• Fachtagung in Potsdam: Die Qual mit dem Lipödem

Fachtagung in Potsdam : Die Qual mit dem Lipödem

800 Plastische Chirurgen nehmen an der Jahrestagung teil. Der Bergmann-Chefarzt Mojtaba Ghods richtet seinen Fokus auf eine Fettverteilungs-Krankheit.

Chefarzt Mojtaba Ghods und Eislaufstar Katarina Witt. 
Chefarzt Mojtaba Ghods und Eislaufstar Katarina Witt. Foto: Carsten Holm

Potsdam - Er hat schon viel auf seinem Fachgebiet erreicht. Der gebürtige Perser Mojtaba Ghods ist seit 2008 Chefarzt der Plastischen, der Ästhetischen und der rekonstruktiven Mikrochirurgie sowie der Handchirurgie im Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“ (EvB). Er zählt zu den renommiertesten Experten der Republik bei der Erforschung des Lipödems, einer schmerzhaften Vermehrung des Fettgewebes, seine Habilitationsschrift dazu steht kurz vor der Vollendung.

Aber freuen kann sich der 61 Jahre alte Ghods noch wie ein kleiner Junge. Bei der Pressekonferenz zur Jahrestagung der beiden Fachgesellschaften für Plastische Chirurgie im Kongresshotel am Templiner See hielt er seinen Stolz darüber nicht zurück, dass er Präsident des Kongresses war – also zum ersten Mediziner der rund 800 Ärztinnen und Ärzte ernannt wurde, die für drei Tage zusammenkamen, um sich auszutauschen. Es sei „eine große Ehre“ für ihn, sagte Ghods, „eine einmalige Chance, so etwas wie die Fußball-Weltmeisterschaft“. Und er freute sich, dass Eiskunstlauf-Ikone Katarina Witt, deren Stiftung Kinder mit Behinderungen fördert, die Kongressteilnehmer begrüßte.

Deutschlandweit sind 3,8 Millionen Frauen betroffen

Ghods forscht seit 13 Jahren am Bergmann-Klinikum in Potsdam und in den Dependancen in Bad Belzig und Forst in der Lausitz über die Krankheit, unter der fast ausschließlich Frauen leiden. Deutschlandweit 3,8 Millionen macht sie zu schaffen.

Ghods leitet ein ärztliches Team von acht Fachärzten und sieben Assistenzärzten, insgesamt werden pro Jahr bis zu 350 operative Eingriffe bei Lipödem-Patientinnen durchgeführt, sogenannte Liposuktionen. Im Durchschnitt erhalten sie drei bis vier operative Eingriffe, mit denen die Symptome gelindert werden sollen. In Arztpraxen, berichtete der Chefarzt, würden die Erkrankten nicht selten als Adipositas-Patientinnen eingestuft werden, ihnen werde geraten, weniger zu essen und mehr Sport zu treiben. Dann versuchten sie verschiedene Diäten – ohne Ergebnis. Ghods: „Es ist eine Krankheit, die leider noch nicht so bekannt ist. Und die Patienten haben große Schmerzen.“ In den vergangenen 15 Jahren sei die konservative Therapie Gold-Standard gewesen.

30.000 Bewerbungen für Studie

Das Klinikum nimmt an einer sechsjährigen Studie mit 400 Patientinnen teil, von denen 140 im Bergmann-Klinikum behandelt werden. Dafür hatten sich 30.000 Frauen beworben. Herausgefunden werden soll, ob die konservative Methode ohne Operation oder die operative erfolgreicher ist. „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass die Operation, das Fettabsaugen, der bessere Weg ist“, sagte Ghods. Bei mehrmaligem Fettabsaugen entstünden Kosten zwischen 20.000 und 30.000 Euro. „Wir setzen uns dafür ein, dass diese Kosten von den Kassen übernommen werden.“

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Die Plastischen Chirurgen haben während der Corona-Pandemie eine um etwa 15 Prozent gestiegene Nachfrage nach klassischen Schönheitsoperationen verzeichnet. Ein Grund sei vielleicht, so Lukas Prantl, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen, „dass Patienten nach einer Behandlung nicht so häufig unter die Leute“ müssten.

Register für Implantationen und Implantate verwirklichen

Einig waren sich die Chefs der Fachgesellschaften, dass das auf den Weg gebrachte bundesweites Register für Implantationen und Implantate bald verwirklich werden müsse. Nur auf diese Weise könne die Patientensicherheit gewährleistet werden.

Henrik Menke, Vize-Präsident der Gesellschaft und Professor im Sana Klinikum im hessischen Offenbach, bedauerte, dass es erst nach Komplikationen mit zwei verstorbenen Patientinnen in Düsseldorf zu einer Debatte über die Qualifikation von plastischen Chirurgen gekommen sei. Grundlage sei eine sechsjährige Weiterbildung zum Facharzt, „und der Patient weiß, was dahinter steht und er hinterfragen kann“. (mit dpa)

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