• Fachhochschule Potsdam: Von mobilen Gefühlen bis zur recycelten Kunst

Fachhochschule Potsdam : Von mobilen Gefühlen bis zur recycelten Kunst

Kreativ und kritisch: Design-Studenten der Fachhochschule Potsdam zeigten am Wochenende ihre Arbeiten und machen damit auch auf Umweltprobleme aufmerksam.

Willkommen in  der Zukunft. FH-Studenten arbeiten mit 3-D-Druckern und tauchen in virtuelle Welten ab. 
Willkommen in  der Zukunft. FH-Studenten arbeiten mit 3-D-Druckern und tauchen in virtuelle Welten ab. Foto: PNN / Ottmar Winter

Potsdam - Ein Käfer liegt auf dem Tisch. Ganz weiß sieht er aus. Die mit Zacken versehenen Fangwerkzeuge vorne an dem großen Körper sind gut zu erkennen. Aber das Tier krabbelt nicht. Denn es ist nur aus Papier, gefertigt von Studenten der Potsdamer Fachhochschule (FH). Auf der diesjährigen Werkschau der Bildungseinrichtung, die am Freitag und Samstag stattfand, konnten Besucher unter anderem jenes Papiertier betrachten. 
Entstanden ist der Käfer im Papierkurs von FH-Professor Klaus Keller. Designstudenten haben hier in den vergangenen Monaten Techniken gelernt, wie man aus Papier formenreiche Gebilde gestalten kann, erzählt Hanna Tracz. Die 19-Jährige studiert im zweiten Semester Kommunikationsdesign. Unterschiedlich gefalztes Papier in diversen geometrischen Formen, das ausgestellt war, zeugte von der intensiven Beschäftigung der Studenten mit diesem ebenso alten wie schlichten Werkstoff. Tracz hat selbst eine Installation aus Papier gestaltet. Ihr Kunstwerk besteht aus zwei parallel von der Decke hängenden Einzelteilen. Dafür hat die Studentin kleine Papiersegmente zusammengerollt und sorgsam verklebt. Ein wenig erinnert diese Installation an organisches Material, dessen Zellen man unter dem Mikroskop betrachtet. 

Papierkunst. Die Arbeit erinnert etwas an Zellen unter dem Mikroskop. 
Papierkunst. Die Arbeit erinnert etwas an Zellen unter dem Mikroskop. Foto: PNN / Ottmar Winter

Von der Zimmerpflanze inspiriert

Eine ganz freie Schöpfung sei ihre Arbeit. Halte man sich hingegen an Vorbilder anderer Künstler, so schränke dies die eigene Kreativität nur ein, findet Tracz. Doch selbst die freieste kreative Schöpfung bedarf einer Inspiration. Tracz sagt, ihre Zimmerpflanzen zu Hause hätten sie zu der Installation angeregt. Die Aufgabenstellung in dem Studienkurs beschreibt die junge Frau so: „Wir sollten ein dreidimensionales Modell erschaffen, das in den Raum hineinragt beziehungsweise ihn einnimmt.“ Erst haben die Studenten einzelne Formen geübt und sich dann an das jeweilige Gesamtobjekt gewagt, erzählt Tracz. „Für uns steht jetzt noch eine Dokumentation des Kurses an.“ Da müsse sie auch die einzelnen Zwischenschritte auf dem Weg zum Gesamtobjekt erläutern, sagt Tracz. „Das ist dann auch das, was später bewertet wird.“

Werkschau präsentiert Arbeiten aus 75 Kursen

Insgesamt waren es 75 Kurse, die nach Angaben von Mitorganisatorin Jasmin Kappler ihre Arbeitsergebnisse in der Werkschau an der Fachhochschule am Freitag und Samstag ausgestellt hatten. Wer durch die Gänge der FH ging, konnte sich leicht verlieren in der Vielzahl der doch so unterschiedlichen Ausstellungsobjekte. Aus manchen Räumen drangen Klänge auf die Flure hinaus, Videos waren zu sehen, Installationen, auch Plakate und im Foyer sogar bunt gestaltete Schuhe. 

