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Fachhochschule Potsdam : Abschied am Alten Markt

Die ehemalige Fachhochschule in der Innenstadt ist komplett entkernt. Im April beginnt der Abriss der Außenhülle. Die PNN haben einen letzten Blick in das Gebäude geworfen.

Nur noch Fassade. Das Gebäude der ehemaligen Fachhochschule ist bereits komplett entkernt. Demnächst beginnt der eigentliche Abriss. Fotos (4): Ronny Budweth
Nur noch Fassade. Das Gebäude der ehemaligen Fachhochschule ist bereits komplett entkernt. Demnächst beginnt der eigentliche...

Innenstadt - Es ist seltsam, wenn man mitten in Stadt ein Areal betritt, das wirkt wie die Kulisse aus einem Kriegsfilm: In den leeren Hallen zieht es, von der Decke hängen alte Metallverkleidungen herab. Überall bröckelt der Putz, der Boden ist mit kalkigem Baustaub bedeckt. An einer der meterhohen Betonsäulen lehnt ein einzelner Besen. Es ist ein letzter Blick in das Skelett der ehemaligen Fachhochschule (FH), dessen entkernte Außenhülle über den Schuttbergen an der Friedrich-Ebert-Straße aufragt, hinter dem zweieinhalb Meter hohen Bauzaun mit der Ausstellung zum 1025. Stadtjubiläum. Seit November 2017 ist das komplette Innenleben des Gebäudes entfernt worden, Mitte April soll der endgültige Abriss beginnen, die Gesamtkosten dafür belaufen sich auf 2,8 Millionen Euro. „Alle Fenster sind raus, ebenso wie alles an Keramik oder Metall – es gibt jetzt nur noch tragende Wände“, sagt Sigrun Rabbe, Chefin der Sanierungsträger Potsdam GmbH. „Wir haben sozusagen einen ‚hohlen Vogel’.“

Rund 12 000 Tonnen schadstoffbelastetes Material haben die Bauarbeiter in den vergangenen Monaten entfernt, darunter 162 Tonnen asbesthaltiges Bau- und Dämmmaterial, 800 Tonnen Bodenestrich und 500 Liter Hydraulik-Öl. Bis auf das Dach, auf dem sich mehr belasteter Beton befand als erwartet, habe die Menge der Schadstoffe den Prognosen entsprochen. Man liege gut im Zeitplan, sagt Rabbe: „Überraschend war, dass es nicht mehr Überraschungen gab, bei so einem großen Gebäude ist das eher ungewöhnlich.“

Ohne Abrissbirne oder Sprengstoff

Trotz des sonnigen Wetters macht die weitläufige Baustelle einen gespenstischen Eindruck: Hunderte leerer Fensterhöhlen sind zu sehen, immer wieder knirschen Glasscherben unter den Schuhen. „Hochschulsport“ ist noch auf einer der zerbrochenen Scheiben im Erdgeschoss zu lesen, ein paar Meter weiter fällt gerade eine Deckenplatte zu Boden. Aus dem Obergeschoss sind Bruchgeräusche von den kleinen Baggern zu hören, die im Innern der Ruine letzte Entkernungsarbeiten verrichten.

Bis Ostern sollten die Schutthaufen an der Friedrich-Ebert-Straße verschwinden, danach wird zwischen der FH-Ruine und dem Bauzaun ein so genanntes Fall-Kiesbett aufgeschüttet. Dies dient als Dämmung gegen Bodenerschütterungen, wenn beim Abriss größere Teile des Gebäudes zu Boden gehen, erklärt Rabbe.

Denn bald geht es an die Substanz: Beginnend vom Bildungsforum in Richtung Alter Markt wird die Kubatur der ehemaligen FH geschossweise abgetragen. Dabei kommt weder eine Abrissbirne noch Sprengstoff zum Einsatz, sondern ein sogenannter Longfront-Bagger. Um Lärm und Staub zu vermeiden, wird das herausgestemmte Material allerdings nicht vor Ort gebrochen, sondern zur Zerkleinerung abtransportiert.

Noch gibt es Spuren studentischen Lebens

Anders als die bereits entfernte Wabenverkleidung können die charakteristischen Betonstelen an der Außenfassade nicht erhalten werden: „Es gab Anfragen von Künstlern aus dem Rechenzentrum, die daraus vielleicht Skulpturen machen wollten, aber leider sind die Betonelemente zu sehr mit der Wand verbunden“, sagt Rabbe: „Sie würden kaputtgehen, wenn man sie abnehmen würde.“

Noch sind Spuren des studentischen Lebens an der Front der Ruine gegenüber dem Landtagsschloss zu finden: Einige Sticker mit dem Slogan „Bitte stehen lassen!“ kleben an der Wand neben dem entglasten Eingangsbereich, hinter dem eine staubige Treppe ins Nirgendwo führt. Ein paar Meter weiter hängen noch Plakate mit der Überschrift „Retten was zu retten ist!“, darunter eine Liste der bereits verschwundenen DDR-Bauten in Potsdam und derer, die noch folgen sollen, unter anderem das Rechenzentrum und die Schwimmhalle am Brauhausberg, deren Abriss vor einer Woche begonnen hat.

Bis von der FH nichts mehr zu sehen ist, wird es noch ein halbes Jahr dauern: Spätestens im Oktober soll die Außenhülle abgetragen sein, danach geht es an die „Tiefen-Enttrümmerung“, erklärt Rabbe: „Das wird nicht ganz einfach, da wir das Material aus dem Boden holen müssen und auch eine Absenkung des Grundwassers möglich ist.“ Auch die bis zu sechs Meter tiefen Fundamente werden entfernt, die Baugrube wird anschließend wieder zugeschüttet, damit sich kein Wasser darin ansammelt.

Ab 2019 entstehen Wohn- und Geschäftshäuser

Danach wird neugebaut: Ab 2019 wird zwischen Schloss und Bildungsforum ein Karree aus Wohn- und Geschäftshäusern mit teils barocken, teils modernen Fassaden entstehen. Im März wurden die Sieger im Wettbewerb um die FH-Grundstücke vorgestellt (PNN berichteten). 2022 soll die neue Mitte fertig sein.

Noch ist schwer vorstellbar, wie der Platz dann aussehen wird: Zu stark ist der Eindruck der FH, nicht nur der der jetzigen Ruine, sondern auch der des historischen Gebäudes, das lange zum Stadtbild gehörte. 40 Jahre prägte der ebenso raumgreifende wie sachliche DDR-Bau die Mitte, viele Potsdamer sind mit ihm aufgewachsen, haben hier studiert oder auf den Treppenstufen am Alten Markt gesessen. Wer nun in die leeren Flure und Hallen blickt, den Baggern beim Abbrechen der Fassade zuschaut oder durch die Löcher im Dach den Himmel durchschimmern sieht, spürt: Hier wird ein Stück Stadtgeschichte abgerissen – egal, ob man diese Geschichte mochte oder nicht.