die Einzelteile, um neue zu bauen, sagt er. Viele Wünsche könne er daher derzeit nicht erfüllen. Etwa die Hälfte der Kunden habe er wieder wegschicken müssen, sagt Brand.


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