Hanna Tracz und ihre Papierkunst im Hintergergrund. 
Hanna Tracz und ihre Papierkunst im Hintergergrund. Foto: PNN / Ottmar Winter


Ein besonderer Blickfang war ein thronähnlicher Stuhl aus Altplastik. Überdies eine sehr doppeldeutige Idee: „Worauf wir in Zukunft sitzen bleiben werden, wenn sich nicht schnellstmöglich etwas ändert“, heißt es in der Erläuterung zu diesem Ausstellungsobjekt, das in dem Kurs „Die Sache mit dem Plastik“ entstanden ist. Ziel dieser Lehrveranstaltung sei es gewesen, „Plastik zu recyclen und damit Objekte zu gestalten“, mit denen der Konsum von Plastik kritisch hinterfragt wird, erläuterte Felix Reich den theoretischen Ansatz. 

Fokus auf Elektroschrott

Der Student des Produktdesigns hat die durch Plastik entstandene Umweltmisere in vier Objekten verarbeitet, die wie Steine aussehen. Doch sie sind keineswegs mineralischen Ursprungs, sondern bestehen aus Plastik. Jeder einzelne „Stein“ hätte in einem Handteller bequem Platz. In einem dieser vier Objekte ist gleichsam wie in einem Bernstein eine tote Hornisse eingeschlossen. Ein leicht grünlicher „Stein“ wiederum beinhaltet Spuren von Elektronikschrott. Unter den vier steinartigen Objekten, die Reich geschaffen hat, sind jeweils die geografischen Koordinaten von Orten angegeben, die mit dem weltweiten Müllproblem verbunden sind. Unter dem Objekt mit der eingeschlossenen Hornisse seien die Koordinaten einer illegalen Mülldeponie verzeichnet, die vor drei Jahren in Neapel entdeckt wurde, erläutert Reich. Der „Stein“ mit dem Elektronikschrott wiederum verweise mit seinen Koordinaten auf eine riesige Deponie in Ghana. 

Gesammelter, nicht recycelbarer Müll wird zu einem Sessel umfunktioniert. 
Gesammelter, nicht recycelbarer Müll wird zu einem Sessel umfunktioniert. Foto: PNN / Ottmar Winter


Wenn derartige Halden brennen, könnte das Plastik schmelzen und vielleicht so ähnlich aussehen, wie die von ihm geschaffenen Ausstellungsobjekte, sagt Reich. „Könnte es dann auch wieder wertvoll sein?“, fragt der Student. Also Altplastik als begehrte Ware. In einer zukünftigen Welt, in der das Erdöl vielleicht endgültig versiegt ist, wäre der gebrauchte und von den Spuren der Zeit gezeichnete Kunststoff womöglich wieder ein begehrtes Rohmaterial. So wie Bernstein. 

Produktdesignstudent Wanja Pasternak arbeitet mit 3-D-Druckern. 
Produktdesignstudent Wanja Pasternak arbeitet mit 3-D-Druckern. Foto: PNN / Ottmar Winter


Die meisten Studenten, deren Arbeiten am Freitag und Samstag an der FH zu sehen waren, studieren so wie Felix Reich am Fachbereich Design. Aber auch Studenten des Studiengangs Europäische Medienwissenschaft sowie Architekturstudenten präsentierten ihre Arbeiten. Die Veranstaltung hat bereits Tradition. Immer zum Ende des Sommersemesters gibt es die Schau an der Fachhochschule Potsdam. „Dieses Jahr ist es komplett studentisch organisiert“, sagt Mitorganisatorin Kappler über das Veranstaltungsformat. 
Wie man mit sehr modernen technischen Mitteln kreativ tätig werden kann, wurde ebenfalls gezeigt. Auf einem Computer konnten die Besucher selbst einfache Objekte entwerfen und sie dann in einem 3-D-Drucker vor Ort fertigen lassen. „Gerade für Kinder ist das spannend“, sagte Standbetreuer Wanja Pasternak, selbst Student des Produktdesigns. Doch an diesem Samstag kamen – jedenfalls zunächst – nicht so viele Kinder vorbei. Es fühlten sich wohl eher „die großen Kinder“ angesprochen, meinte Pasternak.